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Eine Polemik: Es wird nichts mit Olympia 2022

Können wir uns Olympische Spiele leisten? Natürlich können wir das. Aber wir wollen nicht. Das ist meine Erkenntnis aus London 2012. Eine Polemik. Unsere Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf war hier in London zu Besuch.

Südostschweiz
12.08.12 - 02:00 Uhr

Von Klaus Zaugg

Eine Bündnerin. Sie wurde im Rahmen eines offiziellen Medientermins im «House of Switzerland» ohne jeden Hintergedanken gefragt, wie sie zum Projekt «Olympia 2022 in Davos und St. Moritz» stehe. Ob sie dafür oder dagegen sei. Ihre Antwort war erstaunlich.

Wenn eine Bündnerin Staatsoberhaupt ist und in einem olympisch-sportlichen Umfeld nach ihrer Meinung zu Olympischen Spielen in ihrem Heimatkanton gefragt wird, dann müsste doch die Antwort ein begeistertes, flammendes «Ja! Ich bin eine Olympionikin!» sein. Etwa im Sinne: Ja, ich bin Feuer und Flamme für diese Idee! Es ist eine einmalige Chance für Davos, für St. Moritz, für den Kanton Graubünden, für den Schweizer Sport, für die Schweiz! Wir müssen alles dafür tun, damit wir diese Idee umsetzen können, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit dieses Jahrhundertprojekt Wirklichkeit wird!

Aber es war ganz anders. Sie war gut gelaunt, durchaus charmant. Aber ihre Botschaft lässt sich mit ein bisschen Boshaftigkeit in einem lauwarmen Satz zusammenfassen: Das Volk muss entscheiden. Die Aussage von Eve- line Widmer-Schlumpf ist politisch korrekt, staatsmännisch klug. Ja natürlich muss in unserer Demokratie das Volk entschei- den. Erst recht im Kanton Graubünden.

Aber das würde doch eine Bundesrätin nicht daran hindern, sich leidenschaftlich und vorbehaltlos öffentlich für die Idee der Olympischen Spiele zu bekennen. Ohne Wenn und Aber. Wie soll Olympiageneral Gian Gilli die Stimmbürger zu einem Ja für Millioneninvestitionen motivieren, wenn die «eigene» Bundesrätin sich für Olympia 2022 etwa mit gleicher Begeisterung äussert wie für einen Zahnarztbesuch? Um noch einmal auf die Aussagen unserer Bundespräsidentin im «House of Switzerland» in London zurückzukommen: Nach ihrer Botschaft war eigentlich jedem sensiblen Beobachter klar: So wird es wohl nichts mit Olympischen Spielen 2022.

Dass eine Bundesrätin oder ein Bundesrat nicht mit voller Begeisterung öffentlich für einen EU-Beitritt weibelt oder die Einführung des Euro fordert, leuchtet mir ein. Aber das Risiko, sich für die olympische Idee zum Fenster hinauszulehnen, ist doch für einen Politiker oder eine Politikerin und für seine oder ihre Partei gleich null. Sport ist frei von Ideologie. Wer für Sport ist, kann nicht böse sein.

Wenn die Hauptaussage ist, dass das Volk entscheiden müsse, dann entzieht sich ein Politiker oder eine Politikerin der Verantwortung. Mit dieser Mutlosigkeit hätten wir weder den Gotthard-Eisenbahntunnel bauen noch 1848 den Bundesstaat gründen können. Bei so viel Mutlosigkeit würde der HC Davos in der 1. Liga spielen.

Sport hat immer mit Emotionen zu tun. Erst mit dem Glauben an das Unmögliche wird das Unmögliche möglich. Nur wer es versteht, diese Emotionen zu wecken, wird ein Ziel erreichen. Wenn die Bündner die Olympischen Winterspiele 2022 wollen, dann wird es jetzt Zeit, dafür Begeisterung zu wecken. Mit politischer Korrektheit und staatsmännischer Klugheit ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Ende der Polemik.

Klaus Zaugg ist Sportpublizist. Er lebt und arbeitet in Auswil (Bern).

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