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«Ich helfe meinem Mann, Vater zu sein»

Ein fröhliches Sommerfest. Aber noch am selben Tag kommt es zur dramatischen Lebenswende für eine ganze Familie. Heute ist Elisabeth Brühwiler auf dem Weg zurück in ihr eigenes Leben.

Südostschweiz
Sonntag, 30. September 2012, 02:00 Uhr

Von Cornelia Diethelm (Text) und Yanik Bürkli (Bilder)

Rhäzüns. – Freitag, 10. August 2007: Familie Brühwiler hat Verwandte und Bekannte zu einem Sommerfest zu sich nach Hause eingeladen. «Mein Mann Damian machte zusammen mit Freunden Musik», erzählt Elisabeth Brühwiler. «Vor dem Schlafengehen litt er dann unter extremen Kopfschmerzen. Das Fest ging am Samstag zwar weiter, aber meinem Mann ging es noch nicht gut und er blieb im Bett. Das war ungewöhnlich. Er war sonst nie krank.» Am Montag schreibt der Arzt den 47-jährigen Mann krank. Am Mittwoch bricht er im Badezimmer zusammen. Die Ambulanz bringt ihn ins Spital Chur, die Rega nach St. Gallen. Diagnose: Hirnblutung.

Elisabeth Brühwiler sitzt am Esstisch des Einfamilienhauses in Rhäzüns, erzählt, zeigt Fotos, bietet Tee an. «Glückstee» steht auf dem Papierumschlag eines Beutels. Ein glückliches Familienleben ging abrupt zu Ende, als Damian Brühwiler durch die Hirnblutung vor fünf Jahren schwer behindert wurde. Im Sommer 2007 hatte seine Frau gerade verschiedene Therapie-Ausbildungen abgeschlossen und einen eigenen Praxisraum eingerichtet. Doch von einem Tag auf den anderen musste sie sowohl für die drei Kinder, damals 15-, 14- und zwölfjährig, als auch für den Ehemann die volle Verantwortung übernehmen: «Das erste Jahr nach Damians Hirnblutung lebte ich nur für die Familie.»

Die Wohngruppe für Hirnverletzte ist sein Zuhause

Durch die Blutung in der linken Schläfe werden Damian Brühwilers rechte Körperhälfte gelähmt und das Sprachzentrum schwer getroffen. Nach mehreren Operationen und drei Wochen im künstlichen Koma kommt er im Oktober zur Rehabilitation in die Klinik Valens. Er macht langsam Fortschritte und lernt wieder zu gehen, aber während der fünfmonatigen Rehabilitation spricht er kein Wort, und auch das Überlegen ist beeinträchtigt. Er lebt wie in einer anderen Welt. Aphasie ist der medizinische Begriff dafür. Elisabeth Brühwiler ist dankbar, «dass ich in dieser schweren Zeit von meiner Familie unterstützt wurde und meine Mutter für die ersten Wochen nach Rhäzüns kam».

«Tanzen ist pure Lebensfreude»

Damian Brühwiler hat seine Sprache bis heute nicht wiedergefunden. Weil er nach wie vor viel Betreuung, Pflege und Therapie braucht, lebt er in der Wohngruppe für Hirnverletzte der Stiftung Scalottas in Scharans. Seine Frau besucht ihn häufig und jede Woche ist er zu Hause bei der Familie für ein gemeinsames Nachtessen. Auch wenn er sich nicht an Gesprächen beteiligen kann, nimmt er doch grossen Anteil an allem, was seine Frau und die Kinder erzählen, und freut sich, dabei zu sein. «Ich helfe meinem Mann, Vater zu sein, indem ich ihn an alle wichtigen Anlässe der Kinder mitnehme und ihn an Treffen mit ehemaligen Arbeitskollegen, Musikfreundinnen und -freunden fahre.»

Und wie geht es Elisabeth Brühwiler? Wo findet sie Kraft, um Sorgen, Verantwortung und einsame Entscheide zu tragen? Vergleicht man Fotos von früher und heute, dann ist ihre äussere Veränderung offensichtlich: Nicht etwa verbittert wegen ihres Schicksals wirkt sie heute, sondern attraktiv, offen, lebendig. Die früher braunen Haare hat sie blondiert und sie trägt Kontaktlinsen statt Brille. Ein Jahr nach Damians Hirnschlag begann Elisabeth Brühwiler, Salsa zu tanzen. «Das Tanzen ist Lebensfreude pur. Und endlich durfte ich mich wieder einmal von einem Mann gehalten fühlen.»

Ihre Sehnsucht nach Nähe zu einem Mann führt dazu, dass Elisabeth Brühwiler sich trotz ihrer Schuldgefühle in einen Tanzpartner verliebt, was zu neuen Belastungen führt: Verschiedene Menschen geben ihr deutlich zu verstehen, dass sie keinen Freund haben dürfte. Inzwischen hat sie einen neuen Partner, der ab und zu bei ihr in Rhäzüns wohnt – etwas, mit dem die Kinder noch Mühe haben. «Ich habe Damian immer noch gern und setze mich für ihn ein. Er hat Verständnis für mein Handeln, weil er selber weiss, dass er mir nicht mehr Mann sein kann. Uns verbindet, dass wir Eltern von drei wunderbaren jungen Menschen sind.»

Elisabeth und Damian Brühwiler wuchsen im Kanton St. Gallen in Nachbardörfern auf – er in Oberbüren, sie in Niederuzwil. Elisabeth war das jüngste von vier Kindern auf einem Bio-Bauernhof, lernte Gärtnerin und machte 1990 den Abschluss als Landschaftsarchitektin HTL. Im selben Jahr heiratete sie Damian Brühwiler und zog zu ihm nach Rhäzüns, wo er als Geschäftsführer der Sägerei arbeitete. 1997 wurde die Sägerei stillgelegt. Im Prättigau fand er eine neue Anstellung als Betriebsleiter. Gleichzeitig vergrösserte er das Haus. «Dieser moderne Wohnteil ist heute meine Praxis, und ich bin dankbar, dass ich in diesem Raum arbeiten darf, den Damian gebaut hat», sagt Elisabeth Brühwiler.

«Ich kann jetzt meinen Weg gehen»

Kraft und den Mut zur Veränderung holte sich Elisabeth Brühwiler in den vergangenen Jahren in verschiedenen Mediationskursen und therapeutischen Weiterbildungen. In ihrer Praxis «freiraum» bietet sie Einzelcoachings mit verschiedenen Therapien an. «Am meisten begeistert mich die Leichtigkeit von Matrix-2-Point, eine Anwendung der Quantenphysik. In den Seminaren vermittle ich nicht nur die Technik, sondern Lebensweisheit und dass Freude und Liebe der stärkste Motor für ein erfolgreiches Leben sind.»

Die Hirnblutung ihres Mannes, aber auch eine eigene Depressionserkrankung, als die Kinder noch klein waren, zeigten Elisabeth Brühwiler, dass das Leben nicht gradlinig verläuft. «Mit dieser Erfahrung, kann ich andere Menschen besser begleiten.» Und mit 44 Jahren hat sie wieder Freude am Leben: «Ich schaue zuversichtlich in die Zukunft und kann jetzt meinen Weg gehen.»

Für die seit Oktober 2010 in loser Folge in der «Südostschweiz am Sonntag» erscheinende Serie «Lebenswende» besucht die Journalistin Cornelia Diethelm Menschen, deren Leben von einem Tag auf den andern eine neue Richtung genommen hat. Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auch einen Neuanfang gewagt? Oder wurden Sie durch einen Schicksalsschlag gezwungen, Ihr Leben neu zu gestalten? Wenn Sie davon erzählen möchten, wenden Sie sich direkt an Cornelia Diethelm, und zwar unter der Telefonnummer 081 325 23 73 oder per E-Mail unter der Adresse cornelia.diethelm@gmail.com. (so)

In diesem Jahr bereits erschienen sind folgende Beiträge: Dodé Kunz: «Ich frage nicht nach dem Warum» (Ausgabe vom 15. Januar), Thomas Richli: «Der Körper hat die Notbremse gezogen» (26. Februar), Jacqueline Grischott: «Flexibel sein und sich anpassen» (25. März), Lilly Bardill: «Ich bin ein Mensch geworden» (29. April), Heinz Ladner: «Es ist ein Nervengewitter im Gehirn» (3. Juni), Andri Battaglia: «Den Käse vermisse ich in Singapur» (26. August).

Für die seit Oktober 2010 in loser Folge in der «Südostschweiz am Sonntag» erscheinende Serie «Lebenswende» besucht die Journalis-tin Cornelia Diethelm Menschen, deren Leben von einem Tag auf den andern eine neue Richtung genommen hat. Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auch einen Neuanfang gewagt? Oder wurden Sie durch einen Schicksalsschlag gezwungen, Ihr Leben neu zu gestalten? Wenn Sie davon erzählen möchten, wenden Sie sich direkt an Cornelia Diethelm, und zwar unter der Telefonnummer 081 325 23 73 oder per E-Mail auf die Adresse cornelia.diethelm@gmail.com. (so)

In diesem Jahr bereits erschienen sind folgende Beiträge: Dodé Kunz: «Ich frage nicht nach dem Warum» (Ausgabe vom 15. Januar), Thomas Richli: «Der Körper hat die Notbremse gezogen» (26. Februar), Jacqueline Grischott: «Flexibel sein und sich anpassen» (25. März), Lilly Bardill: «Ich bin ein Mensch geworden» (29. April), Heinz Ladner: «Es ist ein Nervengewitter im Gehirn» (3. Juni), Andri Battaglia: «Den Käse vermisse ich in Singapur» (26. August).

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