×

Staumauer wird zur «Autobahn»

Die Valle di Lei in Mittelbünden mit seiner wuchtigen Staumauer ist zu einem beliebten Ausflugsziel geworden. Die dortige Talsperre darf eigentlich nicht befahren werden. Doch das kümmert inzwischen kaum mehr jemanden.

Südostschweiz
Sonntag, 21. Juli 2013, 02:00 Uhr

Immer mehr Motorräder und Autos fahren über die Staumauer in der Valle di Lei

Von Dario Morandi

Früher war es ein Geheimtipp. Wer eine tolle Bergkulisse geniessen und dabei noch gut und preiswert essen und trinken wollte, fuhr oberhalb von Campsut im Avers durch den einspurigen Kraftwerkstunnel in die Valle di Lei. Unmittelbar nach dem Portal ging es zu Fuss über die wuchtige Staumauer der Kraftwerke Hinterrhein (KHR) auf die gegenüberliegende Talseite ins gemütliche Bergrestaurant «Baita del Capriolo» der Familie Del Curto.

In Del Curtos Gaststätte auf der Alpe del Crotto, die bereits auf italienischem Staatsgebiet steht, wird man zwar noch immer mit Köstlichkeiten aus der Veltliner Küche verwöhnt. Und auch das Bergtal hat nichts von seinem herben Charme eingebüsst. Aber mittlerweile ist die Valle di Lei längst kein Geheimtipp mehr. An schönen Sommer- und Herbstwochenenden reisen die Menschen in Scharen an. Viele von ihnen lassen ihr Fahrzeug auf dem Parkplatz neben dem Tunnelportal zurück und spazieren über die Mauerkrone zum «Baita del Capriolo». Trotz Fahrverbot ziehen es mehr und mehr Besucherinnen und Besucher vor, mit ihren Autos oder Motorrädern über die Staumauer zu düsen – sehr zum Ärger der Spaziergänger. Manchmal sei es hier wie auf einer Autobahn, heisst es.

«Klar gibt es ein Fahrverbot», stellt Dominique Durot, der stellvertretende KHR-Direktor fest. «Und eigentlich dürfte es auf der Staumauer gar keinen Verkehr geben.» Früher habe man die Mauer mit einem Tor abgesperrt. Das sei aber für jene Leute, die regelmässig auf die italienische Seite des Tals müssten, eher mühsam gewesen. Deshalb stehe das Tor jetzt meistens offen. Für die Stauanlage sei die Belastung durch den Verkehr aber kein Problem. «Dafür reicht die Stabilität der Mauer bei Weitem aus», versichert der Kraftwerk-Chef. Die KHR wollen gegen das zunehmende Verkehrsaufkommen auf der Mauer «aber trotzdem nichts unternehmen», wie Durot sagt. Mehr noch: Man diskutiere intern sogar über ein Verzicht auf das Fahrverbot. «Ich persönlich könnte damit leben», sagt er.

Kontrollen durch die Polizei oder der Grenzwacht sind ebenfalls keine in Sicht. «Dies ist ohnehin nicht unsere Sache», erklärt Andrea Hülsmann, Mediensprecherin des Kommandos der Grenzwachtregion III in Chur. Die Grenzwacht trete in der Valle di Lei nur bei zolltechnischen Stichproben in Erscheinung oder wenn sich beispielsweise «eine besondere Gefährdungslage ergibt».

Ähnlich tönt es bei der Kantonspolizei Graubünden. Das Fahrverbot auf der Staumauer sei nicht offiziell erlassen worden, weiss Mediensprecherin Anita Senti. «Dieses durchzusetzen falle deshalb allein in die Zuständigkeit der Kraftwerksgesellschaft. Schliesslich sei sie – und nicht die öffentliche Hand – Grundeigentümerin der Strassenverbindung. Ausserdem seien nicht alle Fahrten illegal. Es gebe Fahrzeughalter, die für das Befahren der Mauer eine Jahresbewilligung besässen, so Senti.

Kommentar schreiben

Kommentar senden