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General Suworows Spuren blieben im Schwyzer Gedächtnis haften

Im Herbst 1799 durchquerten russische Truppen unter General Alexander Suworow die Schweiz. Ihre Route führte unter anderem auch durch den Kanton Schwyz, wo an diesen Feldzug heute noch auf unterschiedlichste Art erinnert wird.

Südostschweiz
Montag, 05. August 2013, 02:00 Uhr

Von Annina Michel

Schwyz. – Im Zweiten Koalitionskrieg (1799–1801) kämpften Russland, Österreich und Grossbritannien gegen das revolutionäre, napoleonische Frankreich. Im Rahmen dieses Krieges sollten die Franzosen aus der Schweiz vertrieben werden.

Beschwerliche Alpenüberquerung

Der russische General Alexander Suworow erhielt den Auftrag, vom Tessin aus über den Gotthard in die Innerschweiz vorzustossen, sich mit General Korsakow in Zürich zu verbinden und gemeinsam die Franzosen zum Rückzug zu zwingen. Den Übergang über den Gotthard musste sich Suworow gegen heftige Gegenwehr erkämpfen, doch schliesslich erreichte er Altdorf. Die Franzosen hatten alle Schiffe auf dem Vierwaldstättersee requiriert, und gute Verbindungen dem See entlang existierten noch nicht – also musste Suworow über den Kinzigpass. Er plante, das Muotatal nach Schwyz zu durchqueren. Doch im Muotatal erfuhr Suworow, dass General Korsakow in Zürich die Schlacht gegen die Franzosen bereits verloren hatte. Suworow begriff, dass er nun in der Falle sass, denn der Talkessel von Schwyz war von französischen Truppen besetzt und der Ausweg damit abgeschnitten. Der Plan, sich mit Korsakow in Zürich zu treffen und die Franzosen gemeinsam zu bekämpfen, war gescheitert. Suworow entschied sich, mit seinen Truppen über den Pragelpass ins Glarnerland zu marschieren. Doch die Franzosen hatten auch den Ausgang aus dem Glarnerland versperrt. Deswegen zogen die russischen Truppen weiter, über den Panixerpass ins Bündnerland.

Wirkungsloser Feldzug

Der von Unwettern, Schnee und ständigen Gefechten begleitete Alpenzug forderte hohe Verluste. Von den anfänglich etwa 22 000 Mann hatten 15 000 die Strapazen überlebt, rund 10 000 Mann waren noch kampffähig. Sie verliessen Graubünden über den St. Luzisteig und marschierten über München nach Russland zurück.

Suworows Truppen hatten sich in zahlreichen Gefechten gegen die Franzosen bewährt und mit erstaunlicher Kühnheit und militärischem Geschick mehrere Pässe unter widrigsten Bedingungen überquert. Dennoch war Suworow letztlich an seiner Aufgabe gescheitert: Die Franzosen konnten nicht aus der Schweiz vertrieben werden. Sein Feldzug durch die Alpen blieb militärisch und politisch wirkungslos.

Suworow in der Erinnerung

Dennoch geriet Suworow nicht in Vergessenheit, im Gegenteil: Diese scheinbar bedeutungslose Episode der Schweizer Geschichte hat vielfältige Spuren hinterlassen. Prominent etwa sind die Suworow-Denkmäler in der Schöllenenschlucht und auf dem Gotthard. Eine Via Suworow führt interessierte Wanderer der Route Suworows entlang, in Linthal findet sich ein Suworow-Museum, und in einem Haus in Elm, in dem Suworow auf seinem Rückzug Quartier bezogen habe, ist heute der Suworow-Cheller eingerichtet, wo man den Drink «Suworow-Spezial – Spezialität des Hauses seit 1799» geniessen kann.

Vielfältige Spuren im Muotatal

Auch im Kanton Schwyz finden sich viele Hinweise auf den russischen General: eine Gedenktafel auf dem Kinzig-Kulm, das Suworow-Zimmer oder das Russenkreuz beim Frauenkloster St. Josef in Muotathal. 2012 beging man in Muotathal die «Suworow-Tage», wo Wanderungen auf Suworows Spuren, Vorträge und öffentliche Gedenkfeiern ebenso zum Programm gehörten wie Wodkadegustationen und russische Märchenstunden. Suworow ist immer noch präsent.

Im Mittelpunkt des Weltgeschehens

Man kann sich leicht vorstellen, was für einen ungeheuren Eindruck das plötzliche Erscheinen einer Armee aus rund 20 000 Soldaten im Muotatal bei der einheimischen Bevölkerung im Jahr 1799 hinterlassen haben muss. Gewöhnlich ein Randgebiet der europäischen Politik, stand man nun plötzlich im «Mittelpunkt des Weltgeschehens». Ohne Zweifel gehörte das zu jenen Ereignissen, die man sich über Generationen weiter erzählte, wobei im Laufe der Zeit wohl auch einiges hinzugedichtet wurde, das ins Reich der Legenden verwiesen werden muss. Beispielsweise ein angeblich im Klöntaler See versenkter Schatz oder Geistererscheinungen russischer Soldaten. Nur schwer auf seinen Wahrheitsgehalt hin prüfbar ist auch die Überzeugung vieler Muotathaler, sie hätten «Russenblut».

Auch die Russen brachten Unheil

Es ist nicht selbstverständlich, dass Suworow so positiv im öffentlichen Gedächtnis verankert geblieben ist. Denn die russischen Truppen haben ebenso wie die französischen grosse Not in der Zivilbevölkerung verursacht. Entlang der Route der Truppen zeugten zerstörte Felder und Ställe von den Kämpfen und Biwaks, zudem waren Obstbäume und Vorräte geplündert worden. In der Chronik der Gemeinde Muotathal wird beschrieben, wie 8000 Reiter ins Muotatal kamen, denen man 40 Käse und viele Kartoffeln habe geben müssen. Ausserdem hätten die Russen Heu aus den Scheunen genommen und Vieh weggetrieben, mehrere Häuser ausgeraubt und die Rüben aus den Gärten gestohlen. Zudem habe man nach einem Gefecht zwischen den Russen und den Franzosen 300 verletzte Russen in den Häusern unterbringen müssen, «sodass die Gemeindebürger wegen dem unerträglichen Geschmack aus den Häusern weichen mussten».

Retter statt Besatzer

Und dennoch wurden und werden die Russen verehrt, erinnern Gedenktafeln und Denkmäler an die gefallenen Soldaten. Dass die Bevölkerung für die Russen grosse Opfer bringen musste, scheint in den Hintergrund gerückt zu sein. Der Grund dafür liegt weniger in der Zuneigung zu den Russen als vielmehr in der Abneigung gegen die Franzosen. Diese galten als «Zerstörer der Souveränität» und als feindliche Besatzer. Die Russen sind – wenn auch erfolglos – gegen diese Besatzer angetreten. Sie waren als Befreier gekommen, und das entschuldigte wohl auch ihr unrühmliches Verhalten gegenüber der Zivilbevölkerung. Die positive Erinnerung an die Russen überwog, und so erinnert man sich auch heute noch mit Wohlwollen und Verehrung an General Suworow.

Suworow wird politisches Symbol

Suworow wurde auch unabhängig vom historischen Kontext zum Symbol für den Kampf gegen unrechtmässige Besatzer. Auch lange nach seinem Tod im Jahr 1800 wurde der General gelegentlich ins Feld geführt, wenn es etwa darum ging, die Unabhängigkeit, Neutralität oder Wehrhaftigkeit der Schweiz zu betonen. Anlässlich der Einweihung des Denkmals 1898 sagte der damalige Kommandant der Gotthardbefestigung, Oberst Heinrich Victor von Segesser: «Wir sind glücklich, dass über dem Grab von russischen Soldaten dieses Kreuz […] erstellt wurde. Die Russen können sicher sein, dass wir dieses Kreuz bewachen werden und dass niemand dieses Heiligtum zu stören vermag, weil nämlich niemand mehr im Kriege über den Gotthard ziehen wird» – Suworows Alpenzug hat sich tief ins kollektive und politische Gedächtnis der Innerschweiz eingeprägt.

Annina Michel ist Leiterin des Bundesbriefmuseums Schwyz.

Die diesjährige Sommerserie im «Boten», geschrieben von den Mitarbeitern des Amtes für Kultur, beschäftigt sich mit sogenannten Schwyzer «Erinnerungsorten». Gemeint sind damit nicht nur real existierende geografische Orte, sondern auch «Gedächtnisorte» in einem weiter gefassten Sinn. Es können genauso mythische wie reale Personen sein, besondere Ereignisse, Institutionen, Bräuche und Feste oder Begriffe wie auch Bücher, Kunstwerke und vieles Weitere mehr. Allen diesen «Erinnerungsorten» innewohnend ist die hohe symbolische Bedeutung, die für die jeweiligen Bevölkerungsgruppen respektive Nationen eine identitätsstiftende Funktion hat. Sie können dem Zeitgeist unterworfen sein, an Popularität gewinnen oder verlieren. (red)

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