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Rico Valär vervollständigt den Blick auf Peider Lansel

Sechs Jahre lang hat sich Rico Valär dem Leben und Schaffen von Peider Lansel (1863–1943) gewidmet. Am Freitagabend konnte der Romanist die Ergebnisse seiner Arbeit einem breiten Publikum vorstellen.

Südostschweiz
Sonntag, 01. April 2012, 02:00 Uhr

Von Fadrina Hofmann

Samedan. – In Archiven und Bibliotheken, auf Dachböden, in Schränken, Schachteln und bei Nachfahren hat Rico Valär in den vergangenen Jahren nach Spuren von Peider Lansel gesucht. Seine Nachforschungen führten ihn von Sent nach Samedan, von Chur nach Bern. Stundenlang wühlte der Romanist aus Zuoz in der Vergangenheit eines der bekanntesten rätoromanischen Dichters überhaupt. Das Resultat liegt seit Kurzem in Form eines 576 Seiten dicken Buchs namens «Ouvras da Peider Lansel. TOM II prosa, essais, artichels e correspundenza» vor. Am Freitagabend fand die Vernissage in der Chesa Planta in Samedan statt.

Mit seiner Dissertation stellt Va- lär im Grunde genommen die Arbeit eines anderen bedeutenden rätoromanischen Poeten fertig. Andri Peer hatte bereits 1966 den ersten Band «Ouvras da Peider Lansel» publiziert, eine Werkausgabe des dichterischen Schaffens von Lansel. Schon zu dieser Zeit war vorgesehen, einen zweiten Band zu veröffentlichen. Doch es dauerte über ein halbes Jahrhundert, dieses Unterfangen umzusetzen.

Eine süffig geschriebene Biografie

Der neue zweite Band zeigt, dass Valär zwar ein begnadeter Sprachwissenschaftler ist, doch er ist ebenso ein guter Erzähler. Bisher gab es keine umfassende Biografie von Peider Lansel. Valär ergriff darum die Gelegenheit, anhand der Unmengen von Material, welche die Familie Lansel über den Dichter gesammelt hatte, das bemerkenswerte Leben Peider Lan- sels nachzuzeichnen. Peider Lansel stammte aus einer alteingesessenen Familie aus Sent, war Geschäftsmann in Italien, dreifacher Vater und vor allem Dichter, Sprach- und Kulturforscher, Aktivist der Spracherhaltung und des Heimatschutzes – und heute ein Symbol der rätoromanischen Bewegung. Für den Leser hat Valär einen attraktiven Einstieg geschaffen: Er zitiert Briefe des jungen Lansel, er zeigt historische Fotografien und umschreibt zeitgenössische Ereignisse. Auf diese Weise kann der Laie mühelos in Lansels Welt eintauchen. Es ist gerade diese süffig geschriebene Biografie, die das Werk auch für nicht wissenschaftlich interessierte Leser attraktiv macht. «Ich wollte eine Dissertation schreiben, die nicht nur in einer Schublade landet, sondern auch zu etwas nütze ist», meinte Valär.

Lansel mit all seinen Facetten

Valär hat sein Buch ganz im Sinne von Peers einst vorgesehenem Konzept dreigeteilt. Zum einen stellt er die einzigen vier Prosastücke von Lansel vor. Als «Herzstück des Buchs» bezeichnet Valär die komplett aufgeführten Essays. Weiter hat er eine Auswahl der Zeitungsartikel zusammengetragen, die Lansel in romanischer Sprache publiziert hatte. Entgegen der Vorstellung von Peer hat Valär indes alle Texte in der ursprünglichen Form belassen, mit der Orthografie, die dem Poeten gerade genehm war. Dieser Entscheid von Valär schafft auf eine attraktive Weise Authentizität. Der Leser lernt einen Mann kennen, der in den Volksliedern die Quelle der einzig wahren und echten Sprache fand. Er erhält Einblick in Lansels Schriftenschlacht um die Anerkennung des Rätoromanischen als eigenständige Sprache. Und in einem Beitrag dokumentiert sein letzter lebender Enkel, Bernard Andry Piguet, die Geschichte der Kirche San Peder in Sent, zu welcher der Poet eine besondere Beziehung hatte.

Valärs «Ouvras da Peider Lansel» ist ein Buch zum darin Schmökern, eine wissenschaftliche Dokumentation ebenso wie eine spannende Bettlektüre – und ein Werk für alle Rätoromanen. In seinem Vorwort schreibt Valär, das Buch ergänze ein Jahrhundertwerk «mit der Hoffnung, von Neuem das Interesse für die Person und das Werk eines Kosmopolits zu wecken, der einen Grossteil seines Lebens dem Rätoromanischen und dem Engadin gewidmet hat». Nächstes Jahr würde Lansel seinen 150. Geburtstag feiern. Valärs Dissertation ist ein adäquates Geschenk zu diesem Jubiläum.

Eine weitere Buchvorstellung findet am 11. April im Museum Engiadinais in St. Moritz statt. Das öffentliche Fest ist für den 16. Juni um 16 Uhr im Parking Not Vital in Sent vorgesehen.

Rico Valär: «Peider Lansel: Essais, artichels e correspundenza. TOM II Ouvras da Peider Lansel.» Chasa editura rumantscha, 580 Seiten, 38 Franken.

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