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Reto Suri und das komplexe NHL-Vertragsproblem

ZSC-Stürmer Ronalds Kenins unterschreibt in Vancouver, während der Vertrag von Zug-Angreifer Reto Suri mit Tampa aufgelöst wurde. Das zeigt: Transfers in die NHL sind eine komplexe Sache.

Südostschweiz
05.08.13 - 02:00 Uhr

Von Nicola Berger

Eishockey. – Am 13. Juni unterschrieb Reto Suri bei den Tampa Bay Lightning einen Zweijahresvertrag. Die Freude war gross, aber sie währte nicht lange. Der Vertrag wurde nicht anerkannt und weniger als einen Monat später aufgelöst. Seither herrscht Funkstille, denn die Probleme sind vielschichtig. Letzte Woche nun setzte Ronalds Kenins seine Unterschrift unter einen Zweijahresvertrag bei den Vancouver Canucks, nachdem er in einem Sichtungscamp überzeugt hatte. Gaëtan Voisard, der Schweizer Agent von Kenins, bestätigt, dass die Verträge beglaubigt wurden, der Transfer zustande kommt. Warum funktioniert beim ZSC-Flügel, was bei Suri nicht geklappt hat?

Sonderfall Schweiz

Der Unterschied liegt in der Vertragslänge. Kenins war bis 2014 an den ZSC gebunden, Suri aber bis 2015 an den EVZ. Die ZSC Lions willigten ein, den Vertrag sofort aufzulösen, und machten so den Weg frei für den Übertritt zu Vancouver. Im Gegenzug leihen die Canucks den gebürtigen Letten für ein Jahr an die ZSC Lions aus. Der Deal wurde in Nordamerika von der einflussreichen Agentur Newport (vertritt unter anderem die Interessen von Steven Stamkos und Drew Doughty) abgewickelt.

Bei Suri ist der Fall anders gelagert, weil er vor der Unterschrift mit Tampa gar nie mit dem EVZ über eine Vertragsauflösung und/oder Freigabe sprach. Sein NHL-Vertrag und die Vereinbarung mit Zug wären parallel gelaufen – und das ist nicht zulässig.

Was nun? Suri hat zwei Möglichkeiten, wie sein NHL-Traum im nächsten Sommer doch noch möglich wird: Entweder einigt er sich mit dem EV Zug auf eine Vertragsauflösung, oder die Liga ratifiziert das internationale Transferabkommen der IIHF. Die Schweiz ist neben Russland die einzige Nation ohne gültigen Vertrag mit der NHL. Und das mit gutem Grund.

Denn würde die Schweiz das Agreement unterschreiben, stünde sie über Nacht vor einem gewaltigen Problem. Jeder Abgang in die NHL würde dann zwar mit 240 000 Dollar entschädigt, aber die NHL-Organisationen müssten nicht länger auf gültige Verträge Rücksicht nehmen. Ein möglicher Extremfall: Davos-Goalie Leonardo Genoni unterschreibt eine Woche vor dem Saisonstart in Philadelphia. Es wäre für den HC Davos unmöglich, seinen Stammtorhüter zu ersetzen. Und genau darum steht die Mehrzahl der Klubvertreter einer Ratifizierung des Transferabkommens ablehnend gegenüber.

Dennoch sind für diesen Winter Verhandlungen zwischen der Liga und der NHL geplant. Für eine Einigung wären indes massive Konzessionen der NHL-Vertreter nötig. Liga-Chef Ueli Schwarz sagt: «Wir werden versuchen, eine Lösung zu finden, aber das wird nicht einfach.» Das ist eine glatte Untertreibung, denn die Schweiz ist in vielerlei Hinsicht ein Spezialfall. Anders als in Ländern wie Schweden gelten Spieler aus der EU hier gleichsam als Ausländer wie Kanadier oder Amerikaner. Abgänge können wegen der Ausländerbegrenzung von vier Spielern pro Team entsprechend weniger gut abgefedert werden. Dazu kommt: Das Gros der Transfers wird hierzulande zwischen Oktober und Dezember abgewickelt – während die Saison noch läuft und die betroffenen Spieler beispielsweise im Play-off mit ihrem alten gegen den neuen Arbeitgeber antreten.

Das Schweizer System gilt als umstritten und unpopulär, aber es hat in den letzten Jahren keinerlei Bestrebungen gegeben, eine Änderung herbeizuführen. Schwarz sagt: «Es gab nie ernsthafte Diskussionen. Sicher wäre es besser, würden die Transferverhandlungen erst nach der Saison stattfinden. Aber erstens wäre eine solche Restriktion rechtlich problematisch. Und zweitens wäre das für die Liga kaum zu kontrollieren.» Darum besteht auch wenig Aussicht darauf, mit der NHL ein fixes Transferfenster zu vereinbaren. Denn: In der NHL ist der Sommer die Zeit der Entscheidungen – und dann ist der Schweizer Markt längst leergefischt und etwaige Abgänge könnten nicht mehr ersetzt werden. «Das kann die ganze Saisonplanung über den Haufen werfen – und im Abstiegsfall sogar Existenzen bedrohen», sagt ZSC-Sportchef Edgar Salis.

Keine Lösung in Sichtweite

Das Transferabkommen im aktuellen Umfang ist also kein gangbarer Weg, aber auch der Status quo ist unbefriedigend. Schweizer Spieler sind in der NHL inzwischen zur begehrten Exportware geworden – und seit der WM-Silbermedaille von Stockholm drehen die NHL-Suchschweinwerfer noch intensiver über der NLA. Das Problem heute: Wechselt ein Akteur nach Übersee, gibt es keine Entschädigung – Vertrag hin oder her. Der EV Zug beispielsweise hat an den Transfers seiner Stars Rafael Diaz (27, Montreal) und Damien Brunner (27, zuletzt Detroit) null Franken verdient. Diaz stünde in Zug eigentlich bis 2016 unter Vertrag, nahm für seinen Wechsel nach Montreal aber eine Ausstiegsklausel wahr. Solange es kein Transferabkommen gibt, wird diese Praxis zum Usus werden. Von den Top-Shots der Liga wird kaum einer mehr einen neuen Vertrag ohne entsprechenden NHL-Passus unterschreiben. Was wiederum die Planungssicherheit der Klubs massiv erschwert.

Vertragsklausel pro EV Zug

Zurück zum «Fall Suri». Er wird auch ohne Transferabkommen in die NHL wechseln können; der EVZ wird ihn im nächsten Sommer ziehen lassen. Im Gegenzug wird Suri sich verpflichten müssen, bei einer allfälligen Beendigung des Nordamerika-Abenteuers zurück nach Zug zu wechseln. Bereits bei Damien Brunner hatte der EVZ gleich verfahren.

Fakt ist aber, dass Suri aktuell keinen NHL-Vertrag mehr besitzt. Heisst das, dass der Transfer nach Tampa platzen könnte? Oder gibt es ein Gentleman’s Agreement, dass Suri einfach im nächsten Frühling in Florida unterschreibt? Suri sagt: «Ja, ein solches Agreement gibt es. Aber in einem Jahr kann viel passieren. Vielleicht hat Tampa andere Pläne, und vielleicht fühle ich mich noch nicht bereit für den Sprung in die NHL.» Zur Erinnerung: Tampas Manager-Legende Steve Yzerman hatte bereits in diesem Frühling alles unternommen, um Suri von einem sofortigen Wechsel nach Übersee zu überzeugen. Suri erklärt seine Standhaftigkeit so: «Ich bin einfach noch nicht so weit. Eine weitere Saison in der Schweiz ist für meine Entwicklung am besten.» Affaire à suivre …

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