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Seriensiegerin Erika Dicht und die Leichtigkeit des Kurbelns

Acht Starts, sieben Siege: Erika Dicht hat in der abgeschlossenen Mountainbike-Saison auf der Langstrecke eine nahezu makellose Bilanz eingefahren. Und dabei steht für die 28- jährige Klosterserin das Resultat gar nicht an erster Stelle.

Südostschweiz
13.10.10 - 02:00 Uhr
Zeitung

Von Johannes Kaufmann

Mountainbike. – Erika Dicht hat ihr Renn-Mountainbike wieder in einer Ecke an ihrem Wohnort in Klosters-Dorf verstaut. Es gibt wichtigere Dinge im Leben der früheren Skirennfahrerin, die einst ihr Glück auf den alpinen Weltcup-Pisten gesucht hatte, sich dann jedoch – vor allem auch verletzungsbedingt – auf Dauer nicht behaupten konnte in der rauen Welt des Leistungssports. Rückenprobleme, vermutlich resultierend vom nicht optimal auf ihren eher zierlichen Körperbau abgestimmten Krafttraining, machten der Laufbahn der Riesenslalom-Spezialistin einen vorzeitigen Strich durch die Rechnung.Diese Erfahrungen haben die zweite, erfolgreichere sportliche Tätigkeit vielleicht erst möglich gemacht. Dicht war wohl mit Leib und Seele Skirennfahrerin. Sie sagt aber auch: «Profisport und der damit zusammenhängenden Erfolgsdruck war gestern. Mountainbike ist vor allem Hobby und Spass für mich.» Der Ausdauersport war wohl ohnehin mehr das Ding der 28-Jährigen, die noch im Junioren-Alter mit Erfolg und zum Ärger ihrer Trainer den 42-Kilometer-Lauf am Swiss Alpine Marathon in Davos absolviert hatte. Doch wer in Klosters aufwächst, den zieht es eben primär auf die Rennski.

Esther Süss geschlagen

In ihrer zweiten Sportlerkarriere zeigt die Leistungskurve auch ohne konkrete Zielvorgaben seit Jahren sukzessive nach oben. 2008 und 2009 dominierte Dicht das Geschehen in der iXS bike classics, der nationalen Rennserie der wichtigsten Langstrecken-Mountainbike-Anlässe, über die kürzere Distanz. 2009 folgten erste Versuche auf der Langdistanz, unter anderem am Swiss Bike Masters in Küblis, wo sie hinter Esther Süss, Teamkollegin im Swiss Wheeler Team, Rang 2 belegte. In der vor zwei Wochen abgeschlossenen Saison 2010 erfolgte der Umstieg auf die Langdistanz, wo Dicht das Geschehen auf den Schweizer Marathon-Strecken auf Anhieb prägen konnte. Fünfmal ging sie an den Start, fünfmal kam sie als strahlende Siegerin ins Ziel. Sie übertrumpfte dabei auch ihre Teamkollegin, die notabene den Mountainbikesport als Professional betreibt. «Esther Süss hatte natürlich nicht unbedingt Freude an dieser Entwicklung», sagt Dicht mit einem Lachen im Gesicht. Mit diesem Nebenaspekt muss sich Dicht nicht beschäftigten. Sie siegte auch je einmal in Italien und Österreich. Bloss an der WM im deutschen St. Wendel musste sich die Klosterserin mit Rang 9 bescheiden. Trotzdem: acht Starts, sieben Siege. So liest sich eine Traumbilanz.Nichtsdestotrotz fehlte die Krönung. Kranheitsbedingt musste Dicht am Marathon um den Nationalpark in Scuol forfait erklären, worauf sie die geforderten fünf Resultate für die iXS-classics-Gesamtwertung nicht erbringen konnte. «Diesen Sieg erstmals einzufahren bleibt ein Ziel», gesteht sie. Ansonsten können sie derlei Vorgaben nicht mehr wirklich antreiben. Der Weg ist vielmehr das Ziel der Erika Dicht. Sie schwärmt vom nahezu schwerelosen Gefühl auf dem Rad. «Ein Bike Masters ist und bleibt natürlich eine grosse Anstrengung. Doch an guten Tagen, wenn es sich phasenweise fast von allein kurbelt, ist dieses Rennen vor allem auch ein unglaublich schönes Erlebnis», sagt Dicht. Trotzdem freut sie sich selbstverständlich über ihre Siege. Der erstmalige Triumph in der Heimat im Juli war gar ein Meilenstein. Den Reiz, ein Rennen mehrfach zu gewinnen, sieht sie aber weniger.

Stete Fortschritte

Für einen Quantensprung fehlt es ohnehin an Zeit fürs Training. Dicht hat ihr Pensum als Turn- und Sportlehrerin am Sportgymasium in Davos auf 90 Prozent erhöht. Und im Winter verzichtet sie auf Bikekilometer. Sie sagt: «Ich nutze die beschränkte Trainingszeit nahezu perfekt und habe von Jahr zu Jahr Fortschritte erzielen können.» Deshalb sieht sie keinerlei Veranlassung, am eingeschlagenen Weg Korrekturen vorzunehmen. So dürfte Dicht auch in der kommenden Rennsaison, zumindest national, ihren Gegnerinnen zumeist bloss ihr Hinterrad zeigen.An der WM hingegen wird für Dicht auch 2011 ein erstmaliger Podestplatz zur Herkulesaufgabe. Abermals wird in Montebelluna (Italien) auf einer topografisch wenig selektiven Strecke um Edelmetall gefahren. Definitiv kein Terrain für «Bergfloh» Dicht, die gerne per Bike von Klosters zur Arbeit nach Davos pedalt. Ausschliessen will sie eine Überraschung zwar nicht. «Ein Podestplatz», stellt Dicht klar, «ist auch an einem Glanztag im flachen Gelände eher unwahrscheinlich.» Eines scheint jedoch gewiss: Am selbst auferlegten Druck wird sie nicht scheitern.

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