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«Moderne Poesie in der Schweiz» – umsichtig ausgewählt

Grosse Würfe benötigen Geduld und Akribie. Beides hat Roger Perret für seine Anthologie der modernen Poesie in der Schweiz bewiesen. Sie präsentiert sich als ausgesprochen schönes Buch.

Südostschweiz
Dienstag, 17. Dezember 2013, 01:00 Uhr

Von Beat Mazenauer (sda)

Bern. – Die moderne Poesie besteht aus Rändern, die sich verzweigen. In ihrer Mitte thront die lyrische Tradition, deren Macht verblasst und herausgefordert wird. Perrets Anthologie versammelt die Zeugnisse einer poetischen Freiheit, die in den letzten hundert Jahren herrlichste Blüten trieb.Allein schon der Umfang ist beeindruckend. Auf 550 grossformatigen Seiten hat er rund 600 Gedichte von 250 Autorinnen und Autoren versammelt, in verschiedensten Formen und Sprachen. Gut 120 davon wurden eigens ins Deutsche übersetzt. Etliche Gedichte erscheinen hier erstmals in Buchform.

Lyrische Bilder

Eine Charakteristik der poetischen Moderne ist, dass sie sich auch bildnerischer Formen bedient. Im frühen 20. Jahrhundert wurde sie nachhaltig durch die Art Brut geprägt, deren wilden Arbeiten häufig Text und Bild miteinander verschmelzen.In ihrem Gefolge lösten insbesondere die Künstler des Dada alle formalen Trennungen und Traditionen auf. Roger Perret hat diese Grenzen geöffnet und auch visuelle Gedichte und lyrische Bilder in die Auswahl mit aufgenommen. Adolf Wölfli ist darin vertreten, oder Paul Klee und Hugo Ball.

In der poetischen Verrücktheit und Verrückung kristallisiert sich der Zeitgeist einer kriegerischen Epoche. Was zuweilen grob und chaotisch wirkt, war das Resultat von neuen ästhetischen Prinzipien.«Es ist nämlich cheibe schwär, verrückt z’dichte», brachte es Robert Walser auf den Punkt. Und Blaise Cendrars schrieb: «Ich spucke auf die Vernunft, die sich nur schön gebärdet.»Entsprechend finden sich in dieser Auswahl nur wenige akkurat gesetzte Reime. Die routinierte, vollendete Schönheit wird vielmehr herausgefordert durch eine unreine, zuweilen hässliche Poesie. Einer Poesie, die sich stets selbst reflektiert.

«Gesundheit aus Wahnsinn»

Darin liegt der Kern, wie es ein Zitat von Manfred Gilgen beschreibt: «Poesie ist etwas / was danebensteht.» Die moderne Poesie strebt nicht nach dem Sound des Lieblichen, Schönen, Guten. Stattdessen arbeitet sie an sehr individuellen Sprachen der lyrischen Wahrnehmung. Roger Perrets Auswahl schlägt einen kühnen Bogen von der Art Brut nach 1900 zu den gegenwärtigen Spoken Words mit Ausläufern zum Pop-Gedicht. An diesen Rändern sind die überraschendsten Entdeckungen zu machen.Beispielsweise die traurigen Verse von Francis Giauque («Der Dorftrottel»). Oder das Werk der jurassische Klinikpatientin Constance Schwartzlin-Berberat, deren an Mallarmé erinnernde Gedichte bisher weitgehend unbekannt waren. Sie bergen eine wilde Klarheit, eine «Gesundheit aus Wahnsinn».

Poesie umfasst die Gesamtheit poetischen Sprechens und Schreibens, das Bildgedicht ebenso wie das Deklamieren und Singen. Umso schöner ist es zu verfolgen, wie sich Songtexte von Sophie Hunger oder Kuno Lauener in diesem Kontext halten. Perret legt eine umfangreiche, umsichtige und zugleich persönliche Auswahl vor.

Roger Perret (Herausgeber): «Moderne Poesie in der Schweiz». Migros Kulturprozent/ Limmat Verlag. 640 Seiten, 40 Abbildungen. 54 Franken.

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