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War Nietzsche wirklich ein Atheist?

War Nietzsche wirklich ein Atheist?

Martin Pernet aus Sent ist ein profunder Kenner des Philosophen Friedrich Nietzsche. In seinem neuesten Werk kommt er zu Erkenntnissen, welche die Nietzsche-Forschung revolutionieren könnten.

Südostschweiz
vor 6 Jahren in

Von Fadrina Hofmann

Sent. – Er ist allgegenwärtig. Sein Porträt hängt an der Wand, sein Name steht auf zahlreichen Buchrücken, und in einem Kubus aus Plexiglas blickt er dem Besucher in Form einer wertvollen Statue entgegen: Friedrich Nietzsche (1844–1900). Er ist im Leben von Martin Pernet ebenso präsent wie in seinem Büro am östlichen Dorfrand von Sent. Seit fast 60 Jahren lässt Nietzsche den Theologen und Philosophen nicht mehr los.

Als Gymnasiast entdeckte Pernet in einem Antiquariat in seiner Heimatstadt Basel einen Gedichtband von Nietzsche und war sogleich fasziniert. «Er ist einer der ganz grossen deutschen Sprachkünstler», sagt Pernet, während er in einem der vielen Nietzsche-Werke nach dem Gedicht sucht, das ihn beim heimlichen Lesen unter der Schulbank so gefesselt hatte.

Die Sprache und die Tiefe der Gedanken dieses Genies hätten ihn sofort gepackt. Nietzsche: Wunderkind, Philologe, Komponist, Philosoph und Dichter. Heerscharen von Gelehrten beschäftigen sich mit seinem Leben und Wirken. Pernet ist einer der «Angefressenen». «Es geht nur, wenn man angefressen ist, sonst gibt man auf», meint der ehemalige Pfarrer und Lehrer für Geschichte, Philosophie und Antike Kulturgeschichte.

Fluch auf das Christentum

Als Theologe und Philosoph bewegt sich Pernet aus wissenschaftlicher Sicht in einem Grenzbereich. Seine Dissertation verfasste er 1988 über das Christentum im Leben des jungen Friedrich Nietzsche. Nietzsche gilt als penetranter Kritiker des Christentums. «Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum» ist eines seiner Spätwerke und wird als polemische Abrechnung mit dem Christentum gewertet. Pernet kommt in seinem Erstlingswerk zur Überzeugung, dass diese Kritik eben aus dem Christentum selber kommen muss. Nietzsche stammte aus einer traditionellen Pfarrersfamilie und hatte sogar ein Semester lang Theologie studiert. «Mein Ziel war herauszufinden, welchen Einflüssen er zu Hause ausgesetzt gewesen ist», erzählt Pernet.

Pietistische Erweckung

Nächte- und jahrelang hat er recherchiert, hat Tausende von Papierseiten in altgotischer Schrift gelesen und zahlreiche Reisen nach Ostdeutschland unternommen. Die Entdeckung, dass Nietzsches Vater ein heimlicher Anhänger der pietistischen Erweckungsbewegung – einer Bussbewegung aus dem 19. Jahrhundert – gewesen ist, hat Pernet die Augen geöffnet. Er kam zur Überzeugung, dass diese christliche Bewegung Nietzsche in jungen Jahren stark beeinflusst haben muss. «Nietzsche als Atheist zu bezeichnen, ist mir einfach zu banal», meint Pernet.

Zehn Jahre hat der dreifache Familienvater für seine Dissertation recherchiert. 20 Jahre Quellenstudium benötigte er, um sein neues Buch über Nietzsche zu verfassen. «Nietzsche und das ‘Fromme Basel’», heisst das Werk, das ab September in der Reihe «Beiträge zu Friedrich Nietzsche» im Schwabe-Verlag erscheinen wird. Von 1869 bis 1879 war Nietzsche Professor der klassischen Philologie in Basel. Damals gehörten die mächtigen Familien der Stadt, wie Sarasin oder Merian, eben der pietistisch-erwecklichen Glaubensbewegung an. «Das waren einflussreiche, engagierte Christen», schildert Pernet. Während seiner Recherchen ist er allen Freunden von Nietzsche während seiner Basler Zeit nachgegangen und hat dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Alle – mit einer Ausnahme – waren pietistisch Erweckte. «Nietzsche nimmt in seinen Werken das Vokabular dieser Leute auf», erläutert Pernet. Die Ergebnisse seiner Spurensuche deutet Pernet so, dass Nietzsches Kritik am Christentum die pietistische Erweckungslehre ganz dezidiert ausnimmt.

«Ich hoffe, dass mit meinen Erkenntnissen das Bild vom Atheisten Nietzsche revidiert werden kann», sagt Pernet. Er hoffe auch, er könne die Diskussion der Philosophen etwas aufmischen oder sogar die Nietzsche-Forschung revolutionieren. «Ich werde auf viel Widerspruch treffen, aber darauf bin ich auch aus», meint der 69-Jährige. Er ist davon überzeugt, dass seine Erkenntnisse nicht widerlegt werden können, die Belege seien eindeutig.

«Es ist eine Hassliebe»

Seit seiner Pensionierung im Jahr 2009 hat Pernet nur noch am Buch gearbeitet. Von Nietzsche hat er nach Vollendung des Werks aber immer noch nicht genug. Bereits sind zwei neue Arbeiten über ihn in Vorbereitung. «Nietzsche lässt mich nicht mehr los. Seine echten Fragen zum Christentum sind auch meine», erklärt Pernet seine Faszination.

«Was heisst wahrhaftig sein?» – «Ist das heutige Christentum nur eine Fehlentwicklung?» Pernet sieht sich nicht als grenzenloser Bewunderer des deutschen Genies. «Es ist kein kritikloses Nachbeten, es ist eine Hassliebe», erklärt er. Die Begeisterung sei auch nach jahrzehntelanger Recherchearbeit ungebrochen. «Da ist ein Riesenfeuer in mir, ich mache einfach weiter», sagt er abschliessend.

Martin W. Pernet: «Nietzsche und das ‘Fromme Basel’» in «Beiträge zu Friedrich Nietzsche 16». 376 Seiten. 89 Franken.

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