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Papst Franziskus: «Es gibt keinen katholischen Gott»

In einem Interview mit der Zeitung «La Repubblica» kündigt der Papst eine moderne und demokratischere Kirche an. Und er überrascht einmal mehr mit klaren Aussagen. Zum Beispiel jener, dass es keinen katholischen Gott gebe.

Südostschweiz
Mittwoch, 02. Oktober 2013, 02:00 Uhr

Von Dominik Straub

Rom. – Am Anfang des gestern veröffentlichten Interviews ist ein Anruf des Papstes Ende September bei «Repubblica»-Gründer Eugenio Scalfari gestanden: «Buongiorno, hier ist Papst Franziskus.» – «Buongiorno Ihre Heiligkeit. Ich bin etwas verstört, ich habe nicht erwartet, dass Sie mich anrufen.» – «Warum verstört? Sie haben mir geschrieben, dass Sie mich persönlich kennenlernen möchten. Ich habe den gleichen Wunsch, und deshalb rufe ich an, um einen Termin zu vereinbaren. Schauen wir mal in meiner Agenda nach … Mittwoch kann ich nicht, Montag auch nicht – ginge vielleicht Dienstag?»

Es ging – und das Resultat ist ein weiterer Coup des Papstes, der so vieles anders macht als alle seine Vorgänger. Erst vor drei Wochen hatte der 76-jährige Pontifex die Öffentlichkeit mit einem offenen Brief an den 89-jährigen nicht glaubenden Scalfari überrascht. Darin hatte er unter anderem betont, dass Gott auch denen vergebe, die nicht an ihn glaubten, und dass es letztlich darauf ankomme, dass man sich gemäss seinem eigenen Gewissen für das Gute entscheide. «Das ist eine ziemlich mutige Aussage von einem Papst», findet Scalfari in dem persönlichen Gespräch, das er mit dem Papst am 24. September führte. «Aber ich bestätige sie hier», betont Franziskus. «Wenn jeder dem Guten folgt und das Böse bekämpft, würde dies reichen, um die Welt zu verbessern.»

«Der Hof ist die Lepra des Papsttums»

Jorge Bergoglio will mit den Verbesserungen vor der eigenen Haustüre beginnen, bei der Kurie. Der Kirchenverwaltung wirft er vor, mitunter zu höfisch und zu selbstverliebt zu sein: «Die Führer der Kirche waren oft narzisstisch, von Schmeichlern umgeben und von ihren Höflingen zum Üblen angestachelt. Der Hof ist die Lepra des Papsttums.» Das sei heute zwar nur noch teilweise so, doch müsse sich die Kurie noch stärker als dienende Institution begreifen. Zur Reform der Kirchenverwaltung hat der Papst eine Kommission aus acht Kardinälen einberufen, die gestern erstmals zusammentrat und dem Kirchenoberhaupt in Kürze Vorschläge unterbreiten wird. Die Beratungen in der Kommission seien «der Beginn einer Kirche, deren Organisation nicht nur vertikal, sondern auch horizontal sein wird», verspricht der Papst im Interview.

Bergoglio kritisiert auch den «Vatikan-Zentrismus» der Kurie: «Sie sieht und pflegt die Interessen des Vatikans, aber das sind immer noch zum grossen Teil weltliche Interessen. Ich teile diese Sichtweise nicht, und ich werde alles tun, um sie zu ändern.» Mitunter lässt der Papst im Interview auch seinen Humor aufblitzen. Zu Kirchenkritiker Scalfari sagte er: «Mir passiert das auch: Wenn ich einen Klerikalen vor mir habe, werde ich schlagartig antiklerikal.»

Franziskus spricht sich für eine moderne Kirche aus, die «den jungen Leuten die Hoffnung wiedergibt, den Alten hilft, die Zukunft aufschliesst und die Liebe verbreitet». Am Zweiten Vatikanischen Konzil sei beschlossen worden, der Zukunft «mit einem modernen Geist ins Antlitz zu sehen» und sich für die moderne Kultur zu öffnen. «Die Konzilsväter wussten, dass Öffnung zur modernen Kultur religiöse Ökumene bedeutet und Dialog mit den Nichtglaubenden. Seitdem ist sehr wenig in diese Richtung getan worden. Ich habe die Demut und den Ehrgeiz, es zu tun.»

«Seit dem Konzil ist sehr wenig getan worden»

Zum Schluss des Gesprächs stellt der Papst seinem Gegenüber eine Frage: «Sie als nicht glaubender Laie, woran glauben denn Sie? Sie werden doch an irgendetwas glauben, Sie werden einen Leitwert haben. Sie fragen sich doch sicher wie wir alle, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Selbst ein Kind fragt sich das.» Scalfari erwidert: «Ich glaube an das Sein, also an das Gewebe, aus dem die Formen hervorkommen.» Der Papst darauf: «Und ich glaube an Gott. Nicht an einen katholischen Gott; der existiert nicht. Nur Gott existiert. Und ich glaube an Jesus Christus, seine Inkarnation. Das ist mein Sein. Finden Sie, wir seien so weit auseinander?»

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