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«Die romanische Sprache ist ganz klar ein Gewinn»

«Die romanische Sprache ist ganz klar ein Gewinn»

Lucas Caduff, Kommandant des Lehrverbandes Infanterie der Schweizer Armee in der Kaserne in Colombier, äussert sich zur romanischen Sprachsituation und über die Gegenwart und Zukunft der rätoromanischen Schweiz.

Südostschweiz
vor 9 Jahren in

Interview von Simon Denoth*

«Bündner Tagblatt»: Ist es angebracht, die rätoromanischsprachige Schweiz als vierte Schweiz zu bezeichnen? Wenn ja, wer darf sich ihr zugehörig fühlen und wo liegt für Sie die vierte Schweiz geografisch?

Lucas Caduff: Es ist mir bewusst, dass Rätoromanisch erst als vierte Sprache als Landesprache anerkannt wurde. Dies wäre für mich die einzige Begründung, warum die romanische Schweiz als vierte Schweiz betrachtet werden könnte. Eine numerische Aufzählung der Landesteile erachte ich aber als klassifizierend und wenig sinnvoll. Ich bevorzuge die «rätoromanische» Schweiz.

Immer wieder gibt es Kritik an der Subventionspolitik zugunsten dieser Kleinstminderheit, wie auch an der «Nützlichkeit» der romanischen Sprache. Teilen Sie diese Kritik?

Nein, diese teile ich überhaupt nicht. Ich glaube, dass alle Rä- toromanen die deutsche Sprache zweckdienlich beherrschen. Zweckdienlich heisst aber nicht in jedem Fall perfekt. Dank der romanischen Sprache steht uns auch die ganze lateinische Welt offen, was ich als sehr grossen Vorteil erachte. Die romanische Sprache ist ganz klar ein Gewinn und absolut kein Hemmschuh oder Nachteil: Sie öffnet unendlich viele Türen, sprachlich wie auch emotional. Den Mut zu haben, sich in anderen Sprachen auszudrücken und sich in diesen durchzusetzen, ist bei Romanen das Normalste aller Dinge. Schon ab dem Vorschulalter müssen sich Romanen daran gewöhnen, mit Deutsch als erster Fremdsprache umzugehen und sich in ihr auszudrücken.

Mit Ihrer Beförderung zum Brigadier im Januar 2010 sind Sie zum ranghöchsten Rätoromanen der Schweizer Armee geworden. Nehmen Sie sich auch als solchen wahr? Welche Bedeutung hat Ihre Ernennung für die Svizra rumantscha?

Ich nehme mich bewusst als Romane wahr. Bei Konferenzen eröffne ich meine Präsentationen meistens mit einigen romanischen Sätzen und hatte bisher nur positive Rückmeldungen. Die Leute bringen mir immer sehr viel Wohlwollen entgegen und schätzen es, wenn sie einen Brigadier vor sich haben, der bewusst zu seiner Muttersprache steht. So bat mich Bundesrat Ueli Maurer auch schon, einige Sätze seiner Ansprache an die Departementskader auf Romanisch zu übersetzen.

Für die Svizra rumantscha bewirkt meine Ernennung hoffentlich eine Stärkung des romanischen Selbstbewusstseins und des Glaubens, gerade auch als Romanischsprechender hohe Ziele zu erreichen.

Zwischen 1988 und 1995 wurden versuchsweise vier Bündner Infanteriekompanien romanisch geführt. Ausbildungsmaterialien und persönliche Dokumente waren in romanischer Sprache. Wer machte sich damals stark dafür und was war der Hintergrund dieses interessanten linguistisch-militärischen Experiments?

Einer der Initianten der romanischen Kompanien und grösster Förderer der romanischen Sprache in der Schweizer Armee in den 1980er-Jahren war zweifelsohne Divisionär Rudolf Cajochen. In dieser Zeit wurden Soldaten nach Herkunft eingeteilt, was dazu führte, dass im Gebirgsfüsilierbataillon 91 (Geb Füs Bat 91) bis zu zwei Drittel der Soldaten romanischsprachig waren. Da man das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken wollte, wurde ganz bewusst versucht, die Einheiten sprachlich so einheitlich wie nur möglich zu halten. Nachdem Wehrmänner den Willen bekundeten, vermehrt mit dem romanischen Dienstreglement arbeiten zu wollen, war es dann vor allem der leidenschaftliche Einsatz von Divisionär Cajochen, der trotz anfänglicher Widerstände die ausschliesslich romanisch geführten Kompanien ab dem Jahr 1988 zur Realität werden liess.

Dabei variierte wohl auch der jeweilige Beherrschungsgrad der romanischen Sprache unter den Soldaten?

Es gab sicherlich Unterschiede. Aber ein Pierin Vincenz sprach beispielsweise gut Romanisch, obschon er in Chur aufgewachsen ist. Wir waren beide Kompaniekommandaten und sprachen untereinander ausschliesslich Romanisch. Was uns allen jedoch grosse Mühe bereitete, waren die militärischen Fachausdrücke auf Romanisch, die man weder zu Hause noch in der Grundschule jemals gelernt hatte. Aus dem Raketenrohr wurde so zum Beispiel ein «bischel da rachetas antitanc», also wahrlich kein alltäglicher Begriff.

Für die Übersetzung der Terminologie ins Romanische musste eine Arbeitsgruppe aus Lehrern und Linguisten einberufen werden, die in der Vorbereitungsphase der ersten WK nichts anderes machte, als Ausdrücke zu definieren und zu übersetzen.

Die WK der romanischen Kompanien waren also bis zu einem gewissen Grad Sprachkurse?

Neben der eigentlichen militärischen Ausbildung nahm die Schulung der Soldaten und Kader in romanischen Fachausdrücken durchaus eine wichtige Rolle ein. Dieses aufwendige Unterfangen kostete einiges an Energie, machte aber auch unglaublich viel Spass. Ich bin absolut überzeugt, dass dies die romanische Sprache bereichert hat.

Wie gestaltete sich eigentlich die Verständigung in den Kompanien zwischen den Idiomen?

Innerhalb der Kompanien redete jeder in seinem Idiom. Dies funktionierte immer sehr gut. Auch heute verwende ich Romanisch während Rapporten mit anderen Ro-manischsprachigen, egal, welches Idiom sie sprechen. Die eigene Sprache verwenden zu können hat immer etwas sehr Verbindendes.

Was waren die Gründe für das Ende der romanischen Kompanien?

Dafür waren mehrere Gründe verantwortlich. Einer davon war das frühe Dahinscheiden von Divisionär Cajochen im Jahre 1989. Damit starb der eigentliche Motor der romanischen Kompanien. Ein weiterer Grund muss bei den Romanen selber gesucht werden. Nicht alle wollten sich die Mühe machen, nach der RS in den WK nochmals die gesamte Terminologie auf Romanisch zu erlernen. Schliesslich wäre eine weitere Voraussetzung für die Weiterführung der romanischen Kompanien gewesen, dass sich fast jeder Romane in die Infanterie hätte einteilen lassen und dass viele von ihnen gewillt gewesen wären, weiterzumachen.

Haben Sie jemals ein Dienstverschiebungsgesuch auf Romanisch erhalten?

In meiner Zeit als Truppenkommandant viele. Heute kommen diese meistens nicht mehr bis zu mir. Wenn der Schulkommandant des Antragsstellers nicht Romanisch spricht, dann scheint es unlogisch, das Gesuch in Romanisch einzureichen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass in Graubünden Gesuche schon noch auf Romanisch gestellt werden, schliesslich wird die Verwendung des Romanischen auch sehr tatkräftig von Regierungsrätin Barbara Janom Steiner unterstützt.

Sprechen Ihre Kinder und Ihre portugiesischsprachige Frau Rätoromanisch?

Mein Ältester spricht recht gut Romanisch. Die anderen zwei verstehen es, reden jedoch eher weniger gut. Durch meine Geschwister und Besuche bei meiner Mutter in Schlans kann aber immer wieder Kontakt mit der Sprache hergestellt werden, weshalb die Kinder dem Romanischen gegenüber keine Berührungsängste haben. Durch die Familie sehen sie in der Beherrschung der Sprache auch einen gewissen Nutzen und somit einen Sinn. Meine Frau kann ziemlich alles auf Romanisch verstehen und spricht es auch teilweise. In der Familie sprechen wir Romanisch, Portugiesisch sowie Deutsch.

* Simon Denoth ist Referent der Geschäftsleitung der RTR Radiotelevisiun Svizra Rumantscha. Er studierte Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen.

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