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Emine Erdogan – zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen

Mitten im Streit um das Kopftuch im öffentlichen Raum in der Türkei wird bekannt: Emine Erdogan, Frau des Premiers und wohl bekannteste Kopftuchträgerin des Landes, wurde als Mädchen dazu gezwungen, die Kopfbedeckung zu tragen.

Südostschweiz
Donnerstag, 28. Oktober 2010, 02:00 Uhr

Von Thomas Seibert

Ankara. – «Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte.» Das sagte Hasan Gülbaran der türkischen Zeitung «Milliyet» über seine Schwester. Emine Erdogan, heute Frau des Ministerpräsidenten, wuchs als einziges Mädchen mit vier Brüdern auf, von denen der älteste laut Gülbaran erzwang, dass Emine ein Kopftuch trug. «Mein Bruder war ja damals auch noch ein Kind», sagte Gülbaran. Falsch sei der Zwang dennoch gewesen: «Wenn eine Frau ihr Haar verhüllt, soll sie das aus freiem Willen tun.»

Viele trauen Erdogan nicht

Der Zwang zum Kopftuch ist genau das, was die Gegner von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan befürchten. Wenn das Kopftuch in der säkulären Türkei erst einmal gesellschaftsfähig sei, würden die Religiösen alle Frauen unter Druck setzen, sagen sie. Beispiele dafür gibt es aber kaum, und auch in der Familie des frommen Muslims Erdogan gilt offenbar der Grundsatz «leben und leben lassen». Saadet Gülbaran, Erdogans Schwägerin, die wie ihre beiden Töchter ihr Haar offen trägt, sagte jedenfalls der Zeitung «Milliyet», sie kenne Erdogan seit 40 Jahren und habe nie erlebt, dass er es unverschleierten Frauen gegenüber habe an Respekt fehlen lassen.Aber nicht alle Türken sind von der Toleranz des Regierungschefs so überzeugt. Nachdem die türkische Hochschulverwaltung vor einigen Wochen das Kopftuchverbot für Studentinnen in den Universitäten per Erlass aufgehoben hatte, berieten die politischen Parteien in Ankara über eine grundsätzliche gesetzliche Lösung. Doch tiefes Misstrauen verhinderte eine Einigung. Die säkularistische Oppositionspartei CHP warf der islamisch geprägten Erdogan-Partei AKP vor, sie wolle das Kopftuch bald auch für minderjährige Schülerinnen und für Beamtinnen einführen. Die AKP verneint das zwar, doch einige Äusserungen aus ihren Reihen gaben dem Islamismus-Verdacht zugleich neue Nahrung. Nun will Erdogan erst nach den Wahlen nächsten Sommer ein Gesetz zum Kopftuch schmieden.Grund zur Eile sieht Erdogan nicht, denn auch ohne Gesetz bröckelt der Bann des Kopftuchs überall im Land. Nach dem Kopftucherlass an den Universitäten gehört die islamische Kopfbedeckung bereits an gut der Hälfte der Hochschulen zum Alltag. Proteste oder Strafanzeigen blieben bisher aus. Selbst die CHP-Spitze befürwortet inzwischen die Wahlfreiheit zum Kopftuch an den Unis.Morgen soll der nächste Schritt in der Versöhnung der säkulären Republik mit dem Kopftuch folgen, das zwei Drittel der Türkinnen tragen. Staatspräsident Abdullah Gül hat zum ersten Mal sowohl die strikt säkularistischen Militärs als auch Kopftuchträgerinnen wie seine eigene Gattin und Emine Erdogan gemeinsam zu einem Empfang zum Nationalfeiertag eingeladen. Bisher hatte Gül stets zwei Empfänge organisiert – einen mit und einen ohne Kopftuch.

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