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Schmutz und Bauruinen als Zeitzeugen der Olympischen Spiele 2004

2004 fanden in Athen die Olympischen Sommerspiele statt. Geblieben sind Griechenland neben vielen Erinnerungen vor allem Probleme, Bauruinen und Schulden. Ein Augenschein vor Ort.

Südostschweiz
17.02.13 - 01:00 Uhr

Von René Weber (Text und Bilder)

Athen. – Geduldig wartet Ionnanis Fetfatzidis an der dreispurigen Hauptstrasse nahe der Akropolis auf seinen nächsten Fahrgast. Seit bald 30 Jahren fährt er Taxi. «An manchen Tagen sind es leider nur noch zwei, drei Fahrten», sagt der 56-Jährige in fast perfekter deutscher Sprache. Gelernt hat der Athener dies als Jugendlicher. Damals lebte er mit seinen Eltern noch in der Nähe von Köln. «Als mein Vater und meine Mutter von Deutschland zurück in die griechische Hauptstadt gingen, war ich 16 Jahre alt.» Eine Ausbildung als Strassenarbeiter habe er danach gemacht, nie aber eine feste Arbeitsstelle gefunden. «Oft hatte ich einige Tage Arbeit – länger nie.» Deshalb habe er 1982 mit dem Taxifahren begonnen.

Taxi-Gewerbe ist nicht mehr lukrativ

Fetfatzidis erklärt, die goldenen Tage des Taxi-Gewerbes seien vorbei. «Früher war das Taxi das Fortbewegungsmittel Nummer 1. Heute gehen viele Griechen zu Fuss», sagt er. Sie hätten kein Geld mehr, um sich fahren zu lassen. Dass es ihm genauso wie den andern 16 000 Fahrern in der griechischen Hauptstadt geht, die Leute von A nach B und zurück bringen, ist für Fetfatzidis ein schwacher Trost. «Lange kann ich das nicht mehr machen. Gehen die Geschäfte nicht bald wieder besser, werde ich mein Auto verkaufen müssen», sagt er. Vorerst gebe er die Hoffnung aber nicht auf. «Jede Krise geht einmal zu Ende.» Fetfatzidis, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Nähe des Omoniaplatzes im Zentrum Athens lebt, findet es falsch, die Sommerspiele 2004 allein für die finanzielle Krise Griechenlands verantwortlich zu machen. «In den letzten Jahrzehnten hat unsere Regierung fast alles falsch gemacht. Viele Entscheide wurden einzig für jene getroffen, die bereits viel Geld haben. Nun müssen die normalen Bürger das Ganze auslöffeln», sagt er.

Avraam Torosidis ist einer dieser Bürger. Er steht in einem einfachen Holzverschlag neben dem eisernen Eingangstor des Athener Olympiastadions. Ohne Worte zeigt er zu zwei vor dem Haupteingang im Wind wehenden Fahnen – der olympischen und der griechischen. Es sind Überreste der Sommerspiele 2004, von denen sich Torosidis und mit ihm Millionen Griechen viel erhofft hatten. Ausser positiven Erinnerungen an Emotionen und sportliche Höhepunkte ist aber kaum etwas eingetroffen. «Olympia ist längst vergangen, für immer vorbei», sagt er, der hier im Schichtbetrieb als Securitas arbeitet.

Hineinlassen aufs Olympiagelände darf Torosidis offiziell nur, wer ihm einen Ausweis oder eine Durchfahrbewilligung vorweisen kann. So wollen es seine Vorgesetzten. Ausnahmen sind keine vorgesehen. Warum das so ist, weiss Torosidis nicht. Er kann und will sich dazu auch nicht äussern. Er bangt wohl um seinen Arbeitsplatz. Vorschrift ist Vorschrift – auch fast neun Jahre nach den Spielen. Damals, 2004, half Torosidis noch, den Verkehr zu regeln. Nur einmal war er selber im Olympiastadion – bei der Schlussfeier.

Wenige Meter neben der offiziellen Einfahrt auf das Gelände des Olympiastadions klafft ein riesiges Loch im Absperrzaun. Es ist eines von vielen. Das erklärt, weshalb sich trotz offiziellem Verbot täglich Touristen und Einheimische auf dem zur Sperrzone erklärten Gelände aufhalten. Während die Athener die Anlage zwecks Freizeitgestaltung zu nutzen versuchen, verschaffen sich die Gäste aus dem Ausland einen Überblick über den Ist-Zustand der Sportstätten. Es ist ein Blick des Grauens. Schlimmer, als sich das erahnen liess. Mit «Olympische Ruinen» («Handelsblatt»), «Olympiaschrott» («Frankfurter Allgemeine») und «Geisterkulissen» («Die Welt») haben Medienschaffende die Olympiastätten in den letzten Jahren beschrieben. Treffender geht es nicht.

Im Zentrum der Olympischen Sommerspiele standen das Olympiastadion und der riesige, ihn umgebende Olympiapark. Vom Glanz von damals ist nichts geblieben. An der Stahlkonstruktion des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava nagt der Rost. Elemente des Glasdachs fehlen. Überall lagern Berge von Müll. Es ist Chaos pur. Viele Schalensitze sind aus der Verankerung gerissen, andere schmutzig. Auf dem Rasen, auf welchem Konzerte und Fussballspiele geplant waren, aber kaum stattfanden, wirbelt der Wind Abfall, Zeitungen und sogar Kartonschachteln herum.

Sprungbecken ist Fäkaliengrube

«So schlimm habe ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Eigentlich geht das nicht», sagt Johannes Müller, Sportstudent aus Wien. Zusammen mit drei Kollegen weilt er einige Tage in der griechischen Hauptstadt. Aus Neugier haben sie sich entschlossen, das olympische Vermächtnis anzusehen. So wie den Österreichern geht es auch einer Reisegruppe aus Asien, deren Mitglieder im Olympia-Schwimmstadion die Worte fehlen. Ungläubig schauen sie sich um. Vor neun Jahren war diese Anlage noch der Stolz der Olympiamacher. Heute ist es nicht mehr als eine Ruine. Das 50-Meter-Becken wurde von einem lokalen Athener Schwimmklub vor zwei Jahren zwar wieder in Betrieb genommen und dient Trainingszwecken, einladend ist es aber nicht. Überall ums Becken klaffen riesige Löcher in den Betonplatten, liegen Glasscherben herum. Das angrenzende Sprungbecken, in welches an den Sommerspielen die Turmspringer sprangen, ist nur mit einigen Zentimetern einer nicht zu definierenden braunen Brühe gefüllt. Diese gleicht nicht nur optisch einer Fäkaliengrube, sie riecht auch entsprechend.

Gespräche mit Touristen

«Keine Ahnung, wie lange man noch zusehen will. Bis heute hat niemand entschieden, was aus der ganzen Anlage wird. Geld, sie in Betrieb zu nehmen, gibt es keines», erklärt Vassilios Ninis. Zusammen mit seinem achtjährigen Sohn Alex kommt er oft hierher. Der Kleine mit dem Fahrrad, er zu Fuss. Dass sich ihnen ein trostloses Bild bietet, nimmt Ninis in Kauf. Das Olympia-Areal sei halt besser als die Häusersiedlung entlang der Schnellstrasse, in welcher sie leben. «Mein Sohn kann sich hier wenigstens frei bewegen, kilometerweit Velo fahren», sagt er. Dass aus dem Freizeitpark, den die Olympiastrategen versprochen hatten, nie etwas geworden ist, hat Ninis akzeptiert, akzeptieren gelernt. Als die Spiele zu Ende waren, seien die Lichter gelöscht worden. «Nun ist es zu spät.»

«Die Sportstätten hätte man erhalten müssen», sagt auch Konstantinos Ninis, der zu seinem Bruder gestossen ist. Dass sie sich mit Touristen über die Olympischen Spiele und deren Folgen unterhalten, komme immer wieder vor. «Vielleicht haben wir uns einfach daran gewöhnt, was wir hier jeden Tag sehen. Ich kenne aber keinen Fremden, der in den letzten Jahren nicht entsetzt und enttäuscht wieder wegging. Eigentlich müsste sich Griechenland dafür schämen. Das tut aber niemand – zumindest nicht offiziell», erklärt Konstantinos Ninis.

Wasserspiele sind versiegt

Schulden, Ruinen, nicht eingehaltene Versprechen – die Athener haben sich abgefunden, dass ihnen nur ihre positiven Erinnerungen an die Spiele bleiben. Erinnerungen an die bunten Fahnen in der ganzen Stadt, die leuchtenden Lichter, die pompösen Feuerwerke, die jubelnden und enttäuschten Sportler und alle andern Annehmlichkeiten, welche die Spiele nach Griechenland brachten. Viele waren vor knapp neun Jahren dabei – als Helfer oder Zuschauer. Heute mögen sie nicht mehr darüber sprechen und bezeichnen die Situation als trostlos. Nicht nur auf dem Hauptgelände mit dem Olympiastadion im Zentrum, auch auf und an den andern Wettkampfplätzen präsentiert sich kein erfreulicheres Bild. Die Wasserspiele in Faliron, wo die olympischen Beachvolleyball-Medaillen ausgespielt wurden, sind versiegt. Bäume und Pflanzen, die für die Spiele gepflanzt wurden, sind längst verdorrt. Dafür wächst überall Unkraut. Verantwortlich, dieses zu entfernen, fühlt sich aber niemand. Auch die Kassahäuschen sind verschlossen, viele sind demoliert. Die Toiletten ebenfalls. Nicht ein Restaurant gibt es auf dem ganzen Gelände noch. Dafür überall Abfall. Dazwischen wilde Katzen und Hunde, die in den Müllbergen, welche nachts im Schutz der Dunkelheit grösser werden und eigentlich unerlaubte Deponien sind, nach Nahrung suchen. Sogar einige Roma-Familien haben hier in Bretterbuden ein neues Zuhause gefunden.

Den Einheimischen missfällt dies. Sie meiden den Ort, schauen weg. Eigentlich müssten hier heute Schwimmbäder und Liegewiesen sein. So sahen es die Planung und das Budget der Sommerspiele vor, welches im Laufe der Jahre von ursprünglich 4,6 auf mehr als elf Milliarden Euro angewachsen war und nach den Spielen nichts mehr hergab. «Eine Katastrophe, einfach eine Katastrophe», sagt Lisa Argyros, die mit ihrem Hund rund um die triste Kulisse Griechenlands joggt. Auf das Gelände, man nennt es «Sahara», traut sich kaum noch jemand. Immer wieder kam es in den letzen Jahren zu Überfällen.

Verkehrskonzept und ein neues Wohnquartier

Die Olympischen Spiele 2004 – sie waren nicht nur ein Sportereignis, sie waren auch ein gewaltiges Infrastrukturprojekt. Geblieben sind Griechenland Milliardenschulden und Ruinen. Zwei Drittel aller Sportanlagen sind nicht mehr in Betrieb. Besser sieht es mit der restlichen Infrastruktur aus, die für die Spiele gebaut wurde – zumindest teilweise. Das Transportsystem mit Strassen, Autobahnen und der Metrolinie entlastet die Stadt noch immer. Im Stadtteil Maroussi, wo die Olympiafamilie in neu gebauten Wohnhäusern untergebracht war, beurteilt man die Spiele rückblickend sogar mit Zufriedenheit. Die für Sportler, Funktionäre und Medienvertreter gebauten Wohnungen sind fast alle vermietet beziehungsweise verkauft. Auch Maria Papadolus lebt hier – allein, seit Anfang 2005. Nach den Olympischen Spielen habe sie das Stadtzentrum verlassen und sei dank dem Millionen-Event zu dieser bezahlbaren 3-Zimmer-Wohnung gekommen. Ein Glücksfall seien die Spiele für sie und viele weitere Griechen im (Olympia-)Quartier im Westen Athens geworden – trotz allen Übels. Mehr mag sie nicht sagen. Vielsagend schüttelt sie nur den Kopf. «Sehen Sie sich das alles genau an. Dann wissen Sie, wie ich und alle andere Griechen darüber denken», sagt Papadolus und versucht danach, ihr Fenster zu schliessen. Vergeblich. Es klemmt. Irgendwie bezeichnend.

Investoren wollen Olympia-Anlagen vermieten

Zurück im Taxi bei Ionnanis Fetfatzidis. «Sie müssen nichts sagen. Ich weiss, es ist traurig, was man im Olympiapark zu sehen bekommt», nimmt er das Gespräch ungefragt wieder auf. Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt der Taxifahrer los: «Früher waren wir Griechen ein frohes Volk. Heute sind viele verbittert.» Es sei ein Teufelskreis. Die, die nichts hätten, würden sich das Nötigste halt besorgen – notfalls illegal. «Auch für mich ist vieles teuer, ja sogar unerschwinglich», sagt er und weist darauf hin, dass er sich kaum noch Zigaretten leisten kann. «So rauche ich wenigstens nicht mehr so viel», ergänzt er und schmunzelt.

Auf das «Wie weiter?» angesprochen zuckt Fetfatzidis mit den Schultern. «Der Staat hat nichts getan. Er tut auch heute nichts.» Der Zustand der Olympia-Anlagen sei eine Schande für Athen und ganz Griechenland. «Immerhin wurden in den letzten Jahren einzelne der Gebäude und Wettkampfstätten wieder in Betrieb genommen – meist durch private Investoren. Diese versuchen die Anlagen nun an die Klubs und Verbände zu vermieten», erzählt er. Oft vergeblich. Es gebe zwar Interessenten, die aber hätten nicht die nötigen Finanzen. Wie für vieles andere fehlt in Griechenland halt auch hier das Geld.

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