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Stammzellen – neue Hoffnung für MS-Patienten

Die Nervenkrankheit Multiple Sklerose gilt als unheilbar. Kanadischen Stammzellen- forschern ist jedoch ein grosser Schritt in der Therapie von MS-Erkrankten gelungen. Ihre Patienten sind seit der Behandlung symptomfrei.

Südostschweiz
Dienstag, 13. August 2013, 02:00 Uhr

Von Markus Seifert

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Krankheit des Gehirns und Rückenmarks. Meist verläuft sie schubförmig. Das Immunsystem spielt plötzlich verrückt und greift die Isolierhüllen der Nervenbahnen an. Der «Kabelbrand» wirkt wie ein Kurzschluss. Dadurch wird der Informationsfluss der Nervenzellen unterbrochen; die Folgen sind vielfältig und reichen von Seh- und Gehstörungen bis hin zu Lähmungen. Die Ursache für das fehlgeleitete Immunsystem ist unbekannt. In der Schweiz leiden etwa 10 000 Menschen an MS, weltweit sind es rund 2,5 Millionen. Trotz intensiver Forschung gilt MS bis heute als unheilbar.

Ausschalten und neustarten

Ein Forscherteam im kanadischen Ottawa hat bereits vor 13 Jahren mit einer radikalen Therapie begonnen. Anfangs wollten der Neurologe Mark Freedman und der Knochenmark-Spezialist Harold Atkins eigentlich herausfinden, wie die MS genau entsteht. Ihre Annahme: Wenn man das Immunsystem des Patienten zerstört und dann mit eigenem Knochenmark neu aufbaut, kann die Entstehung der MS von Beginn weg beobachtet werden. So sollten krankheitsauslösende Faktoren genauer bestimmt werden können. Doch dann ist etwas geschehen, was niemand erwartet hat: Nach der Knochenmarktransplantation blieben die MS-Patienten schubfrei. Die Krankheitssymptome besserten sich und die für MS typischen Entzündungen im Gehirn blieben aus. Inzwischen hat das Forscherteam in Kanada über 30 Patienten mit aggressiv verlaufender MS im Rahmen einer klinischen Studie behandelt. Der Erfolg ist bemerkenswert: Alle Patienten sind seit der Behandlung frei von Krankheitsschüben. Die MS ist nicht zurückgekehrt.

Stammzellentherapie ist risikoreich

Die sogenannt autologe, hämato- poetische Stammzellentherapie ist aber nicht ungefährlich. Zuerst werden die Stammzellen aus dem Knochenmark des Patienten entnommen und im Labor kultiviert. In einem zweiten Schritt werden möglichst alle im Körper vorhandenen Immunzellen eliminiert. Das geschieht durch Chemotherapie und Bestrahlung und ist eine grosse Belastung für die Patienten. «Ein Teil meiner Arbeit war darum, den Patienten die Therapie auszureden», sagt Neurologe Mark Freedman. «Es ist das Härteste, das sie in ihrem Leben ertragen müssen.» Wenn das Immunsystem nahezu komplett ausgeschaltet ist, werden die körpereigenen blutbildenden Stammzellen zurückgeführt – das Immunsystem wird neu gestartet.

Die autologe, hämatopoetische Stammzellentherapie sei ein Verfahren, das nur bei Patienten mit aggressiver MS eingesetzt werden soll, warnt Roland Martin, Professor für Neurologie am Universitätsspital Zürich. Vor seiner Berufung nach Zürich hat Roland Martin in Hamburg eine Reihe von MS-Patienten mit einem vergleichbaren Verfahren behandelt. Zurückhaltung sei trotz der Erfolgversprechenden Resultate angebracht. Denn ein bis zwei von 100 Patienten überleben die belastende Therapie nicht.

Kein Allheilmittel für MS-Patienten

Skeptisch äussert sich MS-Spezialist Jürg Kesselring, Professor für Neurologie an der Rehabilitationsklinik in Valens. Er befürchtet, dass die transplantierten Stammzellen, einmal im Körper, nicht mehr gesteuert werden können. Bei der vergleichbaren Leukämie-Behandlung komme es vereinzelt zu unkontrolliertem Zellwachstum und Bildung von Tumoren. «Eine praktische Umsetzung des Verfahrens für MS-Kranke sehe ich deshalb noch nicht», sagt MS-Spezialist Jürg Kesselring.

Die Hürden für dieses Verfahren sind in der Schweiz ohnehin sehr hoch. Das bestätigt auch der Zürcher Neurologe Roland Martin. Die Kosten für die aufwendige Behandlung werden nicht vergütet und seien seit Einführung der Fallpauschale astronomisch hoch angesetzt (150 000 bis 180 000 Franken). Darum habe er die letzten zwei MS-Patienten ins Ausland verweisen müssen. Roland Martin und sein Team sind aber sehr daran interessiert, die Stammzellentherapie auch in der Schweiz anzubieten. Eine Grundvoraussetzung ist der formale Beweis für die Wirksamkeit der Behandlung. Dafür braucht es eine Studie nach genau festgelegten Kriterien. Zurzeit bereitet Roland Martin mit internationalen Forschergruppen eine solche Studie vor. Diese soll zeigen, dass die Stammzellentherapie der besten derzeit zugelassenen Therapie überlegen ist. Daran beteiligt ist auch das Forscherteam aus Kanada.

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