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Poschiavo – Schaltzentrale der Illuminati

In Poschiavo findet am kommenden Samstag die Premiere von «Barone Utopia» statt. Das Stück zeigt das Leben des Bündner Adligen Tommaso de Bassus, der als Aufklärer die Welt in ein goldenes Zeitalter führen wollte.

Südostschweiz
Sonntag, 15. Juni 2014, 02:00 Uhr

Mit einem Theaterstück und einer Ausstellung erinnert das Puschlav an den Illuminaten Tommaso Francesco Maria de Bassus

Von valerio gerstlauer

Verschwörungstheoretiker können demnächst wieder ruhig schlafen. Sie brauchen bloss nach Poschiavo zu reisen und sich «Barone Utopia» zu Gemüte zu führen. Das Theaterstück, das am Samstag Premiere feiert, dürfte wie eine Beruhigungspille wirken, belegt es doch: Die Illuminaten, die heute von gewissen Kreisen als die wahren Weltenlenker angesehen werden, waren alles andere als allmächtig. Im Gegenteil: Selbst ranghohe Mitglieder konnten nach dem Verbot der Geheimgesellschaft 1785 in Bayern völlig verarmen. Auf Hilfe von ach so einflussreichen Ordensbrüdern war nicht zu hoffen.

Dies zeigt das Beispiel des Puschlaver Illuminaten Tommaso Francesco Maria de Bassus (1742–1815), dessen Geschichte im Stück «Barone Utopia» im Mittelpunkt steht. Seinen Lebensabend fristete de Bassus allein und mittellos – der Baron musste am Ende selbst bei seiner Haushälterin Geld ausleihen.

<strong>Regisseur Oliver Kühn</strong> vom Ostschweizer Theater Jetzt adaptierte für «Barone Utopia» den Roman «Baron de Bassus und die Illuminaten» des Puschlaver Schriftstellers Massimo Lardi. Dabei orientiert er sich wie schon Lardi an den historischen Fakten. Kühn zeigt einen de Bassus (dargestellt von Gilles Tschudi), der als radikaler Aufklärer die Welt von Grund auf erneuern will. Geboren in Poschiavo, lässt sich de Bassus in Ingolstadt zum Juristen ausbilden und lebt bei seinen Verwandten, die Anfang des 17. Jahrhunderts nach Bayern ausgewandert sind. Hier kommt er in Kontakt mit dem Geheimbund der Illuminaten, lernt bei ihnen Johann Wolfgang von Goethe kennen. Dessen Erfolgsroman «Die Leiden des jungen Werthers» lässt de Bassus als erste italienische Übersetzung in seiner Puschlaver Druckerei veröffentlichen. Seinen Aufstieg setzt de Bassus fort, indem er in die vermögende Puschlaver Familie Massella einheiratet. Dadurch amtet er etliche Male als Podestà in Poschiavo und im Veltlin. Zudem erbt er in Bayern von seinem Verwandten Franz von Bassus sämtlichen Besitz und wird dadurch bayerischer Baron.

In der Hierarchie der Illuminati steigt de Bassus immer höher. Zusammen mit Ordensgründer Adam Weishaupt und Freiherr Adolph Knigge gehört er zu deren Führungsriege. Ihr Ziel ist die Verbesserung und Vervollkommnung der Welt, womit die Illuminaten die Freiheit erreichen wollen. Der Weg zur Freiheit soll vor allen Dingen durch die Bildung geebnet werden. Diese Bildung beinhaltet nicht bloss das äusserliche Vermitteln von Wissen, sondern zielt in erster Line auf die Bildung des Herzens, der Sittlichkeit. Diese soll dem Menschen ermöglichen, sich selbst zu beherrschen, wodurch andere Formen der Beherrschung, insbesondere der Despotismus der absolutistischen Fürsten, aber auch der Katholischen Kirche überflüssig werden. Dieser Bruch mit dem System soll den Menschen in ein goldenes Zeitalter überleiten.

De Bassus’ Abstieg beginnt, als die Drei Bünde im Zuge der napoleonischen Kriege die Herrschaft über das Veltlin verlieren. Der Baron wird dadurch seiner wichtigsten Ämter beraubt und ist gezwungen, nach Bayern zurückzukehren.

<strong>«</strong><strong>Bei unserer Produktion</strong> legen wir den Fokus auf de Bassus’ Karrierestreben», verrät Regisseur Kühn. Ihn habe interessiert, was es bedeute, Karriere zu machen, und wie hoch der Preis sei, wenn man Karriere mache. «Darin unterscheidet sich das Theaterstück von der Buchvorlage, die sich mit dieser Frage kaum beschäftigt.» So tritt de Bassus’ Karriere in «Barone Utopia» gar als eigene Figur auf, verkörpert von Simona Hofmann. Des Weiteren zu sehen sind Henryk Pawlikowski, Andi Bissig, Antonio Zanolari, Elena Morena Weber sowie Laien aus dem Puschlav (Filodrammatica Poschiavina), der Deutschschweiz und Norditalien. Das Stück spielt im Palazzo Massella, heute als Hotel «Albrici» bekannt. Hier lebte de Bassus mit seiner Familie, wenn er nicht gerade in Ingolstadt weilte.

Regisseur Kühn wird im Stück auch die Verschwörungstheorien, die sich bis heute um die Illuminati ranken, auf die Schippe nehmen. Besonders eine Szene im Keller des Palazzos soll diesen gewidmet sein. «Dort werden sämtliche Klischees, die es über die Illuminati gibt, eingebaut», sagt Kühn. Diese reichen von Sodomieorgien bis zu der Unterstellung, die Illuminati hätten eine eigene Kirche etablieren wollen.

<strong>Baron de Bassus sei im Puschlav</strong> beinahe in Vergessenheit geraten, erst Lardis Buch habe dies geändert, erzählt Kühn. «Sichtbare Zeichen von de Bassus’ Anwesenheit könnten aber die ganze Zeit über einige Häuserfassaden in Poschiavo gewesen sein.» Diese sind nämlich mit sonderbaren Zeichen geschmückt, die aus Instrumenten und Noten bestehen. Ihm sei erzählt worden, dass solche Zeichen mit Gewissheit auf die Anwesenheit von Geheimbündlern schliessen liessen, berichtet Kühn. Auch die Tatsache, dass de Bassus beauftragt wurde, das Gedankengut des Ordens durch seine Druckerei in der Schweiz und Italien zu verbreiten, legt nahe, dass Poschiavo als Dreh- und Angelpunkt der Illuminati diente.

Seine Recherchen für das Stück führten Kühn auch in den Kanton Appenzell Ausserrhoden, wo bis vor einigen Jahren ein Illuminatenorden existiert hat. Dessen Dokumente landeten nach der Auflösung im Archiv. «Die Unterlagen dokumentieren die Vorstellung einer Parallelgesellschaft, die völlig utopisch anmutet», meint Kühn. «Ich glaube auch deshalb, dass de Bassus den Illuminaten auf den Leim gegangen ist und nie ganz verstanden hat, was dort passiert – er hatte eine sehr naive Einstellung dem Orden gegenüber.»

«Barone Utopia». Premiere: Samstag, 21. Juni, 20 Uhr. Weitere Aufführungen: 22., 27., 28. und 29. Juni, sowie 15., 16., 17., 21., 22., 24., 29., 30. und 31. August. Jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr. Hotel «Albrici», Poschiavo. Reservation unter der Telefonnummer 081 844 01 44 oder per Mail an welcome@hotelalbrici.ch.

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