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Vorkämpfer der Männerliebe wird in Glarus mit Buch geehrt

Zum 150. Todesjahr des Glarner Hutmachers Heinrich Hössli (1784 bis 1864) ist ein Buch über ihn erschienen. Seine aufklärerische Schrift «Eros» wurde 1836 in Glarus verboten. Heute macht sie ihn zum Ur- Vater der Schwulenbewegung.

Südostschweiz
Montag, 01. September 2014, 02:00 Uhr

Von Claudia Kock Marti

Glarus. – Der Hutmacher Heinrich Hössli kam 1784 in der Abläsch 10 in Glarus zur Welt und starb vor 150 Jahren in der Nähe von Winterthur. Bis 1852 lebte, arbeitete, forschte und schrieb der Modist und Autodidakt in Glarus. Hauptberuflich stellte er Hüte und Accessoires her.

Der Nachwelt hinterlassen hat er sein Lebenswerk «Eros – oder die Männerliebe der Griechen», das ihn heute zum Pionier der Schwulenbewegung macht. Darin ging es dem Glarner darum, die Liebe zwischen Männern mit zahlreichen Beispielen aus der Geschichte – ausgehend von den alten Griechen – als «Variante der Natur» zu rechtfertigen. Aller damaligen Verketzerung zum Trotz. «Der Lasterhafteste kann die Frauen und der Tugendhafteste die Männer lieben», so Hössli, der ausführlich herleitet, warum Freiheit für alle zu gelten habe, auch für diejenigen, die anders liebten.

Hössli verlegte sein erstes, 700 Seiten dickes Buch 1836 in Glarus im Eigenverlag. Es wurde sofort vom Sittengericht oder Kirchenrat – damals auch «Stillstand» genannt – verboten. Ein zweiter Band erschien später in St. Gallen, der dritte liegt nur als Fragment vor.

Würdigung nach 150 Jahren

Die schweizerische Heinrich-Höss- li-Stiftung, die das Andenken an den Glarner und allgemein die Geschichtsforschung zur Homosexualität fördert, hat das Jubiläum zum Anlass genommen, einen Sammelband zum Glarner Denker herauszugeben. «Aus der Hösslischen Schrift spricht eine glühende Begeisterung und das Gefühl, etwas wiederentdeckt zu haben, das im Gemüll der Jahrtausende und ihres Aberglaubens verschüttet gelegen hatte.» Das Zitat stammt laut Klappentext des Buches von Benedict Friedlaender, der 1904 auf Hössli aufmerksam wurde.

Nochmals 110 Jahre später greift nun der Basler Historiker Rolf Thalmann Hössli und sein Werk umfassend auf, um ihn von sechs Fachleuten aus heutiger Sicht würdigen zu lassen und «dem damals belachten Glarner ‘Filosofen’ und seinen Ideen kritische Reverenz zu erweisen». Die Beiträge drehen sich um Hösslis Zeit in Glarus, um sein Werk «Eros», um seine Sicht auf die Griechen oder bieten Streiflichter auf Hösslis Nachleben in der Schweiz.

Hösslis Buch sei seit der Antike das erste Werk gewesen, das sich philosophisch, politisch, kulturell und literarisch mit der Homosexualität befasste, so Rolf Kamm, Präsident des Historischen Vereins des Kantons Glarus, welcher die Buchvernissage in Glarus organisiert.

Seiner Zeit voraus

Ein wenig kauzig sei der verheiratete Hössli und Vater zweier Söhne vermutlich gewesen, sagt Rolf Kamm über Hössli, während er erstmals im druckfrischen Reader blättert. Auf Anfrage der Heinrich-Hössli-Stiftung hat Kamm das Kapitel zu Hösslis Glarus verfasst. Im Haus in der Abläsch 10 habe vor Hössli Rudolf Steinmüller gewohnt, der sich während des Anna-Göldi-Prozesses das Leben nahm, erzählt Historiker Kamm auf dem Rundgang zu Hösslis Wirkungsorten, die auch im Buch beschrieben werden. Hössli selber habe Vergleiche zur Hexenverfolgung gezogen und vorhergesagt, dass man einmal auch auf die Verachtung der Männerliebe ungläubig zurückschauen werde. Auf das rasche Verbot seiner Schriften im damals überall als freiheitlich geltenden Glarus sei Hössli aber nicht vorbereitet gewesen.

«Angesichts der schwulenfeindlichen Gesetzgebung in Russland oder Uganda sind die Gedanken Hösslis aktuell bis heute», so Rolf Kamm. Und: «Als Aufklärer war Hössli seiner Zeit voraus.»

Samstag, 6. September, 17 Uhr, Landratssaal, Glarus, öffentliche Buchvernissage.

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