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«Im Glauben bestärkt, es sei Glarus angezündet worden»

1867 erwähnte die «Glarner Zeitung» mehrere Zeugen, welche in der Brandnacht zwei verdächtige Gestalten auf der Flucht gesehen haben wollen. Offenbar entgingen die beiden nur knapp der Ergreifung.

Südostschweiz
Freitag, 10. Juni 2011, 02:00 Uhr

Von Ueli Weber

Glarus. – In der Brandnacht vom 10. Mai 1861 steht ein kleines Häuflein Molliser Feuerwehrleute in Netstal und muss sich von seinem erbosten Hauptmann eine Standpauke anhören. Hinter ihnen leuchtet der Glärnisch glutrot, erhellt durch die Flammen des brennenden Glarus. Haben sie gerade zwei Brandstifter unbehelligt ziehen lassen?

Die Feuerwehrmänner sind auf dem Weg nach Glarus. Kurz zuvor haben sie die Netstaler Linthbrücke passiert, da kommen ihnen in der Dunkelheit zwei Gestalten entgegen. Als die beiden Männer die Feuerwehrleute erblicken, schwenken sie sofort von der Strasse ab und wandern auf dem linksseitigen Ufer der Linth weiter in Richtung Näfels.

Als sie wenig später ihrem Hauptmann von der verdächtigen Begegnung berichten, werden sie «von Letzterem darum getadelt, die Flüchtigen nicht gepackt zu haben.»

Was die «Glarner Zeitung» am ersten Weihnachtstag 1867 schildert, ist bisher in keinem Geschichtsbuch zu finden. Es sind mehrere bislang unbekannte Zeugenaussagen über zwei Verdächtige, die spätabends raschen Schrittes von Glarus aus in Richtung Norden eilen.

Leidenschaftliche Diskussionen

Die Brandstiftungsthese, die Walter Hauser in seinem Sachbuch zum Brand aufstellte, ist nicht neu. Sie war nur für 150 Jahre in Vergessenheit geraten. In den Jahren nach dem Brand diskutierte das Glarnerland offenbar leidenschaftlich, ob der Brand von Glarus auf das Konto von zwei jungen Brandstiftern gehe. Im Dezember 1867 lieferten sich die regierungstreue «Neue Glarner Zeitung» und ihr Konkurrenzblatt «Glarner Zeitung» ein Wortgefecht, das die damalige Diskussion teilweise nachvollziehbar macht.

Schon damals warf die «Glarner Zeitung» der Regierung vor, sie gehe dem Verdacht gegen Engler und Göldi nicht mit genug Eifer nach. Die «Neue Glarner Zeitung» hielt die Gerüchte dagegen für «Fama», also nichts weiteres als Gerüchte. Sie schrieb: «Es darf als gewiss angenommen werden, dass die Entstehung des Brandes nicht auf diese Weise erklärt werden kann.»

Für Regierung erledigte sich der Fall

Im Jahr 1867 war aus dem Konsulat in Rom eine brisante Nachricht in die Schweiz geschickt worden. Man habe gehört, Heinrich August Engler behaupte, er habe Glarus zusammen mit Ulrich Göldi in Brand gesteckt. Die beiden sassen zu dieser Zeit in Rom im Gefängnis. Zwar hatte der Vatikan ein erstes Auslieferungsgesuch der Schweiz abgelehnt. Sollte es jedoch um Brandstiftung gehen, so das Konsulat, gehe man davon aus, dass sie trotzdem ausgeliefert würden. Die Glarner Behörden gerieten unter Zugzwang. Die Polizeikommission führte eine Untersuchung durch und kam bald zum Schluss, dass Engler und Göldi erst nach dem Brand im Hauptort gemeldet waren. Sie forderte aber weitere Abklärungen in Rom ein, wie ein in der «Neuen Glarner Zeitung» abgedruckter Brief zeigt.

Der Feuerreiter hielt die beiden an

Die «Glarner Zeitung» war der Meinung, dass am Verdacht etwas dran sein müsse. Dass Engler und Göldi nicht gemeldet waren, beweise noch lange nicht, dass sie sich nicht trotzdem in Glarus herumtrieben, schrieb sie.

Auch sechs Jahre nach dem Brand kursierten Gerüchte über verdächtige Beobachtungen in dieser Nacht. Denn Die Molliser Feuerwehrleute waren nicht die einzigen, die zwei Männer mitten in der Dunkelheit aus Glarus flüchten sahen. Die «Glarner Zeitung» führte weitere Zeugenaussagen auf: So wollte der Nachbar des Stalles, von dem das Feuer ausging, eine Viertelstunde vor Ausbruch gehört haben, wie Leute von der angrenzenden Mauer sprangen und durch den sogenannten «Schmuck» liefen. Der Feuerreiter hatte danach auf seinem Ritt nach Netstal auf der Höhe zwei Männer angehalten, «die in raschen Schritt landabwärts eilten», berichtet die «Glarner Zeitung» weiter. Die Zeitung vermutete, es seien dieselben gewesen, die später den Feuerwehrleuten über den Weg liefen.

Waren die beiden Gestalten Engler und Göldi? Die «Glarner Zeitung» hielt das für wahrscheinlich: «Wir [...] werden unsererseits durch die Erinnerung an verschiedene [...] Vorkommnisse in der Brandnacht [...] im Glauben bestärkt, es sei Glarus von ruchloser Hand angezündet worden».

Strenges Verhör unmöglich gemacht

Ein «lebhaftes Bedauern» drückte die Zeitung zudem aus, dass die Glarner Regierung kein Auslieferungsgesuch gestellt habe. Dadurch sei ein strenges, umfassendes Verhör der Verdächtigen unmöglich gemacht worden.

Die «Glarner Zeitung» wünschte sich folglich und «gewiss mit dem grössten Teil hiesiger Einwohner, die Auslieferung der in Rom sich selbst Anklagenden möchte jetzt noch erwirkt werden.»

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