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Konstantin Harter – einer der Letzten seiner Art

Konstantin Harter ist in jungen Jahren durch den legendären Ni-Sturm fürs Eishockey sensibilisiert worden. Er verteidigte im meisterlichen EHC Arosa der Fünfzigerjahre. Mit seinen 87 Jahren ist er einer der letzten Zeitzeugen jener Epoche.

Südostschweiz
Montag, 31. Dezember 2012, 01:00 Uhr

Von Johannes Kaufmann

Eishockey. – Wenn im Schweizer Eishockey die gute alte Zeit beleuchtet wird, werden zwei legendäre Sturmformationen sofort zum Thema. Es begann alles mit dem Davoser Ni-Sturm, abgeleitet von der Endsilbe der drei Exponenten Bibi Torriani sowie der Brüder Hans und Pic Cattini. Das Trio prägte den Serienmeister HC Davos und die Nationalmannschaft in den Dreissiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Abgelöst wurde der Ni-Sturm von den Brüdern Gebi und Ueli Poltera sowie ihrem Cousin Hans-Martin Trepp, der als erster Superstar des Schweizer Eishockeys in die Annalen Einzug hielt. Der «Aroser Sturm» war die Haupttriebfeder für die nie mehr erreichte Titelserie des EHC Arosa von 1951 bis 1957.

Die Zahl der Zeitzeugen, die Solo-Trepp oder den Ni-Sturm noch leibhaftig auf dem Eis wirbeln sahen, wird von Jahr zu Jahr kleiner. Der 87-jährige Konstantin Harter aus Chur ist einer der letzten, der beide Sturmlinien sogar noch auf dem Eis hautnah erlebte – als Mit- und als Gegenspieler.

Geweckt wurde Harters Affinität fürs Eishockey in seiner Kindheit in Davos. «Ich war sportlich sehr aktiv, Schlitteln, Skifahren, Eiskunstlauf und Eishockey, das volle Progamm», erinnert er sich. Zum Schlüsselerlebnis avancierten die Eishockey-Weltmeisterschaften 1935 vor der Haustüre. Der vom Ni-Sturm angeführte Silbermedaillengewinner Schweiz begeisterte den neunjährigen Zuschauer. «Von da an war mir klar, es muss Eishockey sein», sagt Harter. Weil er mit der Familie zwei Jahre später nach Chur übersiedelte, schloss er sich schliesslich dem EHC Chur an. Eine schicksalshafte Anfrage im Dezember 1948 befeuerte die Eishockey-Laufbahn matchentscheidend. «Ueli Poltera ermunterte mich zu einem Wechsel zum EHC Arosa», erläutert Harter.

Fünf Franken pro Match

Harter entschied sich für den Transfer ins Schanfigg – der für ihn mit einigen Mühen verbunden war. Zwei-, dreimal pro Woche fuhr er von Chur per Bahn ans Training und zurück. Dazu kamen die – damals allerdings noch nicht allzu zahlreichen – Meisterschaftspartien an den Wochenenden. Das «Aroser Eisbalett» zauberte zu Hause mit Vorliebe sonntags um 11 Uhr.

Dieses Pensum absolvierte Harter selbstverständlich als lupenreiner Amateur. Er arbeitete im Vollpensum als Architekt, Eishockey war und blieb Hobby. «Nach dem Spiel erhielten wir vom Kassier fünf Franken ausgehändigt, das war alles», erinnert er sich.

Nichtsdestotrotz hatte der Allrounder, der mit Vorliebe als Verteidiger auflief, ein glückliches Händchen. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, denn der aufstrebende EHC Arosa sollte die Fünfzigerjahre dominieren. Im Mittelpunkt standen neben dem Topsturm Torhüter Martin Riesen sowie der kanadische Abwehrchef und Spielertrainer Paul Reinhard. Harter bestätigt jene oft kolportierte Legende, wonach der Franco-Kanadier das Eis nur in Ausnahmefällen verliess. «Er war ein ausserordentlicher Stratege», lobt Harter, der oft mit Reinhard ein Verteidigerpaar bildete. Davor wirbelten Trepp («technisch ausserordentlich gut, läuferisch überragend und immens torgefährlich»), Ueli Poltera («einzigartiger Torriecher») sowie Gebi Poltera, der als Zweiwegstürmer den Sturmpartnern den Rücken freihielt. Harter: «Gebi Poltera war überall auf dem Feld anzutreffen, er orchestrierte das Spiel aus der eigenen Zone und half auf der eigenen Torlinie aus, wenn Riesen seinen Kasten verlassen hatte.»

Fast ebenso legendär wie ihre sportlichen Meriten waren die menschlichen Spannungen der Alphatiere Trepp und Ueli Poltera neben dem Eis. «Sie wohnten Tür an Tür und wussten, wer wann zu ausgiebig das Nachtleben frequentiert hatte», sagt Harter. Mehr als einmal war Gebi Poltera als Schlichter gefordert. Harter sagt es so: «Trepp stand gerne im Zentrum des Vereins.» Legendär war auch die Spielvorbereitung des Topskorers, der während seinen Glanzzeiten einmal 47 Volltreffer in 14 Partien markierte. Trepp habe sich um acht Uhr morgens aufs Weisshorn zum Skifahren begeben. «Viele im Verein schüttelten darüber den Kopf und wollten ihn davon abhalten. Doch Trepp blieb stur, das gehörte für ihn an einem Matchtag einfach dazu», sagt Harter.

Vom illustren Trio lebt niemand mehr, Torhüter Riesen ist ebenso verstorben. Harter ist auch in dieser Beziehung einer der Letzten seiner Art. Er lobt den «Aroser Sturm» als Ansammlung von hochbegabten Individualisten. «Das ausserordentlich engmaschige Zusammenspiel des Ni-Sturms blieb aber unerreicht.»

1955 verabschiedete sich Harter mit seinem mutmasslich wichtigsten Tor vom EHC Arosa. Er markierte in der alles entscheidenden letzten Runde, ausgerechnet beim Rivalen Davos, das sieg- und titelbringende 4:3. Arosa war zum fünften Mal Schweizer Meister und Verteidiger Harter sah im Alter von fast 30 Jahren den idealen Zeitpunkt für seinen Rückzug gekommen. Er trieb seinen beruflichen Werdegang mittels Weiterbildung in Zürich voran. Heute darf er sich Architekt auf Stufe ETH nennen.

Abschied mit Meistertor

Man solle ihn nicht zum Helden erklären, sonst bekomme er Probleme beim nächsten Stammtischbesuch, sagt Harter höflich, aber bestimmt. Nein, er sei kein ausserordentlicher Eishockeyaner gewesen. Inmitten des Aroser Starensembles blieb ihm – wie vielen anderen auch – bloss eine Nebenrolle. Neid aus der zweiten Reihe habe es deshalb nie gegeben. «Es war eine schöne Zeit und einige Vebindungen aus dem Sport sind geblieben.»

Allzu grossen Wert auf seine Karriere legt der 87-Jährige wirklich nicht. Das hervorgekramte Fotoalbum stellte er nie fertig – und von den fünf Meisterschaftsmedaillen präsentiert er nur deren drei. «Keine Ahnung, wo die anderen geblieben sind», sagt Harter sichtlich amüsiert. Mehr Spuren als auf dem Eis hinterliess er in Arosa als Architekt. Der Wiederaufbau des Hotels «Tschuggen» 1970 sowie der Gebäudekomplex der Bergbahnen entstanden nach seinen Plänen. Die Beziehungen ins Schanfigg waren dabei bestimmt von Vorteil.

Bis ins hohe Alter blieb Harter, der seit 51 Jahren mit Gertrud Harter verheiratet ist, aber keine Kinder hat, als selbstständiger Architekt aktiv. Erst mit 82 Jahren trat er kürzer, behielt aber ein kleines Büro. Eher skeptisch sieht er das moderne Eishockey. «Das ist mir zu physisch, zu wenig Spiel», sagt Harter. Damit will er explizit nicht die Entwicklung der Sportart infrage stellen. «Im Vergleich zu heute waren wir Schlafmützen.» Doch ansehen muss er sich dies nicht. Trotz offerierter Eintrittskarten habe er beim letzten Spengler-Cup-Besuch das Stadion vorzeitig verlassen. Das marktschreierische Gehabe der Moderne ist nicht die Welt des Zeitzeugen einer längst vergangenen Epoche.

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