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«Was zählt, ist die Hilfe zur Selbsthilfe»

Am Dienstagabend hat Johann Schneider-Ammann in Zernez über Wirtschaftsförderung in Randregionen gesprochen. Versprechen machte der Bundesrat keine, vielmehr appellierte er an die Eigen- initiative.

Südostschweiz
Donnerstag, 06. Oktober 2011, 02:00 Uhr

Von Fadrina Hofmann

Zernez. – Hoteliers, Bauunternehmer, Geschäftsleute und auffallend viele Nationalratskandidaten hatten sich am Dienstagabend im Auditorium des Nationalparkzentrums Zernez eingefunden, um Johann Schneider-Ammann zuzuhören. Thema seines Vortrages war: «Wirtschaftsförderung in der Randregion». Für diesen vom Handels- und Gewerbeverein organisierten Abend «opferte» der Vorsteher des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements sogar einen seiner Ferientage im Unterengadin.

Was das Publikum zu hören bekam, waren keine konkreten Hilfsversprechen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Dafür lobte der Bundesrat, der die Region seit Jahrzehnten gut kennt, das Unterengadin als innovativ und zukunftsgerichtet. «Was letzlich zählt, ist die Hilfe zur Selbsthilfe», meinte er. Gefragt seien heutzutage so innovative Projekte wie «die Gesundheitsregion in der Nationalparkregion». Auch in Sachen regionales Denken habe das Unterengadin die Zeichen der Zeit erkannt. Die Bildung der Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG oder des Gesundheitszentrums Unterengadin lassen laut Schneider-Ammann auf eine gute Vernetzung schliessen.

Weiterhin auf Qualität setzen

Der Bundesrat sagte weiter, dass das Unterengadin im nationalen Vergleich wirtschaftlich noch «überdurchschnittlich gut unterwegs» sei. Dies führe er auf die Werte der Region zurück. Trotzdem habe er als ehemaliger Hotelier Verständnis für die Sorgen dieser Randregion, die in erster Linie vom Tourismus lebt und die Finanzkrise stark spürt. Für die kommende Wintersaison prognostizierte der Wirtschaftsminister, dass auch diese Region vom schwachen Euro beeinflusst sein wird. «Als Tourismusregion von höchster Qualität muss das Unterengadin aber weiterhin auf Qualität setzen», riet er. Die Nationalparkregion sei etwas Einzigartiges auf der Welt. Es gehe darum, weiterhin am Konzept rund um Natur, Kultur und Gesundheit festzuhalten.

«Jeder muss seinen Beitrag leisten»

Schneider-Ammann nahm auch Stellung zur Situation der Schweiz in der Wirtschaftskrise. Als wichtige Herausforderung erachtete er den Standortwettbewerb. Trotz offener Märkte und zunehmender Globalisierung appellierte der Bundesrat daran, den Wettbewerb anzunehmen und «im guten Sinne des Wortes» zu pflegen. Eine niedrige Arbeitslosigkeit und eine funktionierende Sozialpartnerschaft seien für den Staat zentral.

Laut dem Bundesrat muss der Entscheid der Nationalbank, den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro festzusetzen, von allen Parteien im Land unterstützt werden. «Es braucht die geschlossene Schweiz, um diese Entscheidung mitzutragen», so Schneider-Ammann. Das sei ein Zeichen gegen aussen, dass die Schweiz sich in schwierigen Zeiten zu wehren wisse. «Wenn jeder seinen Beitrag leistet, kommen wir wieder aus der Krise», meinte er und fügte an: «1291 gegen die Habsburger, 2011 gegen die Finanzkrise.»

Nach dem Vortrag von Schneider-Ammann liessen es sich verschiedene Vertreter aus der Region nicht nehmen, beim Bundesrat noch ein paar Sorgen und Bitten zu deponieren. So forderte zum Beispiel Bauunternehmer Roland Conrad aus Zernez «abschreckende» Bussen beim «momentan im Unterengadin grassierenden Lohn-Dumping» von ausländischen Unternehmen. Hans Kleinstein, Gemeindepräsident der Zollfreigemeinde Samnaun, verlangte Massnahmen, um die Preishochhaltung der Importeure zu stoppen. Und Kurt Baumgartner, Hotelier aus Scuol, wollte von Schneider-Ammann wissen, welche langfristigen Lösungen für den Tourismus geplant sind, falls die Eurokrise anhält. Diese letzte Frage konnte wohl auch nicht beim anschliessenden Apéro geklärt werden.

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