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Wer war Leny Bider? Und warum starb sie mit 25 Jahren?

Margrit Schriber widmet ihren neusten Roman dem Geschwisterpaar Leny und Oskar Bider. Entstanden ist zum einen das Porträt der Schweiz um 1900. Zum anderen geht die Autorin dem Leben einer faszinierenden Frau nach.

Südostschweiz
Montag, 10. Oktober 2011, 02:00 Uhr

Von Vre Amberg

Langenbruck. – Zürich, Dübendorf, Liestal und das Baselbieter Passdorf Langenbruck haben eine Gemeinsamkeit: Alle vier Orte haben eine Oskar-Bider-Strasse. Doch nur die Langenbruckerinnen und Langenbrucker wissen wohl, dass der grosse Sohn ihres Dorfes, der Flugpionier Oskar Bider, eine kleine Schwester hatte, Leny.

Mag sein, dass heute im Dorf auf dem Oberen Hauenstein die einen oder andern nichts mehr von dieser Leny hören mögen. Dieses Theater um diese junge Frau, die, aus welchen Gründen auch immer, am Tag des tödlichen Absturzes ihres Bruders sich erschoss! Das Thema sei ausgereizt, man habe genug davon. Andere freuen sich, dass die renommierte Schwyzer Schriftstellerin Margrit Schriber sich genau diesem Thema verschrieben hat.

Wagemutige Männer in ihren fliegenden Kisten

In ihrem neusten Roman «Das zweitbeste Glück» geht Schriber dem glamourösen Geschwisterpaar Leny und Oskar nach. Es gelingt ihr meisterlich, die Fäden der Tatsachen und diejenigen ihrer Fantasie zu einem farbenreichen Tableau zu verweben. Entstanden ist dabei ein spannender Roman, der auch Einblick gibt in das gesellschaftliche Leben des frühen 20. Jahrhunderts in unserem Land. Wie die einen euphorisch vorwärts stürmen in eine Zukunft voller technischer Neuerungen und damit Geschichte schreiben: Die Automobile kommen auf, wagemutige Männer in abenteuerlichen Flugapparaten begründen das Zeitalter der Aviatik und in den Kinos wird der erste grosse Schweizer Film gezeigt. Doch die andern halten noch fest am Alten und Bewährten, an den Regeln ihrer Vorfahren, dem Rollenverständnis von Frau und Mann. Frauen sollen nicht Geschichte schreiben, sie sollen sich in Pensionaten und Haushaltschulen aufs Leben als Ehefrau und Mutter vorbereiten. Leny’s Ziele sind andere.

«‘Wenn ich nur einmal auftreten dürfte und nach geendigtem Spiel gefeiert würde. Nur dieser Wunsch.’ Der Satz steht im Tagebuch von Julie Helene Bider. Am Nachmittag des 7. Juli 1919 tötet sich die Schauspielerin in ihrem Wohnschlafzimmer im Hotel ‘Bellevue au lac’ in Zürich mit einem Schuss in den Kopf.» – Mit diesen Worten beginnt Schribers Roman über das kurze, schillernde Leben der Leny Bider. Das zweitbeste Glück? Zum besten Glück reicht es der jungen, rebellischen Frau in ihren 25 Lebensjahren nicht. Immer nur für ein paar Stunden, Tage, vielleicht Wochen, hat sie einen Zipfel von diesem besten Glück in der Hand. Dann, wenn sie eines ihrer Ziele erreichen kann, gegen alle Widerstände: den schicken Hut, den sie unbedingt will, den unbegleiteten Ausgang aus dem «Pensionatskäfig» in die nahe gelegene Stadt Lausanne, die Schauspielschule, die sie gegen den Willen der Verwandten besucht, als Filmdiva in den Illustrierten gross herauskommen, auf dem Hintersitz von Oskars Flugzeug in die Lüfte abheben.

Ausserhalb von Langenbruck kennen nur noch wenige den Namen Leny Bider. Wohl niemand in Basel, wo sie als Halbwaise mit ihrem Vater für kurze Zeit lebte, erinnert sich mehr an die aufmüpfige Schülerin an der Töchterschule, die auf der Strasse rauchte und zusammen mit Freundinnen in die Garderoben der angehimmelten Theaterschauspieler drang. Und kaum jemand in Zürich, wohin sie als junge Frau zog, wird noch wissen, dass sie 1917 die Hauptrolle im ersten grossen Schweizer Kinofilm gespielt hat und danach für kurze Zeit ein gefeierter Star war. Vergessen ist die Zeit, wie sie an der Seite ihres berühmten Bruders in gehobenen Zürcher Kreisen verkehrt und im Mittelpunkt von rauschenden Festen gestanden hat.

Nun wird der Roman «Das zweitbeste Glück“ Leny Bider die Bühne geben, die sie sich zu Lebzeiten so sehr ersehnt hatte – 92 Jahre nach ihrem Tod.

Die Asche im Wind gesammelt

Auf ihrer Internetseite macht sich Autorin Schriber Gedanken zum Thema Zeit, Sein und Vergehen: «Ich frage nach dem Sinn meines viel zu kurzen Tags. Hoffnungen stossen an Grenzen. Grosse Entwürfe zerschellen an Unfähigkeiten und Zwängen. Das Angehäufte zerrieselt. Unsere Macht, unser Gesicht, unser Name und unser Werk? Asche im Wind. Unsere Spur verliert sich.» Als Schriber diese Zeilen schrieb, wusste sie noch nichts von Leny Bider und dem zweitbesten Glück. Jetzt könnten diese Worte wie eine Zusammenfassung von Lenys Leben gelesen werden: Hoffnungen, die an die Grenzen stiessen; Entwürfe, die zerschellten an den Zwängen; An- gehäuftes, das zerrieselte, Asche im Wind – ihre Spur, die sich verlor.

Die Langenbruckerin Christine Heid, die vor ein paar Jahren als Erste mehr über das Leben von Leny Bider wissen wollte und dadurch alles ins Rollen brachte, der Biograph Johannes Dettwiler-Riesen, der danach monatelang über Oskars Schwester recherchiert hat und die Autorin Margrit Schriber – sie alle haben von dieser Asche im Wind gesammelt. Damit sich die Spur dieser jungen Frau und das Wissen über die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ganz verlieren.

Die Autorin geht demnächst mit ihrem Roman auf Lesetour. Die Buchpremiere findet am 28. Oktober in Langenbruck statt.

Margrit Schriber: «Das zweitbeste Glück». Nagel & Kimche. 176 Seiten. 25.90 Franken.

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