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Schussfahrt mit Chopin und ein Mozart als Happy End

Sternstunden heissen so, weil sie rar sind. Wer am Freitag in Flims das Konzert der Kammerphilharmonie Graubünden besucht hat, durfte eine solche erleben.

Südostschweiz
11.10.10 - 02:00 Uhr
Zeitung

Von Carsten Michels

Flims. – Neugewählte Politiker werden von den Medien in der Regel nach 100 Tagen auf den Prüfstand gestellt – was Künstler leisten, lässt sich in solch engen Zeiträumen kaum ablesen. Sebastian Tewinkel leitet die Kammerphilharmonie Graubünden mittlerweile seit gut einem Jahr. Nach einer Reihe von Projekten luden er und das Orchester am Wochenende nach Flims und Bad Ragaz. Der Zeitpunkt, die noblen Auftrittsorte und der klassische Programmaufbau mit Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie lassen darauf schliessen, dass die Konzerte für Tewinkel und die Kammerphilharmoniker durchaus Referenzcharakter hatten. Sie stellten sich sozusagen selber auf den Prüfstand und zogen in aller Öffentlichkeit Bilanz. Und wie!Musik von Wolfgang Amadeus Mozart eröffnete und beendete das Programm. Dazwischen erklangen Henryk Góreckis «Drei Stücke im alten Stil» und Frédéric Chopins zweites Klavierkonzert in f-Moll. Solist war der italienische Pianist Pietro De Maria.

Pulver gut ...

Wie spielt man ein Klavierkonzert, das jeder kennt? De Maria spielte es so, als gebe er die Uraufführung: wach, neugierig und mit der Gewissheit, dass es ohnehin niemand besser kann. Sein erster Klaviereinsatz: Ein Eiszapfen im Sonnenlicht, der vom Dach in den Schnee saust. Die weit gespannten Melodien, die brillanten Läufe, die sich aufbäumenden Rhythmen, die Tempowechsel – all das fand in De Marias kraftvollem, bewegtem Spiel aufs Natürlichste zueinander. Und nicht etwa auf präparierter Piste, nein, der Mann glitt durch unberührten Pulverschnee.Tewinkel liess den Pianisten gewähren und folgte ihm dennoch präzise wie ein Schatten. Es war, als justiere er mittels Taktstock die Nah- und Ferneinstellungen im Orchester und grundiere so die Landschaft, durch die sich De Maria traumhaft sicher bewegte. Der Solist zeigte sich als Meister der Wiederholung, der bekannte Wendungen beim zweiten Mal gleichsam zerstäubte und eine bisher in der Tiefe schlummernde Tonfolge überraschend ans Licht holte. Das Publikum im Jugendstilsaal des Flimser Hotels «Waldhaus» quittierte De Marias Leistung und die des Orchesters mit langem Beifall und Bravorufen, für die sich der Pianist mit Chopins cis-Moll-Walzer aus op. 64 bedankte.

... und etwas Alchimie

Was aber hat nun Tewinkel in seinem ersten Jahr mit dem Orchester angestellt? Etwas ganz Erstaunliches: Er hat die Streicher aus ihrer Dauersinnkrise befreit. Neben den exzellent eingestellten Bläserregistern wirkte das Streichorchester früher wie ein Teenager, den man sich selbst überlassen hatte: mal ungestüm, mal seltsam mürrisch, ein bisschen marottenhaft und zuweilen altklug. Das war einmal. Die Streicher haben die Adoleszenz überwunden. Noch schöner: Sie haben sich endlich in ihre Bläser verliebt – und umgekehrt. Eine leidenschaftliche, spannungsgeladene Beziehung ist da entstanden, die Tewinkel nun mit Mozarts Sinfonie Nr. 40 g-Moll einer Feuerprobe unterzog. Pädagogisch wertvoll: So geschlossen wie in Flims und doch bis ins letzte Pult selbstbewusst hat die Kammerphilharmonie Graubünden wohl noch nie musiziert.Und was für ein Mozart: aufregend, unangepasst, kompromisslos. Wie spielt man diese Sinfonie, die jeder kennt? Die Kammerphilharmoniker spielten sie, als würden sie durchs Gebirge wandern: Jede Wegbiegung ein Perpektivenwechsel. Ob in den brillant dargebotenen Ecksätzen oder im pulsierend als Scherzo gedeuteten Menuett: Behände ging es über Schründe und Klüfte, jubilierend in die Höhe. Die Zürcher können sich schon mal ihre vornehmen Ohren waschen und die Lorgnons parat legen. Denn wenn Tewinkel und die Kammerphilharmoniker im November die Tonhalle bespielen, werden sie nur noch staunen – über die Bündner und über diesen wundervoll experimentierfreudigen Mozart. Der war nämlich Alchimist. Im zweiten Satz der 40. hört man sogar, wie er den Stein der Weisen findet. Ehrenwort.

Weiteres Konzert: Sonntag, 7. November, 11.15 Uhr, Tonhalle, Zürich.

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