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Vom Hotel «Steinbock» zum Hotel «Capricorn»?

Vom Hotel «Steinbock» zum Hotel «Capricorn»?

Am Churer Bahnhofplatz, wo einst der berühmte «Steinbock» stand, soll ein neues Gebäude entstehen. Das Siegerprojekt heisst «Capricorn». Von einem neuen Hotel ist allerdings noch nicht die Rede.

Südostschweiz
21.01.15 - 01:00 Uhr

Am Churer Bahnhofplatz, wo einst der berühmte «Steinbock» stand, soll ein neues Gebäude entstehen. Das Siegerprojekt heisst «Capricorn». Von einem neuen Hotel ist allerdings noch nicht die Rede.

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Für die Churer war und ist der Verlust des «Steinbocks» das Gleiche wie für die Bündner der endgültige Verlust des Veltlins vor genau 200 Jahren: Der Dreh- und Angelpunkt einer unstillbaren Nostalgie, ein immerwährendes Bedauern. Denn mehr als ein halbes Jahrhundert lang, von 1901 bis 1962, war der repräsentative Bau des Architekten Emanuel von Tscharner nicht nur das Schmuckstück des Bahnhofplatzes, sondern auch das Zentrum des höheren Churer Gesellschafts-lebens mit einflussreichen Stammtischrunden, grossen Festjubiläen und Banketten sowie Offiziers-, Fasnachts- und Tanzkursbällen.

Errichtet wurde das Hotel «Steinbock» ab 1899 von den «Propriétaires» des alten Hotels «Steinbock» (heute Hotel «Chur») an der Plessur beim Obertor, vor allem von den Familien Hauser und Keim. Denn der alte Standort, einst beim Zentrum des grossen Post- und Privatkutschen-Verkehrs über die Obere Strasse ins Engadin und über die Untere Strasse über Splügen und San Bernardino, wies rückläufige Frequenzen auf. Gegenüber dem Bahnhof hingegen war erstaunlicherweise ein mächtiges Stück Gartengelände unbebaut geblieben, obwohl die Eisenbahn seit 1858 Chur ans internationale Netz angeschlossen hatte. Auf diesem grossen Stück Land nun wurde mit nur 300 000 Franken Aktienkapital von der alten und neuen Steinbock-Aktiengesellschaft das «neue, allen modernen Anforderungen genügende Hotel Steinbock» gebaut. Oder, wie es in einem Prospekt von 1905 heisst:» 140 Betten, Lift, Garten mit verdeckter Veranda, grosses Café-Restaurant mit Ausschank einheimischer und fremder Biere, Elektrisches Licht in allen Räumen, Grosses Vestibul, Damensalon, Schreib- und Lesezimmer, Ausstellungszimmer, Dunkelkammer, Veloremise, Vortreffliche Badeeinrichtungen mit Douche, Zentralheizung, Hyg. Installationen engl. System, Anerkannt gute Küche, Weine bester Provenienz». Und – weit vor Schengen – wurde hinzugefügt: «In Chur befindet sich gegenüber dem Hotel eine eidg. Zollabfertigungsstelle für Fremdengepäck. Letzteres kann nunmehr direkt nach Chur adressiert werden, ohne der Visitation an der Grenze unterworfen zu sein»

Unter diesen Voraussetzungen war es nicht erstaunlich, dass der «Steinbock» am Eingangstor zu Grau- bünden sofort einen grossen Aufschwung nahm, obwohl der Prospekt verschwieg, dass es auf jeder Etage mit 24 Gästezimmern nur je ein WC auf beiden Seiten des langen Ganges gab. Trotzdem, hier gingen viele historische Ereignisse für Graubünden über die Bühne. Schon ein Jahr nach der Eröffnung zog das wegen der wachsenden Zahl italienischer Arbeiter beim Bau der Rhätischen Bahn notwendig gewordene italienische Konsulat im 1. Stock ein, neben dem Eingang zum Restaurant im Parterre adelte gewissermassen das grosse Wappenschild des damals königlichen Italien das Hotel. Im berühmten Spiegelsaal im Anbau nach Westen mit beinahe 500 Plätzen wurde im Juni 1913 mit einem prachtvollen und überaus langen Festbankett der zweite Bündner im Bundesrat, der Trinser Felix Calonder, gefeiert. In einem anderen Saal besiegelten im September 1919 nicht weniger als 446 Delegierte der damals grössten Bündner Partei, der Freisinnigen, die Trennung von den aufmüpfisch gewordenen Jungfreisinnigen, die danach zu den berühmten Bündner Demokraten wurden. Unvergessen blieb in Chur auch lange Zeit das grosse Jubiläumsfest, mit dem der älteste Turnverein des Kantons, der Kantonsschüler-Turn-Verein KTV, 1934 im Hotel sein 100-jähriges Bestehen gefeiert hatte. Auch während der schweren Zeiten der beiden Weltkriege hielt der «Steinbock» seine Pforten offen, ja nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Dancing im Untergeschoss und die Bar in Arve darüber zum Treffpunkt der hier urlaubenden und swingenden amerikanischen G-I’s mit den höheren Ständen der Churer Bevölkerung. Denn der «Steinbock» war nicht billig und strahlte eine gewisse Vornehmheit aus.

Trotzdem oder gerade deshalb passte der «Steinbock» nicht mehr so recht in eine freiere, weniger konventionelle Zeit, die mit der Hochkonjunktur nach dem Kriege einsetzte. Zumal seine Einrichtungen einer immer amerikanischer werdenden Reisewelt nicht mehr genügten, und die Zeit der grossen Bälle und Bankette vorüber war. Vom Aktionariat waren am Schluss fast nur noch die beiden legendären Besitzer, der Brauerei-Verwaltungsratspräsident und Brigadier Hans Niggli und der ebenso bekannte langjährige Direktor und Mitbesitzer Conrad «Coni» Meier, übrig geblieben. 1956 wurde der berühmte Spiegelsaal, in dem aber bis zuletzt die Tanzkurs-Abschlussbälle mit der bekannten Churer Supertanzlehrerin Anny Casty stattfanden, als unrentabel an die Winterthur-Versicherung verkauft und abgerissen. 1962 folgten dann «unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung» der Verkauf und Abbruch des Hotels. Und noch zwei nachhaltige Ereignisse in der Churer Stadtgeschichte: Zuerst einmal die riesige Auktion, bei der das ganze «Steinbock»-Mobiliar verkauft wurde, die berühmte Arventäferung schmückt bis heute den Speisesaal des eben wiedereröffneten «Rheinfels». Und zweitens der beinahe bürgerkriegsähnliche Menschenauflauf, der schliesslich von zahlreichen Polizisten kanalisiert werden musste, als bei der Eröffnung des Globus im Neubau Globi in Chur zu Gast war und Gratispakete verteilt wurden. Jetzt sollen auch Globus und Globi einem neuen, lockeren Projekt weichen, allerdings ist von einem neuen Hotel, vielleicht ein Hotel «Capricorn» anstelle des «Steinbocks», leider nicht die Rede. Noch nicht?

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