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John Torchetti, Amerikaner im blauen ZSKA-Sakko

ZSKA Moskau hat sich gestern mit einem 3:2-Overtime-Sieg gegen Vitkovice für den heutigen Halbfinal gegen Davos qualifiziert. Mit dabei wird auch John Torchetti sein. Ausgerechnet ein Amerikaner coacht den ehemaligen Sowjet-Armeeklub.

Südostschweiz
Montag, 30. Dezember 2013, 01:00 Uhr

Von Kristian Kapp

Eishockey. – Das Bild ist gewöhnungsbedürftig und wirkt wie eine Montage eines Bildes aus längst vergangenen Tagen und eines der Gegenwart. Die ZSKA-Funktionäre tragen mit scharlachrotem Stern und vielen goldenen Knöpfen verzierte blaue Sakkos, die aus Zeiten stammen könnten, als der Kalte Krieg tobte und James Bond sich im All mit dem polnischen Beisser prügelte. Der Mann, der ebenfalls in diesem Sakko aus der ZSKA-Garderobe heraustritt, ist aber weder Russe noch Pole, sondern Amerikaner. John Torchetti, 49, stammt aus Massachusetts und ist erster nordamerikanischer Coach in der Geschichte des ehemaligen Armeeklubs. Torchetti selbst spielt gerne mit dieser Groteske, wenn er lachend sagt: «Ich coache in der Sowjetunion. Wer hätte das gedacht?»

Stars mit Kopfschmerzen

Mit ZSKA steht Torchetti im Halbfinal des 87. Spengler Cups. Ein Resultat, das vom Turnierfavoriten erwartet worden war, doch gestern dennoch beinahe ganz anders herauskam. ZSKA bezwang im «Ost-Duell» des Turniers die Tschechen aus Vitkovice erst nach 0:2-Rückstand und dank eines Powerplay-Tores in der Overtime. Und Torchetti zeigt sich trotz dreier bislang durchzogener Auftritte seiner Mannschaft happy: «Wir haben eine Super-Truppe. Alle machten sich Sorgen um unser Kader. Alle ausser uns selbst.»

Der Amerikaner spricht damit die lange Absenzenliste in der gestrigen Partie an. Stars wie der stürmende General Manager Sergej Fedorow und Alex Radulow fehlten, «weil sie krank waren oder Kopfschmerzen hatten», wie Torchetti erklärt. Ob das Benzin im ZSKA-Tank heute für das vierte Spiel innert gut drei Tagen reichen wird, lässt er offen: «Ich sorge mich nie um morgen. So ist Eishockey.»

Torchetti kam nach Russland, weil sich GM Fedorow auf dem Trainerposten einen Nordamerikaner mit NHL-Format wünschte. «Sergej arbeitet hart», sagt der Amerikaner. «Und ich arbeite hart für ihn, denn ich weiss, dass er Kopf und Kragen riskiert hat, als er mich zum ZSKA holte.» Der Kulturschock ist gross, zumindest was das Eishockey angeht. «Das ist ein total neues System für sie. Und ich meine wirklich total neu», sagt Torchetti. Der nordamerikanische Weg hat ein klares Ziel: «Sergej will den ZSKA dorthin zurückbringen, wo er früher einmal war. Wir versuchen hier, ein Championship-Team aufzubauen.»

«Ich war elf, Herr Tichonow im TV»

Die ersten Hürden zwischen Spieler und Coach seien mittlerweile überwunden, sagt Torchetti. «Es waren weniger die kulturellen Differenzen», erklärt er. «Sondern die Trainings und unsere Forderungen, dass es in Zukunft keine ‘Frei-Tage’ mehr geben darf. Um dies Spieler 1 bis 25 beizubringen, braucht es eine lange Anpassungszeit.» Das Leben neben dem Eis geniesst der Amerikaner: «Moskau ist grossartig. Ich kann mich über nichts beklagen. Ausser dem Verkehr auf den Strassen vielleicht.»

Den alten «ZSKA-Geist» spürt Torchetti ebenfalls: «Herr Tichonow arbeitet nur drei Büros entfernt», erzählt er freudestrahlend vom legendären «Väterchen Viktor», dem wohl berühmtesten Eishockey-Trainer aller Zeiten. «Wenn wir uns begegnen, umart er mich und wünscht mir viel Glück.» In diesen Momenten denke er zurück an früher, als die beiden Welten noch so entfernt voneinander waren, sagt Torchetti: «Das waren die Zeiten, als ich als Elfjähriger in der Küche vor dem TV sass und Herrn Tichonow coachen sah.» Und eben auch die Zeiten, als der Beisser James Bond erfolglos zu beissen versuchte.

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