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Ringier hat den Journalismus aufgegeben

Der Medienkonzern Ringier ist mit einem klassischen Verlagshaus nicht mehr zu vergleichen. Das Handelsgut ist nicht mehr die Information. Das Unternehmen hat frühzeitig erkannt, dass die Nachricht als solche aufgrund der Gratiskultur keinen Wert mehr hat.

Südostschweiz
Freitag, 31. August 2012, 02:00 Uhr Kommentar

Von David Sieber

Die Lösung: Man nimmt die Protagonisten, welche typischerweise die Ringier-Produkte bevölkern, unter Vertrag. Dann kauft man sich einen Konzertveranstalter, vermarktet die oberste Schweizer Fussballliga und hat schwups eine Wertschöpfungskette geschaffen.

Nehmen wir also an, Schwergewichtsboxer Wladimir Klitschko würde seinen WM-Titel an einer Ringier-Veranstaltung in Bern verteidigen. Zur Einstimmung sänge der von Ringier gemanagte Gölä etwas von Staub auf der Lunge. Und die Ringier-Produkte «Blick», «Blick am Abend», «SonntagsBlick» und «blick.ch» würden im Vorfeld seitenweise über jede noch so kleine Begebenheit berichten, die extra dafür von Ringier inszeniert worden wäre – natürlich in den höchsten Tönen und in rosaroten Farben. Das wäre fast wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Was Ringier auch reichlich getan hat. Denn der Kampf fand diesen Juli tatsächlich statt.

Kein Wunder, zündet Ringier nun die nächste Stufe und verpflichtet Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld. Damit sichert sich der Konzern nicht nur einen grossen Namen im Fussballgeschäft, sondern kauft sich gleich eine ganze Fussball-Nationalmannschaft. Diese wird künftig medial nach Ringiers Pfeife tanzen. Das exklusive Zugangsrecht sichert den konzerneigenen Medien einen Informationsvorsprung. Der Preis, den die Journalisten zu bezahlen haben, ist allerdings hoch: Sie geben ihre Unabhängigkeit auf. Noch dem grössten Grottenkick der Nati müssen sie fortan positive Aspekte abgewinnen.

Umgekehrt ist Hitzfeld nun auf Gedeih und Verderb an Ringier gekettet. Er hat seine Seele verkauft. Für einen Fan ist das mindestens so unerträglich wie für einen Journalisten Ringiers Verrat an dessen Berufsstand.

dsieber@suedostschweiz.ch

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