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Kunst verstehen

Kunst verstehen

Das Institute of American Indian Arts in Santa Fe bildet junge Menschen in nativer Kunst aus und bietet Interessierten einen kleinen Blick auf die indianische Identität in der modernen Welt.

Südostschweiz
vor 10 Jahren in

Von Andreas Trabesinger

Für manch einen Europäer mag es schwierig sein, einen Zugang zu den Ureinwohnern Amerikas zu finden. Für mich zumindest ist es so. Nur schon einen passenden Namen für diese Völker zu finden, die Amerika so lange vor den Europäern bewohnt haben, bringt einen in Verlegenheit. Im Online-Lexikon Wikipedia ist die deutsche Version der Seite «Indigenous peoples of the Americas» – wörtlich übersetzt, die indigenen (also eingeborenen) Völker Amerikas – denkbar einfach übertitelt: Indianer. Aber diese falsche Sammelbezeichnung bringt uns auch nicht viel weiter, und das System der indianischen Stämme ist ein fremdes Konstrukt in sich selbst. Es ist klar, dass es reichlich wenig zu tun hat mit dem, was man bei Karl May gelesen oder in Filmen gesehen hat. Aber was ist darunter zu verstehen?

Dies sind also die Gedanken, die in meinem Kopf herumflattern auf der Taxifahrt hinaus zum Campus des Institute of American Indian Arts (IAIA), etwa 20 Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums von Santa Fe. Die Reise, so die Hoffnung, soll ein Gefühl dafür vermitteln, was indianische Kunst und indianische Identität heute bedeuten. Die Fahrt geht durch die Prärie New Mexicos, wo meist nur ein paar Büsche über eine weitgehend flache Landschaft verstreut liegen. Das Spiel der Farben ist eindrücklich, der Himmel strahlt in der Tat himmelblau und bildet einen sanften Kontrast zum Braun der Steppe. Diese Schönheit der Landschaft, erzählt der Taxifahrer, ist es, wieso er hierher gekommen ist. Mit 50 liess er einfach alles liegen und stehen gelassen im fernen Boston, wo er von Kind auf gelebt hatte, um mit seiner Frau nach New Mexico zu ziehen und neu zu starten. Solche Geschichten hört man immer wieder, wenn man die Menschen von ausserhalb fragt, warum sie hier leben. Kaum einer will zurück in die alte Heimat.

Ausblicke ...

Das Institute of American Indian Arts ist seit rund elf Jahren in der Prärie daheim, auf 56 Hektaren Land, die grosszügig Platz bieten für das College. Gegründet wurde das IAIA vor bald 50 Jahren, 1962, auf Geheiss von Präsident John F. Kennedy. Rund 300 Studenten zählt das IAIA momentan, und diese gehört über 100 verschiedenen Stämmen an – insgesamt wird zwischen über 500 Stämmen unterschieden. Was die Studenten hier lernen, hat nichts mit Folklore oder Brauchtumspflege zu tun. Das IAIA ist eine moderne Lehreinrichtung, wo eine ganze Bandbreite an Kunstformen unterrichtet wird, von Malerei und Bildhauerei über kreatives Schreiben bis zu digitaler Kunst. Daneben wird auch gelehrt, wie Ausstellungen zu organisieren und Kunstwerke zu lagern sind. Kurzum, das IAIA ist eine vollumfängliche Kunstschule.

Das Institut ermöglicht einen zeitgenössischen Zugang zu Kunst und zum Kunstwesen und ist eine Vorbereitung zu einer erfolgreichen Karriere als Kunstschaffender. Die Liste der namhaften Künstler, die vom IAIA abgegangen sind, ist lange, ebenso wie die der etablierten Künstler, die hier unterrichten. Der Lehrkörper besteht aus rund 80 Prozent Künstlern, und nicht wenige von ihnen sind ehemalige Studenten des IAIA. Die Vergangenheit und die Traditionen werden einbezogen in die Ausbildung, aber im Mittelpunkt steht nicht der Blick zurück, sondern der nach vorne. Aus dieser Konstellation heraus gewährt die moderne Native Art einen Blick in die Traditionen und Werte der Stämme, und wie diese in die Moderne übertragen wurden – wie dies wohl so oft der Fall ist in der Kunst, egal woher die Künstler kommen.

... und Einblicke

Einen Einblick zu geben in das moderne Leben der Natives, das ist ein wichtiger Teil der Mission des IAIA. Ein wichtiges Schaufenster ist das Museum of Contemporary Arts, mitten im Zentrum von Santa Fe. Dieses ist eine mehr als nur würdige Plattform, die es Besuchern erlaubt, diese Kunst in ihrer vollen Vielfalt kennenzulernen. Der grösste Anlass des Jahres aber ist der Santa Fe Indian Market, der dieses Jahr am Wochenende vom 20. und 21. August stattfindet. Der Markt ist die weltweit grösste Börse für Native Art und zieht jährlich rund 100 000 Besucher an. Arbeiten von an die 1200 Künstlern werden gezeigt und zum Verkauf angeboten. Rund 19 Millionen Dollar, so wird geschätzt, bringt der Anlass ein. Und alle Künstler müssen explizit nachweisen, dass sie einem Stamm angehören – für Trittbrettfahrer ist kein Platz.

Dass Kunst ein Fenster zu einer Kultur bieten kann, das ist eine Binsenweisheit. Im Fall der Ureinwohner Amerikas mag man aber geblendet sein von Vorurteilen und verzerrten Bildern, und wohl auch davon, wie intuitiv der Zugang zu landschaftlichen Schönheiten ist. Die Kultur der Menschen, deren Heimat von jeher hier ist, zu verstehen, bedarf aktiver Anstrengung. Die aber sollte es einem wert sein.

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