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Erinnerungen an einen gekauften Aufstieg

Vier Wochen vor Beginn der Eishockey-Meisterschaft ist es wieder einmal Zeit, dass wir uns an einen der grössten Skandale unseres Hockeys erinnern: An den gekauften Aufstieg des SC Bern im Frühjahr 1986.

Südostschweiz
Sonntag, 14. August 2011, 02:00 Uhr Sonntagskolumne

Von Klaus Zaugg

Wir feiern sozusagen das 25-Jahre-Jubiläum.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht Peter Bossert, von 1976 bis 1986 Präsident des EHC Arosa. Arosa ist ein Spitzenklub. Meister 1980 und 1982. Doch Ende November 1985 weiss Bossert, dass Arosa wirtschaftlich keine Chance mehr hat. Das Budget hat die Grenze von zwei Millionen Franken überschritten. Der Klub wird pro Jahr mehr als eine halbe Million verlieren. Das Dorf kann den Verein nicht finanzieren. Es bleibt nur der freiwillige Abstieg.

Aber Bossert kann mit Arosa nicht einfach so freiwillig absteigen. Er hat Mitte Januar 1986 allen Spielern erklärt, dass es auf jeden Fall weitergehen wird und kündigt mit Kari Eloranta einen Weltklasseausländer für die kommende Saison an. Mit Ausnahme von Reto Dekumbis werden alle eigenen Spieler bereits für die Saison 1986/87 unter Vertrag genommen. Trainer Timo Lahtinens Kontrakt läuft noch ein Jahr weiter. Steigt Arosa jetzt Ende Saison aus, müssen diese hochdotierten Verträge abgegolten werden, wenn es nicht gelingt, neue Vereine zu finden.

Am 13. Februar 1986 ist die Qualifikation zu Ende. Der ZSC ist vom letzten Platz nicht mehr weggekommen und steigt ab. Am 4. März 1986 sind auch die NLB-Aufstiegsplayoffs gespielt – sensationell ist der SC Bern am EHC Chur (oder besser: an Churs Torhüter Renato Tosio) gescheitert. Der SCB steht vor dem Nichts. Eine weitere NLB-Saison kann der Klub nicht mehr verkraften.

Damit ist klar: Arosa muss mit dem SCB, der im Gegensatz zum ZSC finanziell potent ist, schnell eine Einigung finden. Dass der SCB für Arosa nachrücken und nicht etwa der ZSC im Oberhaus bleiben kann, wird heimlich abgesichert. Die Nationalliga ist ein Männerzirkel, in dem Bossert Meinungsführer ist, und zu diesem inneren Kreis der Macht haben die ZSC-Vertreter keinen Zutritt. Nationalliga-Präsident ist Samuel Burkhardt, Bern-Burger, SCB-Ehrenmitglied und als Generalsekretär des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes ein hochkarätiger Jurist und Ehrenmann. Er gibt grünes Licht. Verbandspräsident René Fasel, heute im IOC und Eishockey-Weltpräsident, wird nicht eingeweiht. Weil er zu viel plaudert.

Am 13. März 1986 informiert Bossert die Öffentlichkeit: Der EHC Arosa steigt freiwillig in die 1. Liga ab. Aber das Wichtigste verheimlicht er: Dass der Deal mit dem SCB perfekt ist. Sofort setzt die Diskussion ein, wer Arosa beerben soll: Darf Zürich oben bleiben oder der SCB nachrücken? Verbandsboss Fasel ist ahnungslos und ordnet eine Sondersitzung an. Die Verbands-Juristen verkünden schliesslich, was hinter Fasels Rücken längst arrangiert worden ist: Der SCB darf nachrücken. Der ZSC muss absteigen.

Bosserts Rechnung geht auf: Die weiterlaufenden Verträge, die nicht der sportliche Aufsteiger Chur übernimmt, werden dem SCB übertragen. Chur kauft bei Arosa mit Lolo Schmid, Pietro Cunti und Reto Dekumbis gleich einen ganzen Nationalsturm ein. Bern postet Nationalverteidiger Heini Staub und übernimmt Trainer Timo Lahtinen.

Ob die Berner auch noch Geld ins Bündnerland überwiesen haben, bleibt für immer ein Geheimnis. Jedenfalls steigt Arosa schuldenfrei in die 1. Liga ab – und ist dort heute nach einer Ehrenrunde durch die 2. Liga immer noch glücklich und zufrieden. Und im Rückblick zeigt sich: Der Skandal um den gekauften Aufstieg des SC Bern hat sich als Glücksfall für unser Hockey erwiesen. Denn wäre der SCB damals nicht aufgestiegen, wären die Lichter in Bern ausgegangen. Und was wäre unser Hockey ohne den SCB?

Klaus Zaugg ist Sportpublizist. Er lebt und arbeitet in Auswil (Bern).

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