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Hilfsbereiter Allrounder mit einzigartiger Berufslaufbahn

Es gibt Menschen, die lernen einen Beruf und arbeiten dann 50 Jahre darin. Josef Birrer ist keiner davon. Er kann auf eine Karriere vom Gleisarbeiter und Rottenkoch bis zum Allrounder des Bahnbüros zurückblicken.

Südostschweiz
Samstag, 02. August 2014, 02:00 Uhr

Von Johanna Burger

Glarus. – Bereits der aufgestickte Zug auf seinem blauen Shirt lässt auf das Berufsleben von Josef Birrer schliessen. Er hatte viele Berufe; die meisten davon mit Bezug zur Bahn. Mit den Jahren wurde aus dem Laufburschen eines Bäckers und Mitarbeiter der Tuchfabrik Hefti ein Gleisarbeiter bei der Bahn, dann ein Koch in einem Eisenbahnwaggon und schliesslich ein Büromitarbeiter im Bahnbüro Ziegelbrücke.

«In Zürich, da war aber was los!»

Bereits sein Vater habe beim Stationsdienst der Bahn gearbeitet, erzählt der heute 84-Jährige, der in Luchsingen aufgewachsen ist. Selber zu einer Stelle bei den SBB ist Birrer aber erst auf Umwegen gekommen. Nach der Schule und verschiedenen Tätigkeiten wollte er zur Bahn: «Ich habe mich aber auch bei der Grenzwacht beworben und hätte beide Stellen bekommen. Ich entschied mich für die Bahn». 25 Jahre lang hat er dann als Gleismonteur so einiges erlebt.

Weil in Zürich zu wenige Gleisarbeiter stationiert waren, wurde Birrer für ein Jahr in die Stadt beordert. «Da war was los, nicht wie in Glarus. Da hatte es plötzlich ganz viele Züge, und ich musste jeweils aufpassen, welcher wo einfährt», berichtet Birrer. Damals hatten er und seine Frau schon ihre vier Kinder, und er kam jeden Abend – ausser bei Nachtschicht – nach Hause nach Netstal.

80 Kilo auf den Kopf bekommen

Mit einem Schmunzeln erinnert er sich an eine Nachtschicht zurück: «Wir arbeiteten auf der Brücke über der Langstrasse. Plötzlich hörten wir ein Gekeife und schauten von der Brücke hinunter in die Langstrasse. Da stritten zwei Frauen und zogen sich gegenseitig ihre Handtaschen über den Kopf. Der Tascheninhalt flog quer durch die Luft und lag verstreut herum. Wie mussten wir lachen!»

Eine weniger schöne Erinnerung ist jene an Birrers Arbeitsunfall: «Es war an einem Montagmorgen. Wir packten 80 Kilo schwere Holzschwellen in einen Wagen. Ich stand im Wagen drin, um die Schwellen richtig anzuordnen. Plötzlich bekam ich eine Schwelle auf den Kopf. Erinnern kann ich mich nur noch an das Gefühl, dass etwas Flüssiges meinen Rücken hinab rinnt und jemand wie einen schwarzen Vorhang vor meinen Augen hinunterzieht.» Birrer hatte Glück im Unglück. Der offene Schädelbruch konnte gleich operiert werden, seine rechte Körperhälfte blieb nicht dauerhaft gelähmt.

Als die Gleisarbeiter im Kanton Glarus keinen Rottenkoch hatten, wurde Birrer angefragt. Birrer kochte schon damals gerne und hatte vieles von seiner Frau gelernt: «Meine Frau kocht sehr gut. Das vermisse ich heute im Pfrundhaus: das selbstgekochte Essen meiner Frau». Er nahm die neue Stelle an, unter der Bedingung, dass er auch selber einkaufen dürfe. So kochte er während eines Jahres in der Zugküche – bis sich wieder ein Koch für die Gleismonteure fand. «Bei mir gabs immer ein Dessert. Und wenn es nur ein Apfel oder ein Tamtam war», so Birrer. Gekocht wurde mit Gas in der drei auf vier Meter grossen Küche. Wegen des beschränkten Raumes und der dafür ungeeigneten Ausstattung habe er nicht gerne Frittiertes zubereitet. Alles andere sei kein Problem gewesen.

«Ich bin doch kein Bürogummi»

So veranstaltete Birrer in der Adventszeit für die Arbeiter sogar ein Weihnachtsessen. «Wir dekorierten den Bahnwaggon mit Tannenzweigen, Kugeln und Mandarinen, die wir als Kerzenständer verwendeten. Es gab zwei Beinschinken mit einer Senf-Rahm-Marinade und Kartoffelsalat. Ich musste froh sein, dass ich selber auch noch einen Bissen vom Schinken abbekommen habe!», erzählt Birrer.

Eines Tages kam der neue Bahnmeister zu Birrer und erklärte ihm, dass Birrer der neue Büromitarbeiter werden soll. Birrer war zuerst nicht begeistert und sagte seinem Chef, er könne nicht im Büro arbeiten, er sei doch kein «Bürogummi». Sein Chef schien aber vom Gegenteil überzeugt zu sein und erwiderte: «Am nächsten Montagmorgen bist du bei mir im Büro.»

Klar habe es Neider gegeben, meint Birrer. Viele der Gleismonteure hätten gedacht, er mache es nicht lange im Büro und komme bestimmt bald wieder zurück. «Aber ich bin nicht retour gekommen», sagt Birrer lächelnd. Der Bürojob lag ihm nämlich doch. Das sicher auch, weil er nicht nur für das Schriftliche zuständig war. Im Laufe der 15 Arbeitsjahre im Bahnbüro Ziegelbrücke kamen immer mehr Bereiche unter seine Obhut.

«Ein Mann für alle Fälle»

Birrer glaste Fenster, wechselte Feuerlöscher aus und war für die Kläranlage und die Dienstkleidung zuständig – um nur einige Aufgaben aufzuzählen. Auch für den Unterhalt der Heizung sorgte er. Da seien schon mal die Kioskfrauen zu ihm gekommen und hätten geklagt, es sei zu heiss, die Schokolade schmelze ja schon fast.

Josef Birrer war mit seinen vielen Aufgaben im Beruf anscheinend noch nicht ausgelastet: Zusammen mit seiner Frau zog er ihre vier Kinder gross, half ihr am Wochenende bei ihrer Arbeitsstelle und war aktives Mitglied im Jodelklub Glärnisch. «Mit dem Klub waren wir etwa 70 Mal pro Jahr unterwegs. Da kam ich auch mal am Abend nach Hause, zog mich schnell um und rannte schon wieder raus. Ich bewundere meine Frau, weil sie damals so oft ohne mich zu Hause mit den Kindern klar kam», erklärt Birrer.

Die Schweiz im Zug entdeckt

Nach seiner Pension genossen Birrer und seine Frau ihre gemeinsame Freizeit mit grösseren und kleineren Zugfahrten quer durch die Schweiz. Lustig sei etwa jene Reise gewesen, als sie auf dem Jungfraujoch von lauter Japanern umringt gewesen seien, die alle fleissig Fotos knipsten.

Heute leben Herr und Frau Birrer nicht mehr in Netstal, wo sie während 50 Jahren zu Hause waren, sondern im Pfrundhaus Glarus. Auch jetzt noch sieht Birrer, wo er gebraucht wird, und zögert nicht lange, einem Mitbewohner zu helfen. Gerne kümmert er sich auch um seine Ehefrau und hat «den Plausch» beim Basteln oder Kochen in der Gruppe – einmal Allrounder, immer Allrounder.

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