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Kein «später Ruhm» für Arthur Schnitzler

Es ist erst wenige Tage her, dass der Zsolnay-Verlag «eine literarische Sensation» ankündigte: die Erstveröffentlichung einer Schnitzler-Novelle. Doch «Später Ruhm» – so ihr Titel – wird Arthur Schnitzlers Nachruhm nicht mehren.

Südostschweiz
Freitag, 16. Mai 2014, 02:00 Uhr

Von Wolfgang Huber-Lang (sda)

Wien. – Ein vor der Pensionierung stehender Beamter wird durch eine Gruppe junger Literaten daran erinnert, dass er sich selbst einst als Dichter betätigte. Sie wählen ihn zu ihrem Idol und lassen den alten Herren an «späten Ruhm» glauben. Die Hoffnung auf einen Lebensabend als Dichterfürst scheitert. Kein Stoff für Sensationen, möchte man meinen. Ausser, er stammt von Arthur Schnitzler.

Es handle sich um «ein frühes, bisher unveröffentlichtes Meisterwerk und ein Porträt der literarischen Bohème im Wien der vorletzten Jahrhundertwende», teilte der Zsolnay-Verlag mit. «Das Typoskript lag jahrzehntelang unbeachtet im Nachlass, bis es zwei Forscher der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft in Wien ans Tageslicht holten. Jetzt wird die Novelle erstmals veröffentlicht, 120 Jahre nach ihrer Entstehung!»

Zur Sensation aufgeblasen?

Morgen nun erscheint das mit einem Nachwort der Schnitzler-Forscher Wilhelm Hemecker und David Österle versehene Büchlein. Statt «späten Ruhm» für ein «frühes Meisterwerk» gibt es jedoch Debatten darüber, ob da nicht in der Fachwelt längst Bekanntes zur Sensation aufgeblasen wird. Das behauptet etwa Konstanze Fliedl, Präsidentin der Arthur-Schnitzler-Gesellschaft. Ihrer Meinung nach hat nicht nur Schnitzler selbst, sondern auch seine Nachlassverwalter bisher zu Recht von einer Veröffentlichung Abstand genommen.

Sicher: Man wird von dem im Frühling 1894 entstandenen Text recht schnell gefangen genommen, kann die Überraschung des alten Mannes, von der Jugend plötzlich als Vorbild auserkoren zu werden, nachvollziehen und taucht auch gerne ein in die Atmosphäre der Betulichkeiten und Umständlichkeiten, die bürgerliche Wiener Haushalte in jener Zeit wohl geprägt haben.

Doch mit Fortdauer der Lektüre stellen sich Wiederholungen ein, wird die Konstruktion immer wieder allzu durchsichtig, lässt sich der Fortgang ahnen, während die Handlung doch nicht vorankommt.

Dass Eduard Saxberger, der Verfasser eines Gedichtbands namens «Wanderungen», trotz Inspirations-Spaziergängen am Donaukanal nicht mehr von der Muse geküsst wird, ist nicht überraschend. Auch die mehr verletzenden als ehrenden Reaktionen auf einen gemeinsam mit den Kaffeehausliteraten der «Begeisterten» bestrittenen öffentlichen Leseabend sieht man von Weitem kommen.

Nur historisch von Interesse

Als historisches und literaturwissenschaftliches Dokument, das über den zwischen «Anatol» und «Liebelei» stehenden 32-jährigen Schnitzler und die Literatenkämpfe rund um Hermann Bahr, das «Café Griensteidl» und die Gruppe Jung-Wien Auskunft gibt, ist «Später Ruhm» ohne Zweifel interessant. Als Lesevergnügen hat Arthur Schnitzler wahrlich viel Geeigneteres hinterlassen. Bahr selbst soll Schnitzler übrigens geraten haben, den Text der Novelle radikal zu kürzen. Schnitzler hatte Besseres zu tun und verräumte seine «Geschichte von einem greisen Dichter» in der Schublade. Nicht die schlechteste Entscheidung, wie sich nun herausstellt.

Arthur Schnitzler: «Später Ruhm». Paul-Zsolnay-Verlag. 26.90 Franken.

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