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Leza Schmid: Der Mann mit dem Gespür für den Schnee

Seit 35 Jahren ist Leza Schmid als Schneemacher bei den Bergbahnen Savognin angestellt. Und seine Faszination für die Kristalle hält weiter an.

Südostschweiz
Samstag, 08. März 2014, 01:00 Uhr porträt

susanne taverna

Schnee. Die Grundessenz des Winters. Nicht immer vorhanden, oft auch einfach nicht in genügender Menge. In Savognin wurde diesem Dilemma bereits 1978 ein Ende gesetzt. «Europas erste Gross-Schneeanlage» wurde damals im Oberhalbstein in Betrieb genommen. Ganz vorne an der Front: der junge Bauer und Bergbahnangestellte Leza Schmid. Er liess die Landwirtschaft hinter sich und setzte voll auf das faszinierende Thema Schnee.

Wer mit Leza Schmid spricht, weiss nach Sekunden, dass er hier einen begeisterten, vom Schnee faszinierten Menschen vor sich hat. Seine strahlend blauen Augen blitzen, wenn er von der weissen Materie erzählt, und von seiner Passion für sie. Damals, 1978, musste die Produktion von Schnee zuerst noch erforscht werden. Es war «ein Krampf», mit den Kanonen auf Schlitten, angehängt an die dicken Schläuche, Schneeberge auf den Pisten zu produzieren. Die Konstruktionen jede Stunde zu verschieben, um eine ganze Piste statt eines riesigen Schneeberges zu beschneien. Herauszufinden, wie viel Wasser und wie viel Luft zusammengemischt werden müssen, um einen anständigen Schnee zu erzeugen, das war damals die grosse Herausforderung. Fünf Kompressoren und der Bach Julia versorgten die Kanonen mit Material zu Beginn der Schneeproduktion. Es sei ein Heidenlärm gewesen, damals Schnee zu produzieren: «Das waren 130 Dezibel direkt neben der Kanone. Wir haben immer alle Pamir getragen.» Und die Schneemacher waren nächtelang auf den Beinen, wenn die Temperaturen passten. «Ich habe manchmal sogar mit meinem Sohn bei den Kanonen biwakiert», erzählt der 62-jährige Schmid.

Schmid war immer schon am Schnee interessiert, und an der Natur im Allgemeinen. Nun hat er in 35 Jahren ein ganz spezielles Gespür für den Schnee entwickelt. Seine Liebe zur Natur hat auch einige Entwicklungen beim Schneemachen beeinflusst. So hat er ganz zu Beginn der Schneeproduktion beispielsweise dank Wildspuren herausgefunden, dass die Temperaturen an den Standorten der Schneekanonen sehr stark divergieren, und deshalb auch der Schnee, obwohl gleichzeitig produziert, zum Beispiel 100 Meter weiter oben nasser als 100 Meter weiter unten ist.

Mittlerweile sind alle Schneekanonen mit Messgeräten ausgestattet, die das jeweilige Mikroklima in der Umgebung des Geräts auf den Computer liefern, und so eine perfekte Schneeproduktion ermöglichen. Mit dem Computer können die heutigen Schneemacher jede einzelne Schneekanone im Gebiet separat öffnen und laufen lassen.

Vollautomatische Produktion

Mussten die Schneemacher früher immer vor Ort sein, um die aktuellen Umgebungswerte zu ermitteln und dann zum richtigen Zeitpunkt die Kanonen in Position zu bringen und zu aktivieren, so gibt es in Savognin heute eine vollautomatische Schneeanlage. Der Schneemacher kann die Schneeproduktion per Handy auslösen, nachdem er vom Computer die Nachricht erhalten hat, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit stimmen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. «Mit den neuen Schneekanonen können wir bereits ab Minus ein oder zwei Grad Celsius schneien. Das hätte früher niemand für möglich gehalten», erklärt Leza Schmid in der Pumpstation bei der Talstation der Sesselbahn Somtgant – Piz Martegnas. «Früher musste es immer drei bis fünf Grad Minus bei einer guten Feuchtigkeit sein.» Im Boden unter der Talstation von Somtgant befindet sich ein grosses Wasserreservoir, 3000 Kubikliter haben da Platz, über dem Raum mit den beiden Pumpen wird das Wasser auf null Grad Celsius runtergekühlt, bevor es weiter ins System fliesst. Denn mit dieser Temperatur gibt es den besten Schnee.

Mussten früher Wasser und Luft von Hand vermischt werden, von einer Temperierung ganz zu schweigen, führen die heutigen Leitungen die Luft in einer separaten Röhre mitten durchs Wasser, die Düse an der Schneelanze oder der mobilen Schneekanone vermischt dann die beiden Elemente und «lässt es schneien». Je ausgeklügelter die Düse, desto feiner der Schnee. Mit Chemie wird übrigens in Savognin nicht gearbeitet, und es wurde auch nie, wie Schmid versichert.

Zwei weitere Pumpstationen gibt es neben derjenigen in Somtgant im Skigebiet, bei jener in Tigignas sind noch immer die Pumpen von 1978 in Betrieb. Hier lagert auch noch ein Teil der zwei Kilometer Schlauch, die früher zum Einsatz kamen und nach dem Einsatz immer entleert und verstaut werden mussten.

Schneeproduktion ohne Energie?

Der Weg zur heutigen Schneeproduktion ist von vielen Tests und Versuchen geprägt. In den ersten Tagen holten sich die Savogniner Schneemacher ihr Wissen unter anderem in Finnland, in Urnäsch oder in Grenoble, und noch heute lebt die Branche vom Erfahrungsaustausch. «Als ‘Naivist’ muss man immer weiter denken, Neues anschauen, weiterentwickeln», erklärt Schmid seine Faszination für seinen Beruf. Mit der er auch einen seiner beiden Söhne angesteckt hat, der mittlerweile in Davos am Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstitut seine Doktorarbeit zu einem Schneethema macht.

Auf die Frage, was denn in der heutigen Zeit eine Innovation wäre, die ihn verblüffen würde, hat Schmid sofort eine Antwort bereit: «Eine Kanone, die ohne Energiezufuhr Schnee produziert.» Laut Schmid gibt es bereits Schritte in diese Richtung, Forscher befassen sich mit dieser Technik. Und so lässt das Thema Schnee Schmid nie los. Es gibt immer wieder etwas, das seine Neugier entfacht und seinen Entwicklergeist zu neuen Gedanken antreibt. Der Enthusiasmus von Schmid ist ansteckend, wo immer man ihn trifft. Jeder merkt, dass sich seine Gedanken im Winter immer am Rande um seine Passion, den Schnee, drehen. Dies zeigt jeweils auch seine einsame Spur durch den Tiefschnee auf der anderen Talseite des Skigebietes, deren Existenz von einem Kenner der Schneeverhältnisse erzählt.

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