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Ems-Chemie: Gewinn-rekord schmeckt bitter

Die Ems-Gruppe konnte im vergangenen Geschäftsjahr ihren Reingewinn um zehn Millionen auf rekordhohe 242 Millionen Franken steigern. Schön und gut, und dies in einem wirtschaftspolitischen Umfeld, das allgemein als schwierig gilt.

Südostschweiz
Freitag, 17. Februar 2012, 01:00 Uhr

Der grössere Teil des Zusatzgewinns wurde allerdings durch die Mitarbeiter auf dem Werkplatz Ems der Firma «geschenkt». Das ging so: Die Mitarbeiter in Ems wurden verpflichtet, im Laufe des Jahres 2011 ein Überstundensaldo von mindestens 100 Stunden zu erarbeiten. Gleichzeitig wurde kommuniziert, sie dürften ein bis zwei Wochen Ferien nicht im vergangenen Jahr beziehen. Frau Martullo nennt dies «Einführung der Gleitarbeitszeit». Diese ungesetzliche Verpflichtung zur masslosen und entschädigungslosen Leistung von Überzeit und Ferienverzicht wurde wohlweislich nicht schriftlich kommuniziert, sondern via die Vorgesetztenlinie mitgeteilt. Begründet wurde es mit der Aussicht, bei der nächsten Krise müsste dann nicht auf Kurzarbeit gesetzt werden, sondern es könnte so der Überzeit- und Feriensaldo abgebaut werden. De facto wird es darauf hinauslaufen, dass das Überzeitguthaben in den Wochen vor der Pensionierung eingezogen werden darf. Dass Menschen auch Freizeit und Erholung brauchen, scheint nicht zu interessieren.

Kapitalisiert man diese etwa 180 Jahresstunden über die rund 1000 Mitarbeitenden in Domat/Ems, so entspricht das über 1000 Monatslöhnen inkl. Sozialleistungen oder mindestens sechs Millionen Franken, welche die Firma ihren Mitarbeitern als Gratisarbeit abgenötigt hat. Die Ems-Chemie holt sich also einen Gratiskredit bei den Mitarbeitern und zahlt diesen als Dividendenerhöhung ihren Aktionären aus – insbesondere der Mehrheitsaktionärin Magdalena Martullo. Eine beachtliche unternehmerische Leistung, ein wahrhaft innovatives Geschäftsmodell an der Via Innovativa 1 in Domat/Ems! Ohne dieses Geschäftsmodell hätte die Firma mit ihren übervollen Auftragsbüchern ja ungefähr hundert neue Jobs schaffen müssen, was man «erfolgreich» vermeiden konnte. Meinen Patienten muss ich manchmal sagen, dass gieriges Schlingen der Nahrung zu Verdauungsschwierigkeiten führen kann. Den Ems-Aktionären ist dies für einmal zu wünschen. Gustav Ott,

Präsident SP Domat/Ems

Stellungnahme der Betriebskommission der Ems-Chemie zum Leserbrief von Gustav Ott.

Die Betriebskommission der Ems-Chemie in Domat/Ems, welche die Interessen der Mitarbeiter vertritt und die Einhaltung des Kollektivarbeitsvertrags überwacht, distanziert sich in aller Form von den im Leserbrief vorgebrachten Behauptungen. Die Ems-Mitarbeiter haben dem von den Arbeitnehmervertretungen vorgeschlagenen «Jahresarbeitszeitmodell» im Jahr 2006 mit grossem Mehr zugestimmt. Dies, weil die Auslastung der Ems-Chemie schon immer schwankte. Mit dem Modell arbeiten wir Mitarbeiter in guten Zeiten mehr und kompensieren in schwierigen Zeiten, wenn es weniger Arbeit gibt – ohne Lohneinbusse. Dadurch werden Arbeitsplätze gesichert und die Löhne weiterbezahlt. Die vorgebrachten Anschuldigungen, dass das Modell ungesetzlich sei, Überzeit ohne Entschädigung geleistet werden müsse, dass Mitarbeiter auf Ferien verzichten müssten, dass man Überzeitguthaben erst vor der Pension einziehen könne sowie die gezogenen Schlüsse stimmen nicht. Die Mitarbeiter können sämtliche aufgebauten Zeitguthaben wieder als Freizeit beziehen. Betriebskommission Ems-Chemie

Am 11. März findet die Abstimmung über die Totalrevision der Emser Gemeindeverfassung statt. Ich bitte alle Stimmberechtigten von Domat/Ems, die Neuerungen bei den Finanzkompetenzen der Gemeindebehörden genaustens zu studieren. Sie sollten der Totalrevision nur zustimmen, wenn sie wirklich bereit sind den Behörden solch eine massive Erweiterung der Finanzkompetenzen zuzugestehen. Ein brandaktuelles Beispiel, wie fahrlässig die Gemeinde mit öffentlichen Geldern umgeht, sieht man beim Verzicht auf die Einforderung des Baurechtszinses von 30 000 Franken pro Monat von Holzunternehmer Pfeifer. Die Pfeifer Group setzt im Jahr etwa eine halbe Milliarde Franken um! Patrick Bargetzi, Domat/Ems

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