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«Glarus ist der falsche Ort für grosse Fenster und Balkone»

Wie soll sich der Ort Glarus baulich entwickeln? Ein Diskussionsabend hat Probleme aufgezeigt und auch thematisiert, wie weit die Glarner ihren Hauptort als Stadt wahrnehmen.

Südostschweiz
Freitag, 21. November 2014, 01:00 Uhr

Von Marco Lüthi

Glarus. – Intensiv diskutiert worden ist bereits vor einer Woche bei der Eröffnung der Ausstellung «Brandspuren, der Wiederaufbau von Glarus – ein städtebauliches Ereignis in den Alpen?». Der Mittwoch im Kunsthaus Glarus schloss nun daran an – mit dem Thema «Glarus als Stadt».

Wie wird diese wahrgenommen? «Letzte Woche hatte man das Gefühl, die Wahrnehmung als Stadt sei bei den Glarnern gar nicht so präsent», merkt Moderator Beat Waeber an. «Das hat gewechselt», antwortet Gemeinderat Christian Büttiker. Seit der Fusion ist die Stadt Glarus nur noch ein Dorfteil der Gemeinde. Man wolle zusammenwachsen – auch geistig, weshalb die Wahrnehmung nun anders sei. «Vorher war die Stadt Glarus viel mehr Stadt, doch heute gibt es für uns nur noch die Gemeinde Glarus.» Diese habe nun einfach in der Mitte ein «Altstädtli», so Büttiker.

Einwohnerzahl wird überschätzt

Interessant findet Waeber die Wahrnehmung von aussen. So werde die Einwohnerzahl von Glarus jeweils auf 15 000 bis 20 000 geschätzt. «Es ist schade, dass es den ‘Stadtglarner’ als solchen nicht mehr geben soll – ihm wird dadurch ein Stück Identität geraubt», so Waeber. Büttiker entgegnet lachend, dass man schliesslich in einer «grossen Euphorie» versucht habe, eine Stadt zu werden. «Doch die Bürger – vor allem viele Ennendaner – wollten dies nicht.»

Die Stadt Glarus bewahren will August Berlinger. «Den Wunsch des Zusammenwachsens halte ich für einen Traum des Gemeinderats. Man ist weiterhin Ennendaner oder Netstaler – dieses Gefühl bleibt.» Und eben auch Stadtglarner. Das habe auch Potenzial. Schaue man nicht mehr auf den eigenen Kern, werde dieser nicht mehr geschätzt, ist Berlinger überzeugt.

Doch das Problem aus architektonischer Sicht, das zur Diskussion stehe, seien nicht die Erweiterungen an den Rändern, sondern das Bauen im Zentrum, im Wiederaufbaugebiet nach dem Brand mit dem berühmten Carré-Muster. Laut Berlinger stammen rund 80 Prozent der Gebäude dort aus derselben Baustil-Epoche. «Für Architekten ist das heute eine grosse Herausforderung, denn alles Neue fällt stärker auf», so Berlinger. Der Wiederaufbauplan sei im 20. Jahrhundert nicht angepasst worden, erklärt Beat Waeber. So sei nicht an der Stadt weitergebaut, sondern stattdessen fast ein Neuanfang hinter dem Spital gewagt worden.

Einige Bauten sind «völlig daneben»

Denkmalpfleger Markus Vogel wüsste gerne, wie im Wiederaufbaugebiet gebaut würde, sollten drei oder vier Häuser aneinander abbrennen. Denn die Entwicklung in diesem Gebiet sei sehr statisch. Und wenn etwas geschehe, dann sei es – mit Verlaub – «völlig daneben», so Vogel, der den Coop oder die Raiffeisenbank als schlechte Beispiele nennt. Man müsse sich fragen, wie es solche Agglomerationsbauten in das «städtische Gewebe» hineingeschafft hätten.

«Das hat mit der fehlenden Wahrnehmung als Stadt zu tun. Man akzeptiert sie gar nicht und hat das Gefühl, man lebt im falschen ‘Gwändli’», so Vogel. Städtische Qualitäten würden gar nicht gesucht. Vielmehr sollen Nachteile ausgebügelt werden, indem man Dacheinschnitte wünscht, Parkmöglichkeiten schafft und Vorgärten planiert werden. Und indem Einfamilienhäuser mit Garten bevorzugt werden. Laut Vogel muss Glarus zuerst herausfinden, ob der Wille für städtisches Leben überhaupt da ist. Rundherum gebe es Shoppingcenter, zu denen alle mit dem Auto fahren würden, die ansonsten Glarus verstopften.

Der falsche Ort für grosse Balkone

Mit einigen Projekten werde in Glarus versucht, ein anderes Wohnen zu implantieren – wie grosse Fenster und riesige Balkone, so Vogel. «Für solche Sachen ist Glarus aber schlicht der falsche Ort.»

Interessant sei es, ein solches Votum aus dem Mund des Denkmalpflegers zu hören, findet Katharina Stehrenberger, Gestaltungskommissionsmitglied der Gemeinde. Sie bedauert, dass es keine Leitbilder oder Richtlinien gebe, die sich näher damit auseinandersetzten, wie die Stadt funktionieren könnte. Gemeinderat Büttiker entgegnet, dass die Planungskommission schon lange an einem Leitfaden arbeite, «und es gab auch schon unzählige Sitzungen mit der Gestaltungskommission.» Ein Problem ist für Büttiker hingegen, dass die Abläufe für die Baugesuche nicht einheitlich sind: «In einem Gebiet in Glarus muss alles, selbst der Farbanstrich der Fassade, vor die Denkmalpflege», echauffiert sich Büttiker.

Fazit: Einfach wird es nicht

Vogel erklärt, die Denkmalpflege habe grundsätzlich eine begutachtende Funktion. Doch die Baugesuche in Wiederaufbaugebieten wie in Glarus, die dem Heimatschutzgesetz unterstehen, würden durch die Fachstelle begutachtet. Aufgrund dieses Gutachtens und der Wichtigkeit entscheide dann der Gemeinderat, ob das Baugesuch noch vor die Gestaltungskommission gelangt.

Fazit: Die städtische Weiterentwicklung für Glarus wird sicher nicht einfach. «Wünschbar wäre das schon, was man sich heute Abend hier vorstellt», sagte Büttiker. Nämlich dass Leute den Stadtwillen und die Entwicklung vorantreiben würden – «aber darauf muss wohl noch länger gewartet werden.» Rund 60 Personen verfolgten das rund eineinhalbstündige Gespräch.

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