×

Giger: «Ich bereue keinen Schritt auf den Langlaufski»

Als Olympia-Bronzemedaillen-Gewinner mit der Staffel und fünffacher Engadin-Skimarathon-Sieger hat Albert Giger in den Siebzigerjahren für Furore gesorgt. Der Langlauf prägt noch heute das Leben des Oberengadiners.

Südostschweiz
Sonntag, 03. März 2013, 01:00 Uhr

Von Hansruedi Camenisch

Langlauf. – «Langläufer leben länger», heisst es. Albert Giger bestätigt den Slogan. Auch als 66-Jähriger wirkt er fit und austrainiert. Nicht von ungefähr. Als Leiter der Langlaufschule St. Moritz betreut er nicht nur Gäste auf der Loipe. Viermal pro Woche nimmt sich Giger im Winter die Zeit, um allein eineinhalb Stunden über den Schnee zu gleiten. «Das ist Lebensqualität», sagt der Mann, der schon seit mehr als zwei Jahrzehnten auch als Rennleiter am Engadin Skimarathon amtet.

Albert Giger und der Langlauf sind ein Inbegriff. Als Aktiver schrieb er 1972 zusammen mit Alfred «Fredel» Kälin, Alois «Wisel» Kälin und Edi Hauser mit dem sensationellen Gewinn der Bronzemedaille mit der Schweizer Staffel an den Olympischen Spielen im japanischen Sapporo Geschichte. Der Engadiner erinnert sich noch haargenau an jenen 13. Februar. Als Sechster hatte er nach der zweiten Ablösung mit der zweitbesten Laufzeit des Schweizer Quartetts an «Wisel» Kälin übergeben. Dieser schloss zu den drittklassierten Schweden auf. Und dann begann sie, die dramatische Schlussrunde. Aus dem Wald erreichten vernichtende Gerüchte den Zielraum. Hauser habe einen Ski gebrochen, hiess es. «Das Malheur betraf indes Österreichs Schlussläufer gleichen Namens», klärt Giger auf. Und dann kamen sie gemeinsam auf die Zielgerade, Edi Hauser und Sven-Ake Lundbäck. Auf den letzten Metern rang der Walliser den Schweden, der ein paar Tage zuvor Olympiasieger über 15 Kilometer geworden war, nieder. Giger erinnert sich noch genau an die Reaktion von Lenard Olsson, den schwedischen Trainer der Schweizer. «Ich muss weg aus dem Stadion, ich bekomme einen Herzinfarkt», habe Olsson gekeucht.

Die Staffelmedaille war der sensationellste Erfolg der «goldenen Tage von Sapporo», an denen die Schweiz viermal Gold sowie je dreimal Silber und Bronze holte. Er hallt bis heute nach. Noch immer erhält Giger «nette Briefe und Autogrammwünsche, besonders aus Deutschland.» Neben der Olympia-Bronzemedaille ging praktisch vergessen, dass Giger vier Jahre später an den Olympischen Spielen in Innsbruck über 30 Kilometer als Siebter mit nur 1:48 Minuten Rückstand auf Sieger Bill Koch (USA) bester Mitteleuropäer war. Und auch sein elfter Rang über 15 Kilometer wäre noch heute mehr als nur eine Randnotiz wert.

Zehn Franken Taggeld als Nati-Läufer

Eigentlich hatte Giger Eishockeyspieler werden wollen. Mit 15 musste er jedoch einsehen, dass er mit seinen nur 164 Zentimetern Körperlänge und seinen 58 Kilo dazu nicht prädestiniert war. Stattdessen merkte er, dass er zu Fuss schnell unterwegs war. «Ich rannte mit normalen Halbschuhen der Konkurrenz bei Sommerläufen davon», erzählt der kleine Bündner. Mittels Büchern begann er sich mit Trainingsmethoden zu befassen, und ein Kollege motivierte ihn zum Skilanglauf. Als Sportbegeisterter verbrachte Giger nach seinem zweiten Lehrjahr als Schriftsetzer eine Woche Sommer&discReturn;ferien in Magglingen, weil es dort schon 1964 einen grossen Fernseher gab, um die Olympischen Sommerspiele in Tokio zu verfolgen. Zufällig weilten gleichzeitig die besten Schweizer Langläufer in Magglingen. Sie luden Giger ein, an einem Testlauf auf der Leichtathletikbahn teilzunehmen. Der junge Engadiner gewann und lancierte so seine Karriere.

Langläufer waren damals natürlich noch blütenweisse Amateure. Wenn er nicht gerade an Rennen unterwegs war, arbeitete Giger in drei Schichten: Am Vormittag, dann Training, am Nachmittag und nach dem Abendessen nochmals, «damit ich keine Lohneinbusse in Kauf nehmen musste.» Zu verdienen gab es in den Anfängen seiner Langlaufkarriere noch gar nichts. Für Trainingslager und Einsätze mit dem Nationalteam zahlte der Schweizer Skiverband zehn Franken Taggeld. Die weissen Pullover mit den roten Streifen und dem Schweizerkreuz mussten die Läufer nach ihren Einsätzen jeweils wieder zurückgeben. Von der Skifirma Müller erhielt Giger ein einziges Paar Ski für die komplette Saison. Ein zweites lieh ihm das Sportgeschäft Scheuing in St. Moritz für den ganzen Winter. Die Stöcke bestanden damals noch aus Bambus und waren zerbrechlich. «Jeder Stockbruch war für mich deshalb eine finanzielle Katastrophe», sagt Giger. Er habe sich nach der Decke strecken müssen. Und ohne Unterstützung durch seine Frau Elisabeth, die einer Arbeit nachging, hätte er den Wettkampfsport gar nicht in diesem Ausmass betreiben können.

In den Annalen des Engadin Skimarathon taucht Giger als fünffacher Sieger (1971, 73, 76, 77, 78) auf, womit er noch immer Rekordhalter ist. Bei der Premiere des Marathons im Oberengadin hatte er 1969 noch wie alle Schweizer Kaderläufer durch Abwesenheit geglänzt. «Als internationale Läufer an einem Volkslanglauf zu starten war für uns damals undenkbar», sagt Giger. Das Riesenecho nach dem ersten «Engadiner» führte jedoch zu einem raschen Stimmungswandel. Schon im Jahr darauf stand auch Giger am Start in Maloja. Im Ziel musste er sich aber Flury Koch noch geschlagen geben, ehe er seine Erfolgsserie lancierte.

Jeder der fünf Marathon-Triumphe sei speziell gewesen, meint Giger. Dieser Volkslauf löste nicht nur einen Boom bei der Skiindustrie aus, er steigerte auch Gigers Popularität. Bei Fahrten in den Süden habe er seinen Pass nicht einmal mehr zeigen müssen, nennt er ein Beispiel. 1978 beendete der Engadiner seine Spitzensportlerkarriere mit nur 31 Jahren. Abnutzungserscheinungen machten sich in Form von schmerzhaften Sehnenscheidenentzündungen in Händen und Füssen bemerkbar. Seit 1982 bestritt Giger überhaupt keinen Wettkampf mehr. «Ich ertrage keine Startnummer mehr. Dazu bin ich immer noch zu ehrgeizig und nervös», bemerkt er.

«Ich ertrage keine Startnummer mehr»

Mit seinem Sport ist Giger aber eng verbunden geblieben. Schon seit 1975 führt er die Langlaufschule in St. Moritz, die er damals mit je einer vollamtlichen Sekretärin und einem Pistenfahrer neu strukturierte. Lang ist die Liste seiner Spezialgäste mit prominenten Namen aus Wirtschaft, Sport und Show-Business. So weihte Giger unter vielen anderen Formel-1-Star Niki Lauda oder die Schlagersängerin Vicki Leandros in die Geheimnisse des Langlaufens ein. Seit nun schon mehr als 20 Jahren bringt Giger seine reichhaltige Wettkampferfahrung auch als Rennleiter am Engadin Skimarathon ein. Seine Begeisterung für den Sport auf den schmalen Latten hält noch immer ungebremst an. Treffender könnte sich Giger nicht ausdrücken: «Ich bereue keinen Schritt auf den Langlaufski.»

Kommentar schreiben

Kommentar senden