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Die Ostschweiz: Gefangen in der Abseitsfalle

Völlig unverdient steckt die Ostschweiz in einer geopolitischen Abseitsfalle, haben sich Zürich, Basel und Lausanne-Genf doch zu drei Metropolitan-Regionen ernennen lassen, was den Stand Bern veranlasste, die Flucht in die Hauptstadtregion zu suchen.

Südostschweiz
Sonntag, 06. März 2011, 01:00 Uhr sonntagskolumne

Von Klaus J. Stöhlker

Als harte Faktoren der Wirtschaftsförderung sind diese Begriffe vorerst bedeutungslos, jedoch warten die grossen Städte nur darauf, die Subventionen zu ihren Gunsten und gegen die Randregionen sowie im Rahmen der Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA) für sich zu verbessern. Als weiche Faktoren einer beginnenden neuen innerstaatlichen Gliederung, die der Bevölkerung eine attraktive Identität gibt, sollte man diese Begriffe nicht unterschätzen.

Die beiden Ostschweizer Kantonshauptorte St. Gallen und Chur liegen in einer Zwischenwelt, die nirgendwo zugeordnet ist. Es macht sich jedoch ein beklemmendes Gefühl bemerkbar, ob die Expansion der Schweizer Konkurrenten so ohne Weiteres hingenommen werden soll.

Die Kernfrage lautet: Ist eine Metropolitan-Region Ostschweiz denkbar, die Frauenfeld, St. Gallen und Chur umfasst? Weil dies nach europäischen Begriffen nicht möglich ist, muss eine kreative Lösung her, wie im Fall Bern. Mit Eingemeindungen ist keinem der drei Standorte zu helfen, denn ihre Umgebung ist von sehr kleinen Standorten geprägt, anders als Luzern mit Littau oder Lugano. Die Zeit ist auch nicht reif, um, wie in Glarus, den Kanton in drei oder vier Gemeinden zusammenzufassen. Gibt es einen dritten Weg?

Perfekt wäre es, die Kantone Thurgau, St. Gallen und Graubünden in einer «Region Hochrhein» zusammenzufassen. Dem könnten sich die Liechtensteiner anschliessen, die ohnehin sehr enge Verbindungen zur Schweizer Seite des Rheintals haben. Da Bregenz mit den Vorarlbergern in Österreich auch stets eine isolierte Position eingenommen hat, der wirtschaftliche Erfolg aber mit dem Liechtensteins und der Ostschweizer Kantone durchaus verglichen werden kann, bietet sich das Zusammengehen zu einer «Region Hochrhein» an. Der starke alemannische Einschlag der Bevölkerung wäre das kulturelle Fundament dieser Region.

Ziel einer solchen Grossregion, die der Hochrhein mit dem Bodensee verbindet, wäre es, die ausgezeichnet entwickelte Wirtschaftskraft, das hohe kulturelle Niveau und die guten Schul- wie Universitätsangebote in eine neue Perspektive zu bringen. Die wunderbare Erholungslandschaft zwischen Arlberg, Bodensee und Ofenpass gäbe dieser Region Substanz, zumal sie an einer wichtigen Nord-Süd- und zunehmend wichtigeren Ost-West-Verbindung liegt.

Die «Region Hochrhein» muss vor allem in den Kantonshauptstädten St. Gallen und Chur gewollt werden. Sie können sich, wie dies heute schon teilweise der Fall ist, auch zu Verlängerungen der Metropolitan-Region Zürich entwickeln, die alle Weichen auf Expansion gestellt hat. St. Gallen wäre dann Hochschul-Subzentrum im «Consulting Valley» mit Firmen wie dem Malik-Management-Zentrum, Abraxas und ISG AG, deren Gründer und CEO Oliver Fiechter die Grundzüge einer «Ökonomie 3.0» erarbeitet hat, die das meiste in den Schatten stellt, was heute als erfolgreiche Unternehmensführung und Gesellschaftsentwicklung angeboten wird. Chur bliebe in seiner «splendid isolation» als Eingang zu Graubünden und Station zwischen Europas Norden und Süden ein Ort der Passage.

Was in Basel gescheitert ist, der Traum vom Dreiländereck, darf die Ostschweiz nicht entmutigen.

Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon (Zürich).

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