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Vorsorge erspart uns lästige Fragen nicht

Würden Sie lustvoll in einen Gen-Apfel beissen? Oder genüsslich ein Glas Milch trinken, das von einem Rind stammt, welches mit Gen-Mais gefüttert wurde?

Südostschweiz
13.12.11 - 01:00 Uhr

Von Sermîn Faki

Nein? Willkommen im Club! Ein Grossteil der Schweizer sieht das ebenso und wird begrüssen, dass die zuständige Ethikkommission darauf drängt, dass die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen auch nach Ende des Gen-Moratoriums in zwei Jahren nur unter strengen Auflagen zugelassen wird. Die Kommission vertritt den Standpunkt, dass noch immer zu wenig bekannt sei über die Auswirkungen von genmanipulierten Pflanzen auf die Gesundheit, auf die Biodiversität, auf die Umwelt als Ganzes. Daher soll eine Freisetzung nur zulässig sein, wenn Risiken entweder auszuschliessen oder aber für die Betroffenen zumutbar sind. Man nennt das Vorsorgeprinzip.

Vorsorgeprinzip – das klingt schön beruhigend. Nur erlöst es uns leider nicht von lästigen Fragen. Welches Risiko ist akzeptabel? Ist zumutbar, wenn ein Mensch getötet werden könnte, aber nur mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million? Ist es akzeptabel, wenn ein paar Regenwürmer dran glauben müssen in vielleicht zehn Prozent der Fälle? Was zumutbar ist, legt keine Ethikkommission fest. Es ist eine politische Entscheidung. Es hilft also alles nichts: Wir müssen uns ernsthaft fragen, wie viel Risiko wir einzugehen bereit sind.

Wer jetzt für eine Null-Risiko-Strategie plädiert, kann übrigens gleich im Bett bleiben. Sicher ist auch das Autofahren nicht, nicht das Strasseüberqueren, ja nicht einmal das Nicht-Aufstehen. Die Gentechnik zu verteufeln, bringt genauso wenig wie das sich Verstecken unter der Bettdecke. Auch andere Technologien wie der Einsatz von Pestziden und das Bekämpfen des Feuerbrands mit Antibiotika bergen gewisse Risiken. Ausserdem wird das Gentech-Risiko in vielen Ländern längst eingegangen, auch damit wir einen vollen Teller haben. Oder sind Sie ganz sicher, dass Ihr argentinisches Entrecôte nicht mit Gen-Mais gefüttert wurde?

sfaki@suedostschweiz.ch

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