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«Unfälle mit Kindern machen mich betroffen und sind unnötig»

Über die Feiertage ging es auf der Notfallstation im Kantonsspital Graubünden teilweise zu und her wie in einem Bienenhaus. Mittendrin die Oberärztin Pascale Fluri. Wir haben die Chirurgin ein paar Stunden begleitet.

Südostschweiz
Montag, 06. Januar 2014, 01:00 Uhr reportage

denise erni (text) und Yanik Bürkli (Fotos)

«Der 30. und 31. Dezember stecken mir schon noch etwas in den Knochen», sagt Pascale Fluri und fügt entschuldigend hinzu: «Ich bin etwas gestresst.» Zwar liegen hinter der Oberärztin der Notfallstation im Kantonsspital Graubünden zwei freie Tage, doch die Dienste wie sie es in den letzten zwei Tagen des Jahres 2013 waren, hängen schon noch etwas nach. «An Silvester begann ich um 7.30 Uhr mit der Arbeit, um Mitternacht machte ich mich dann auf den Heimweg.» Fluri kam im Gegensatz zu ihren Kollegen, die am Operationstisch standen, «früh» raus. «Meine Kollegen haben bis in die frühen Morgenstunden des Neujahrs operiert», sagt sie und schaut sich mit einem Assistenzarzt ein Röntgenbild am Computer an. Der junge Arzt braucht den Rat der erfahrenen Oberärztin. Fluri ist nämlich die Ansprechperson für die jungen Assistenzärzte auf der Notfallstation. Mit ihr besprechen sich die Assistenten, holen ihren Rat und bitten sie, sich selber ein Bild vom Patienten zu machen.

Betten und Stühle im Flur

Seit dem ersten Weihnachtstag ist auf der Notfallstation die Hölle los. Der Rega-Helikopter ist pausenlos im Einsatz. Fast schon im Minutentakt landet er vor dem Spital und bringt Verunfallte in den Notfall. Und auch die Ambulanzfahrzeuge im Kanton legen derzeit einige Kilometer zurück.

Im Untergeschoss des Kantonsspitals Graubünden, da wo sich die Notfallstation mit rund zehn Kojen befindet, wurden zusätzliche Betten und Stühle in den Flur gestellt, damit genügend Platz für alle Patienten ist.

Auch bei unserem Besuch reiht sich ein Notfall an den anderen: Ein Mann kommt mit seiner älteren Mutter am Arm, eine Frau hinkt herein und eine Mutter wartet mit ihrem Sohn, bis dieser verarztet wird. Immer wieder bringen Rettungs- sanitäter verunfallte Personen auf der Rettungstrage auf die Station. Zeit zum Durchatmen bleibt den Ärzten und Pflegefachleuten kaum. Trotzdem herrscht eine angenehme und entspannte Atmosphäre, jeder weiss, was zu tun ist. Im Stationszimmer hängt eine grosse Tafel an der Wand, auf der jeweils steht, welcher Patient mit welcher Verletzung wo liegt oder sitzt. Rot sind die chirurgischen Fälle, blau die medizinischen. Blau findet man in diesen Tagen kaum auf der Tafel.

Schwerverletzter im Schockraum

Nachdem Fluri zusammen mit dem Assistenzarzt das Röntgenbild angeschaut hat, kommt plötzlich etwas Hektik auf. Eine schwer verletzte Person soll in wenigen Minuten von den Rega-Rettern gebracht werden. Kaum öffnet sich die Schiebetür, durch die der Verunfallte auf der Trage gefahren wird, strömen Ärzte und Pflegende in den Schockraum. Es braucht einige Zeit, bis der Mann von der Rettungstrage aufs Bett umgelagert ist. Da man noch nicht weiss, wie schwer seine Verletzungen sind, darf er sich nicht bewegen.

Nach einiger Zeit kommt Fluri wieder. «Es ist zum Glück nicht so schlimm wie zunächst befürchtet», sagt sie.

Fluri arbeitet nur von Dezember bis Mai auf der Notfallstation. Dann nämlich, wenn dort Hochbetrieb herrscht. «In diesen Monaten ist jeweils ein zusätzlicher Oberarzt auf dem Notfall und ab dem Mittag kommt ein weiterer zusätzlicher Oberarzt für die Notfalloperationen hinzu», erklärt Fluri. «Damit wollen wir versuchen, längere Wartezeiten etwas zu verkürzen.» Bereits zum dritten Mal leistet die 39-Jährige Dienst als «Saisonnier», wie sie sich selber nennt. «Es macht mir Spass und ich liebe die Abwechslung.» Im Juni wechselt sie dann für ein halbes Jahr in eine Praxis in Chur, im Dezember ist sie dann wieder auf der Notfallstation.

Entspannung im Januar

Abwechslung hat Fluri sicher auch genug auf der Notfallstation, denn vor allem schwere Unfälle gehören bei diesen Schneeverhältnissen schon fast zur Tagesordnung. In den letzten Jahren habe die Schwere der Verletzungen stark zugenommen. «Die Menschen sind auf der Piste dank neuer Materialien immer schneller unterwegs.» Der wenige Schnee oder Kunstschnee erledige den Rest. Verletzungen im Bauchraum, am Rücken und Schädel-Hirn-Traumas (siehe Interview rechts) haben die Ärzte immer wieder zu behandeln. Gibt es den «klassischen Beinbruch» eigentlich noch? «Ja, gerade eben hatten wir ein sechsjähriges Kind, das sich das Bein gebrochen hat.» Ansonsten komme diese Verletzung aber kaum mehr vor.

Machen der Oberärztin die schweren Verletzungen nicht zu schaffen? «Doch, besonders wenn Kinder betroffen sind», sagt Fluri und macht sich wieder auf den Weg ins Büro zu den Assistenzärzten. Gerade vor wenigen Tagen hätten sie einen jungen Patienten mit schweren Kopfverletzungen gehabt. «Solche Unfälle sind einfach unnötig.» Nach einer Besprechung mit dem Kollegen Samuel Haupt kommt bereits der nächste Notfall auf die Station. Langeweile kommt in diesen Tagen nicht auf. Vielleicht schafft es Pascale Fluri dennoch, einmal pünktlich Feierabend zu machen. Denn jetzt, nach Ende der Weihnachtsferien, kehrt auf der Notfallstation wieder etwas Ruhe ein. Der nächste Höhepunkt wird dann im Anfang Februar sein, wenn in vielen Kantonen der Schweiz die Sportferien beginnen.

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