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Leidenschaft für zwei PS und noch viel mehr Pferdestärken

Renate Schuler kutschiert mit ihren Pferden Touristen durch Braunwald. Doch eigentlich schlägt ihr Herz für viel mehr Pferdestärken.

Südostschweiz
Samstag, 03. September 2011, 02:00 Uhr

Von Sabine Tschudi

Braunwald. – Dick mit Wolken verhangen zeigt sich Braunwald an diesem Tag. Der Sommer macht gerade wieder einmal kurz Pause, und so sitzen wir zum Interview im trockenen Transporter und nicht in der Pferdekutsche. Und falls doch noch Gäste kommen sollten, so wäre man bereit.

Eigentlich habe sie damals Gärtnerin gelernt im Aargau, erzählt Renate Schuler. «Ja, im Aargau», sagt sie und lacht. Der Lehrmeister habe ein Ferienhaus gehabt in Braunwald, und so habe sich die dortige Lehrstelle eben so ergeben. «Die Eltern hatten neben dem Transportgeschäft eine Bauernwirtschaft, und ich dachte mir, das Gärtnern sei ebenso nahe bei der Natur, das könnte passen.»

Nach der Lehre arbeitet Schuler in Filisur, später absolviert sie die Bauernschule in Illanz, arbeitet mal hier, mal dort. Im Sommer 1989 entschliesst sie sich spontan dafür, ein halbes Jahr im Osten von Kanada zu arbeiten; auf einem Bauernhof mit 150 Milchkühen bei einem aus der Schweiz eingewanderten Ehepaar. Diese Horizonterweiterung habe ihr gut getan, findet sie.

«Enormer Wandel» seit 1963

Zurück in der Schweiz, führt sie einen Winter lang den Schwettibergladen. Dabei entdeckt sie ihr Handelstalent. So besucht sie die Handelsschule an drei Tagen pro Woche, den Rest der Zeit arbeitet sie im elterlichen Betrieb mit. Das Unternehmen, das sie inzwischen mit ihren beiden Brüdern und ihrer Schwester als GmbH führt, habe seit den Anfängen 1963 schon eine enorme Wandlung durchgemacht. «So wie wir», sagt Schuler und lacht.

Damals konnten ihre Eltern das Unternehmen kaufen und bauten es Schritt für Schritt aus und um. «Denn man muss mit der Zeit gehen, will man nicht irgendwann mit abgesägten Hosenbeinen dastehen».

Bis 1985 arbeitete die Firma nur mit Pferden im autofreien Braunwald. Es gab viel Baumaterial zu spedieren, denn Braunwald erlebte einen Bauboom. In diesem Jahr wurde nun das erste Elektromobil eingesetzt. Es habe sich aber nicht bewährt, sagt Schuler, die Motoren und die Übersetzung seien zu schwach gewesen für das bergige Terrain. Heute seien darum auch wieder Dieselfahrzeuge erlaubt – natürlich nur mit Spezialbewilligung.

Seit der Vater 1992 gestorben ist, haben die vier Kinder noch mehr expandiert. Heute seien zwei Taxis, zwei Minitaxis, vier Schilttraks, ein Zenit und fünf Pferde im Einsatz. Allerdings sei das Geschäft mit den Pferden nicht mehr rentabel. «Ich kutschiere noch, weil ich die Pferde eben längst gern bekommen habe», gibt Schuler unumwunden zu. Mit elf Jahren habe sie ihren ersten Einspänner lenken dürfen, mit 15 sei sie das erste Mal mehrspännig gefahren.

«Der ‘Alpenblick’ fehlt definitiv»

All die Jahre, die man so nah mit den Pferden gearbeitet habe, gäben schon eine besondere Bindung zu diesen. In ruhigen Phasen, vor allem im November und am Sonntag, bleibe ab und zu auch Zeit zum Reiten. Dabei könne sie sich gut entspannen und die Natur geniessen, findet Schuler. Und im Sommer seien die Pferde sowieso viel auf der Weide.

Aber so viel Ausgleich brauche sie eigentlich nicht, denn sie sei in der glücklichen Lage, ihr Hobby zum Beruf gemacht zu haben: wirklich grosse Autos fahren zu können. Irgendwie hätten sie diese grossen Fahrzeuge schon als Kind fasziniert. 2003 bestand sie die Lastwagenprüfung.

Als das Restaurant «Alpenblick» abbrannte und ihre Firma die Trümmer zu beseitigen hatte, war sie selig, den Abtransport mit dem Tieflader erledigen zu dürfen. «Aber der ‘Alpenblick’ fehlt definitiv», konstatiert sie.

Am stolzesten mache sie jedoch, dass sie mit den Geschwistern das Familienerbe bewahren konnte. Sogar die Schwester, die ihr Glück in Dänemark gefunden habe, werde bei allen wichtigen Entscheiden einbezogen.

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