«Diese Gefühle kenne ich aus eigener Erfahrung ja alle auch»
«Du musst» kommt in Arno Arquints psychotherapeutischem Wortschatz nicht vor. Als Berater bei der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen sucht er mit seinen Klienten einen Weg zu mehr Freiheit, Lebensfreude und Leichtigkeit.
«Du musst» kommt in Arno Arquints psychotherapeutischem Wortschatz nicht vor. Als Berater bei der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen sucht er mit seinen Klienten einen Weg zu mehr Freiheit, Lebensfreude und Leichtigkeit.
Sabine-Claudia Nold
Das Zimmer ist hell und freundlich: Eine Sitzecke mit einer weichen Couch, eine brennende Kerze auf dem kleinen Tisch davor. Es ist das Beratungszimmer von Arno Arquint, der seit 13 Jahren an der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen arbeitet. «Die Beratungsstelle ist eine Fachstelle der Katholischen Landeskirche Graubünden und wird im Auftrag des Kantons geführt», erklärt Arquint.
Die Beratungsstelle ist öffentlich, wird neutral geführt und steht Menschen unabhängig ihrer Konfession, Religion oder Weltanschauung offen. Der Psychologe, Existenzanalytiker, Logo- und Psychotherapeut Arquint hat nebst weiteren Ausbildungen katholische Theologie und Religionswissenschaften studiert. «Meiner Arbeit liegt ein Menschenbild zugrunde, das von der Würde und dem Wert eines jeden Einzelnen ausgeht», so Arquint. Er sei davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein Wesenskern stecke, der weder krank noch zerstört werden könne. Sein Menschenbild fliesse direkt in seine Arbeit ein, sei aber selten direkter Gegenstand der Beratungen.
Ein Raum für Dich allein
Arquint sind die Ängste und Unsicherheiten der Personen nicht fremd, die zu ihm kommen. «Diese legten sich meistens schnell. Denn es geht weder um einen Seelenstriptease noch um eine Bewertung in richtig oder falsch», so Arquint. «Wer kommt, zeigt Entschiedenheit und Mut. Etwas ändern und verbessern zu wollen und dabei Unterstützung zu holen, ist immer ein Zeichen von Stärke.»
Arquint lächelt: «Wir Menschen funktionieren alle sehr ähnlich. All diese Gefühle kenne ich von mir selber.» Bei seinen Beratungen gehe es nicht um gut oder schlecht. Er biete einen offenen Raum an, in dem seine Klienten Zeit für sich selbst haben, schildert Arquint seine Arbeitsweise. Die Beratung sei Zeit, die einzig dem Klienten gehört. Das Müssen habe darin keinen Platz. «Es ist ein Raum des Dürfens – das ist doch fantastisch.»
Natürlich erlebe er bisweilen, dass die Klienten froh wären, wenn er ihnen klare Handlungsanweisungen geben würde. Doch das entspricht nicht seinem Berufsverständnis. «Jede Person muss für sich selbst herausfinden, was der nächste Schritt sein soll.» Arquint versteht sich in der Funktion einer Hebamme: «Die Antwort liegt in der jeweiligen Person.» Er biete lediglich Unterstützung, um diese Antwort ans Tageslicht zu bringen. «Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch in sich die Wahrheit und das Echte finden kann.»
Glück ist individuell
Gemeinsam mit seinen Klienten schaut der Psychotherapeut die Situation an, die der Klient auswählt. Ein grosser Teil der Menschen komme mit Anliegen zu ihm, die die Partnerschaft betreffen. Arquint weiss: Tendenziell kommen die Menschen erst in die Paarberatung, wenn es schon brennt. «Etwas früher wäre oft besser – quasi als Prophylaxe, solange die Kommunikation noch möglich ist», ist der Therapeut überzeugt. Deshalb bietet die Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen im Sinne einer Ehebegleitung oder Ehevorbereitung Kommunikationstrainings, Vorträge und Paar-Kurse an.
Es gehe aber nicht nur um Paarprobleme. «Auch Personen, die sich in einer Phase der Entscheidungsfindung befinden oder die sich eine Auszeit für sich selber nehmen wollen und nicht gerade mit einer grösseren Problematik konfrontiert sind, suchen das Gespräch.» Ob Krisenintervention oder nicht, das Ziel der Arbeit heisse stets: Der Mensch soll ein erfülltes und glückliches Leben haben.
«Was dieses glückliche und erfüllte Leben beinhaltet, ist aber individuell.» Arquint ist davon überzeugt, dass dem Menschen, trotz aller Prägungen und Konditionierungen immer ein Stück Freiheit bleibe, und dass er sich deshalb stets weiter entwickeln könne – im Bewusstsein seiner Verantwortung, die er für sein Leben trägt.
Jeder Mensch solle sein persönliches Glück finden und herausfinden, wie er die Person werden könne, die in ihm stecke. «Religiös ausgedrückt geht es um die Gottesebenbildlichkeit, nämlich so zu werden, wie Gott mich gemeint hat», erklärt der Theologe. Das Ziel sei, immer freier, menschlicher und authentischer zu werden. «Wir sollen unser eigenes Leben führen und nicht von aussen gelebt werden. In jedem Menschen sind viele Potenziale angelegt, die sollen zum Blühen gebracht werden.» Das beinhalte bisweilen auch, die alten Verletzungen und Blockaden, die wir alle von früher mit uns herumschleppten, zu heilen und in unsere Biografie zu integrieren.
Wichtige gesellschaftliche Arbeit
Arquint, der jahrelang in der Männerarbeit engagiert war, arbeitet gerne mit Männern. «Für Männer ist es oft einfacher mit einem Mann zu sprechen, der sein Mannsein bewusst lebt», weiss er aus Erfahrung.
Den einzelnen Menschen – ob Mann oder Frau – sieht Arquint immer auch als Teil der Gesellschaft und der Weltgemeinschaft. «Was meine Klienten machen, wenn sie ernsthaft und diszipliniert an sich arbeiten, hat eine immense Bedeutung für unsere Gesellschaft als Ganzes», so Arquint. «So wie der Einzelne – so die Gesellschaft. Wird der Einzelne Mensch offener und authentischer, wird er sein Umfeld – und damit die Gesellschaft – unweigerlich zu mehr Offenheit und Authentizität hin verändern.»
Deshalb sei die Arbeit der Beratungsstelle Ehe-, Familien- und Paarberatung gesellschaftlich relevant, betont Arquint und fügt an: «Der Theologe würde vom Bau am Reich Gottes sprechen, das durch uns Menschen auf dieser Erde gebaut wird.» In der Therapie werde aber nur selten von Gott gesprochen – es sei denn, ein Klient wünsche das explizit. «Es geht darum, dass der Mensch lernt, sich in Freiheit und Verantwortung in die Welt einzubringen, also sozusagen das Schöpfungswerk Gottes weiter zu entwickeln», erklärt Arquint.
Jeder Mensch trage viel Leid und zahlreiche Verletzungen mit sich herum – und das habe eine unmittelbare Auswirkung auf seine Umwelt, weiss der Therapeut. Die Frage laute: Wie kann ich trotz meiner Verletzungen leben, ohne meine persönlichen Leiden an meine Mitmenschen weiterzugeben. «Kein kurzer und auch kein einfacher Weg», räumt Arquint ein. Doch den Menschen auf diesem Weg beizustehen, verstehe er als diakonischen Auftrag der Kirche. «Es geht nicht darum, ein Dogma oder Glaubenssatz anzunehmen oder eine bestimmte Frömmigkeit einzuüben. Es geht vielmehr um den einzelnen Menschen und darum, diesen in seiner Entwicklung, Selbst- und Menschwerdung zu unterstützen. Die diakonische Funktion der Kirche werde hier gelebt, indem Menschen professionelle und verantwortete Begleitung und Unterstützung erfahren.» Zum Wohle der gesamten Gesellschaft.
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