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Suworows Faszination und Ruhmesgeschichte

Suworows Faszination und Ruhmesgeschichte

Nur knapp vier Wochen hat der Feldzug des russischen Generals Alexander Suworow in der Schweiz gedauert. Aber mit seiner Alpenüberquerung 1799 hat er Geschichte geschrieben und wird in der Schweiz und Russland immer noch in Ehren gehalten.

Südostschweiz
vor 11 Jahren in

Von Claudio Willi

Am 12. Oktober 1799 verliess General Alexander Suworow (1723-1800) mit den Resten seiner Armee nach knapp vier Wochen die Schweiz, die er im September bei Lugano nach siegreichen Feldzügen in Oberitalien betreten hatte.Die Erinnerung an Suworow und an den legendären Alpenübergang wird in der Schweiz lebendig erhalten. Das Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht, dem auch der russische Staatspräsident Dmitri Medwedew letztes Jahr seine Aufwartung gemachte hatte, erinnert an den Kampf des russischen Heeres gegen die französischen Revolutionstruppen. Suworow hatte im Zweiten Koalitionskrieg 1799 als brillanter Stratege gegen das revolutionäre Frankreich zusammen mit österreichischen Soldaten die Franzosen aus Oberitalien verdrängt. Nun sollte er sie auch aus der Schweiz vertreiben. Mit seinem 25 000 Mann starken Heer überquerte er im September den Gotthard, es kam zu den erbitterten Kämpfen an der Teufelsbrücke, Suworow kämpfte sich bis Altdorf durch, kam dort nicht mehr weiter und musste auf dramatischen Wegen über verschiedene Pässe ausweichen.

Erinnerungen in der Surselva

Viele Gedenktafeln zieren die abenteuerliche Route des grossen russischen Generals, der fast wie einst Hannibal Alpenpässe überquerte – zuletzt den Panixerpass – um seine Armee über Ilanz, Chur, Feldkirch, Lindau wieder zurück nach Russland zu führen. An der Staumauer in der Panixer Alp erinnert das Gemälde von Martin Valär aus dem Jahr 1999 an das kühne Unterfangen, eine weitere Gedenktafel wurde 2009 in der Alp Ranasca eingeweiht. In Panix, wo Suworow mit seiner Armee vom 6. bis 8. Oktober 1799 Quartier bezogen hatte, ist die Erinnerung an den grossen General lebendig. Die Russen bedeuteten im kleinen Bergdorf sozusagen einen Moment von Weltgeschichte, die Erinnerung daran wird von Generation zu Generation in Theater, Lied und Literatur weitergegeben. Nun sollen auf dem Wanderweg der Via storica Touristen – gerade auch aus Russland – auf Suworows Spuren gelockt werden, um auf militärhistorischen Pfaden vom Tessin bis Panix in nun friedlicheren Tagen den sanften Tourismus zu fördern.Militärisch war Suworows legendäre Alpenüberquerung über den Kinzig-, den Pragel- und letztlich den Panixerpass «keine Kapitulation vor dem Feind», sondern ein Ausweichen, um das Gros seiner abgekämpften Armee zu retten. Der Rückzug wurde notwendig, nachdem die Österreicher – mit denen sich Suworow im Raum Zürich hätte vereinigen sollen – von den Franzosen bereits vernichtend geschlagen worden waren und zusätzlich unterschiedliche Kriegsziele von Österreich und dem russischen Zaren ein gemeinsames Vorgehen erschwerten. Mit der Niederlage der Alliierten waren die Franzosen wieder die Herren der ganzen Schweiz, die Zeit der Helvetik wurde eingeläutet. Und Suworow war unter unermesslichen Strapazen und Kämpfen gelungen, zwei Drittel seiner Truppen wieder mehr oder weniger heil nach Hause zu bringen.

Museum in St. Petersburg

Nach seiner Rückkehr in Russland starb der General bereits im Mai 1800 in St. Petersburg, wenige Monate, nachdem er mit seinem Feldzug über die Alpen Militärgeschichte geschrieben hatte. Sein Grab liegt im Alexander-Newskij-Kloster am Newskij-Prospekt in St. Petersburg. Bereits 1801 wurde dem «Generalissimus» in seiner Stadt ein Denkmal errichtet. Hundert Jahre später wurde, um die Erinnerung an den kühnen Feldherrn zu feiern, unter Zar Nikolaus II. das Museum eingeweiht, das heute noch in St. Petersburg zu besichtigen ist und das eine Sammlung von Erinnerungsstücken an den General enthält. An der Fassade des Museums ist übermannshoch die legendäre Alpenüberquerung abgebildet, der General auf seinem Schimmel inmitten seiner Truppen reitend, den Widerwärtigkeiten dieses Feldzuges trotzend. Ein anderes Wandgemälde an der Aussenwand des Museums zeigt Suworow, wie er von seinen Landsleuten Abschied nimmt, bevor er sich mit seine Truppen aufmacht, um in Europa die alte Ordnung zu sichern.

Suworow-Orden unter Stalin

In der Ermitage, der weltberühmten Kunstsammlung im Winterpalast, ist Generalissimus Suworow in der russischen Heldengalerie auf einem grossen Gemälde zu finden. Die Erinnerung an den grossen Feldherrn hat die Zeiten in Russland – auch die kommunistischen – ungebrochen überdauert. Während der Stalinzeit hat es einen militärischen Orden Suworow für besondere Tapferkeit gegeben – der Suworow-Orden, der dritthöchste Militärorden der UdSSR, war 1942 unter Josef Stalin gestiftet worden und wurde nur an Marschälle, Generale und Offiziere verliehen. Im Jahr 1980 zierte das Bild Suworows eine Briefmarke der Sowjetunion.

Die «neuen Zaren»

Bemerkenswert: Obgleich Suworow eigentlich gegen die dem Kommunismus nahe liegenden Ideen der französischen Revolution in den Krieg zog, genoss der General auch unter dem Kommunismus Ansehen. Dies wegen seiner vaterländischen Haltung. Der Kampf gegen die Franzosen – 1812 stand Napoleon in Moskau – hob Suworows Leistungen in patriotische Kategorien, die mehr zählten als nur reine Ideologie. Schon Stalin liess die vaterländische Tat hochleben, und die aktuelle Regierung in Moskau – mit den «neuen Zaren» – knüpft ohnehin gerne an diese heldenhaften Zeiten an. Suworows denkwürdiger Feldzug über die Alpen fasziniert immer noch, in der Schweiz wie in Russland.

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