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Wenn Sven Montgomery die Ausreisser verhungern lässt

Fünfmal hat Sven Montgomery die Tour de Suisse auf dem Radrennsattel bestritten. Jetzt beobachtet der Berner die Landesrundfahrt aus einer anderen Warte – als Co-Kommentator des Schweizer Fernsehens.

Südostschweiz
Sonntag, 19. Juni 2011, 02:00 Uhr

Von Hansruedi Camenisch

Rad. – Wenn Sven Montgomery am Fernsehen sagt, «das Feld lässt die Ausreisser verhungern» oder «sie fahren das Loch zu», verwendet er typische Radrennfahrer-Ausdrücke. Der Berner weiss haargenau, wovon er spricht. Während neun Jahren krümmte er seinen Buckel selber als Profi über dem Rennradlenker. Als starker Allrounder beendete er die Tour de Suisse dreimal unter den ersten Zehn; 2000 wurde er Vierter, ein Jahr zuvor Sechster und 2003 Achter. Seine Kletterqualitäten stellte er als Bergkönig 2001 in der Dauphiné-Rundfahrt und 2004 in der Tour de Romandie unter Beweis.

Als Erster über den Tourmalet

Noch heute wird Montgomery allerdings primär darauf angesprochen, dass er 2001 in der Tour de France den legendären Tourmaletpass als Erster überquerte. «Damals ging ich eigentlich nur darauf aus, das Preisgeld zu holen. Welchen Mythos dieser Berg besitzt, wurde mir erst später klar, weil ich immer wieder auf jenen Tag angesprochen wurde und noch immer werde», bemerkt er.

Für (ungewollte) Schlagzeilen sorgte der Berner verschiedentlich aber auch durch Stürze, die ihn zurückwarfen. 2004 zum Beispiel brach er sowohl im Giro d’Italia als auch in der Tour de France das Schüsselbein. Und dennoch sagt Montgomery, dass er auch ein zweites Mal auf die Karte Radrennsport setzen würde. «Ohne jenen Job hätte mich das Schweizer Fernsehen ja gar nicht für meinen jetzigen Job angefragt», bemerkt er mit einem Augenzwinkern.

Als Co-Kommentar erhalte er einen interessanten, vielseitigen Einblick in eine neue Welt. Früher war Montgomery als Radprofi von den Medien gelobt und kritisiert worden. Jetzt stellt sich ihm dieselbe Aufgabe. «Ich bin als Aktiver nie derart kritisiert worden, dass ich mich angegriffen fühlte», sagt er. «Ich weiss, was in einem Rennfahrerkopf und in den Beinen abgeht und wie man an der Spitze des Rennens, im Feld, abgehängt am Schluss, in einem steilen Aufstieg oder in einer heiklen Abfahrt denkt. Das versuche ich rüberzubringen», so der ehemalige Radprofi. Die Fahrer lobe er, oder er nehme sie in Schutz. Wo etwas nicht stimme, nenne er die Dinge aber auch beim Namen. «Es ist immer eine Frage der Art und Weise, wie man kritisiert», meint Montgomery. Speziell sei für ihn die Überquerung der Grossen Scheidegg im Berner Oberland am vergangenen Montag gewesen. «Es handelt sich bei diesem Pass um einen der härtesten Aufstiege in der Schweiz. Und nur bestimmte Fahrzeuge dürfen die Fahrer über diesen Berg begleiten», bemerkt Montgomery. Als die Tour de Suisse vor zwölf Jahren letztmals über die Grosse Scheidegg geführt hatte, quälte er sich selber im Rennen darüber, jetzt durfte er das spektakuläre Etappenfinale gleich bei seiner Tour-Fernseh-Premiere kommentieren.

Dorfpolizist in Kehrsatz

Montgomery ist fürs Fernsehen im Mandat tätig. Im Frühling analysierte er an der Seite von Claude Jaggi die prestigeträchtigen Classiques und die Tour de Romandie. Ab übernächstem Samstag folgt die Tour de France. Den drei Wochen in Frankreich blickt er mit gemischten Gefühlen entgegen. Aus dem Koffer hat der Berner als Radprofi schon zu Genüge gelebt. Beruflich ist er bei der Berner Gemeinde Kehrsatz offiziell als Administrativer Sachbearbeiter beim Polizeiinspektorat angestellt, im Volksmund besser bekannt als Dorfpolizist. Er trage zwar eine Uniform, aber keine Waffe, bemerkt Montgomery. Bei sich hat er aber meist den Bussenblock. Das Gerücht, er müsse ein vorgegebenes Budget an Bussengeldern eintreiben, dementiert er. «Wir haben keine Vorgaben, doch die Vorgesetzten sind natürlich froh, wenn man etwas motiviert zur Sache geht.»

Zurück zur Tour de Suisse: Die erwähnten Ausreisser liess Montgomery übrigens nicht verhungern. Sie wurden, wie von ihm vorausgesagt, nach langer Vorausfahrt vom Feld vor dem Ziel einfach wieder eingeholt.

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