×

«Stille Schaffer» stellen sich in den Dienst von psychisch kranken Menschen

Das begleitete Einzelwohnen kann Klinikaufenthalte verkürzen, hinauszögern oder sogar vermeiden. Heute, am Tag für die psychische Gesundheit, kann das Angebot an der Poststrasse in Chur kennengelernt werden.

Südostschweiz
Donnerstag, 10. Oktober 2013, 02:00 Uhr

silvia kessler

Psychisch kranke Menschen, die in der eigenen oder gemieteten Wohnung leben möchten, dabei jedoch auf eine begleitende Unterstützung angewiesen sind, können auf das Angebot des begleiteten Einzelwohnens zählen. Ein insgesamt sechsköpfiges Betreuerteam bietet Unterstützung und Anleitung in lebenspraktischen Situationen an. Ziel ist, die Wohn- und Sozialkompetenzen der Klientinnen und Klienten zu entwickeln und deren Eigenverantwortung und Autonomie zu fördern.

Das begleitete Einzelwohnen ist ein Angebot des Bündner Hilfsvereins für psychisch kranke Menschen. «Wir haben kürzlich die 134. Generalversammlung durchgeführt», erzählt Suzanne von Blumenthal mit einem Lächeln. Die Chefärztin und Klinikleiterin der Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) arbeitet seit rund 15 Jahren im Verein mit. Ehrenamtlich, notabene, was für sie jedoch genauso selbstverständlich sei wie für die übrigen Mitglieder des Vereinsvorstands auch.

Unbezahlbares Herzblut

Ohnehin habe das begleitete Einzelwohnen, das vor 13 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, mit den PDGR nichts zu tun. Das Angebot hebe sich sogar ganz bewusst von jener «Institution» ab. «Ich präsidiere den Verein somit auch nicht als Chefärztin», betont Suzanne von Blumenthal. Vielmehr stufe sie den Nutzen des Vereins und insbesondere die Arbeit des Teams für das begleitete Einzelwohnen so hoch ein, dass es ihr wichtig sei, mit ihrer Freiwilligenarbeit einen Beitrag leisten zu können.

Zurzeit werden 32 Klientinnen und Klienten in ihren Wohnungen betreut. Das Einsatzgebiet des unter der Leitung von Johannes Bislin, Leiter der Wohngruppe Oberfreifeld in Chur, stehenden Teams ist weiträumig. In der Region Chur, im Churer Rheintal, in der Bündner Herrschaft und im Prättigau sowie in der Region Heinzenberg/Domleschg, auf der Lenzerheide, im vorderen Schanfigg und in der Surselva sind die Dienste der Betreuerinnen und Betreuer gefragt. «Sie betreiben einen grossen Aufwand, und das in wenigen Stellenprozenten», hält Suzanne von Blumenthal fest. Selbstverständlich würden die in Psychiatrie, Sozialarbeit respektive Sozialpädagogik ausgebildeten Fachpersonen für ihre Einsätze entlöhnt. Unbezahlbar sei jedoch das Herzblut, mit dem die Frauen und Männer ihren Aufgaben nachgingen.

Flexibles Angebot ...

Um in den Genuss des Angebots begleitetes Einzelwohnen zu kommen, müssen die Klientinnen und Klienten über eine IV-Rente verfügen oder zumindest für eine solche angemeldet sein. Ausserdem muss die Einsicht und die Bereitschaft für eine Wohnbegleitung vorhanden sein, und der Zusammenarbeit aller in die Betreuung involvierten Personen muss zugestimmt werden. Von den Klientinnen und Klienten wird zudem ein hohes Mass an Selbstverantwortung und Eigenaktivität erwartet. In der Regel werden einmal wöchentlich individuell angepasste Gespräche und Beratungen durchgeführt. In Krisensituationen kann sich die Begleitung vorübergehend intensivieren.

... kann Rettungsanker sein

Die Begleitung im eigenen Daheim kann sowohl als kurzfristige Hilfestellung als auch als längerfristige Lösung in Anspruch genommen werden. Suzanne von Blumenthal ist überzeugt davon, dass so manche psychisch kranke Person durch das Angebot des begleiteten Einzelwohnens einen Klinikeintritt respektive Klinikwiedereintritt umgehen kann.

Der heutige Tag für die psychische Gesundheit sei eine gute Gelegenheit, das Angebot, von dem nebst den Betroffenen kaum jemand wisse, der Bevölkerung vorzustellen. Der Bündner Hilfsverein für psychisch kranke Menschen tritt gemeinsam mit der Vereinigung der Angehörigen von Schizophrenie- und Psychisch-Kranken (VASK) an die Öffentlichkeit. An einem Stand an der Poststrasse in Chur werden sich die Verantwortlichen zwischen 10 und 17 Uhr vorstellen und Fragen beantworten.

Kommentar schreiben

Kommentar senden