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Die Naturschwärmerei als Komödie

Morgen Freitag feiert «Laina viva», das Stück zum Nationalpark-Jubiläum, in Zernez Premiere. Geschrieben hat es der Thurgauer Schauspieler und Regisseur Simon Engeli.

Südostschweiz
Donnerstag, 10. Juli 2014, 02:00 Uhr

Von Mathias Balzer

Zernez. – Simon Engeli befindet sich im typischen Theatermacher-Modus: erschöpft und trotzdem hellwach. Wir treffen uns vier Tage vor der Premiere von «Laina viva» in Zernez. Das als «Freilichtspektakel» angekündigte Stück zum 100-jährigen Bestehen des Schweizerischen Nationalparks ist eine grosse Kiste. Neun Profis, 30 Amateure und die Fränzlis da Tschlin als Live-Orchester. Gestern ist die Haupt- und Fotoprobe ins Wasser gefallen. Engeli hat sich beim Sturz auf den nassen Bühnenbrettern eine Prellung am Rücken zugezogen. «Nicht so schlimm wie bei Neymar», lacht er. Für die kommenden Tage sind Kälte und Regen angesagt. «Es hat die letzten Wochen oft geregnet. Das bremst einen schon etwas aus.» Der 35-jährige Schauspieler aus dem Thurgau verfügt über genug Erfahrung, um zu wissen, dass am Ende doch alles zusammenkommen wird. Und er kann über die Ironie der Geschichte lächeln: Ein Freilichtspiel zum Thema Mensch und Natur bekommt es eben auch mit dieser zu tun.

Wertvoller Tipp von Hämmerle

Der Nationalpark war bis vor zwei Jahren für Engeli eine verblasste Kindheitserinnerung. Damals erwanderte er sich mit seinem Vater in dieser Gegend ein Herbarium für den Biologieunterricht. Eine andere Art Wanderung brachte ihn Jahre später wieder nach Graubünden zurück. Der Schüler aus der Komödianten-Schmiede von Dimitri in Verscio hatte sich mit seiner Frau, der Puppen- spielerin Rahel Wohlgensinger, und seinem alten Schulfreund Giuseppe Spina den ältesten aller Schauspielerträume erfüllt: Mit einer fahrbaren Bühne kleine Dörfer bespielen.

Die Wanderung brachte die Commedia-Truppe auch nach Pratval, in den Schlosshof von alt Nationalrat Andrea Hämmerle. Dieser wiederum wusste als Präsident des Organisationskomitees für das Nationalpark-Jubiläum, dass für die Festlichkeiten ein Theaterkonzept gesucht wurde. Er empfahl den mittlerweile mit der Theaterwerkstatt Gleis 5 in einem Bahndepot in Frauenfeld halb sesshaft gewordenen Theaterleuten, sich zu bewerben. Die Komödien-Spezialisten erhielten den Zuschlag.

Opfer eines Schreibstaus

Die Auftragsarbeit des Nationalparks hat Engeli eine Premiere beschert: Er schrieb sein erstes Stück. Wohl war er bis dahin bewandert im Umschreiben von Romanen für das Theater, wie zum Beispiel Jules Vernes «In 80 Tagen um die Welt». «Hier hab ich letztendlich gelernt, was es heisst, einen Schreibstau zu haben», gesteht Engeli. Einzig auf den Kuss der Musen verlässt sich aber kein kluger Autor. Die dramaturgische Grundlage für «Laina viva» fanden Engeli und seine Mitstreiter in Aristophanes’ Stück «Die Vögel». Darin verlassen zwei junge Männer Athen, um in der Natur ihr Utopia namens Wolkenkuckucksheim zu gründen.

Genau wie in der altgriechischen Vorlage verlassen zwei Jungspunde in «Laina viva» die Stadt, um in der Wildnis des Nationalparks ein naturnahes Leben zu führen. Ganz im Sinne der Komödie zerschellt der Anspruch natürlich an der Realität. «Einer Situation nicht gewachsen zu sein, ist ein urkomödiantisches Prinzip», sagt Engeli. «Wir kennen die Natur ja nur als Wochenendprogramm, haben aber trotzdem Dauersehnsucht nach allem Ursprünglichen.» Das Scheitern am Anspruch erhält für die Protagonisten des Stücks zusätzliches Futter, wenn sie nach dem Konsum psychogener Pilze auf einer Zeitreise den Gründern des Nationalparks begegnen.

Engeli hatte seine Recherchen in der Hoffnung angefangen, dass die Gründungsgeschichte des Parks einen ordentlichen Plot aus Pro und Contra beinhaltet. «Leider wurden wir enttäuscht. Die Opposition damals war gar nicht so heftig. Aber es war wie überall, wo grosse Ideen entstehen: Es knirscht im Kleinen», erzählt der Autor und fügt an: «Natürlich ist das auch bei einer Theaterproduktion so. Schon, dass ich als Autor und Schauspieler beteiligt bin, beinhaltet im Grunde einiges Konfliktpotenzial. Bis hierhin gings aber erstaunlich gut.»

Wie sich die beiden Naturgänger letztendlich aus der Affäre ziehen, und wie die Auseinandersetzung um die «künstliche Wildnis» auf die Bühnenbretter kommt, wird morgen Freitag an der Premiere zu erleben sein. Dass die «fremden» Thurgauer mit den Fränzlis, den Laiendarstellern und Flurin Caviezel als Parkgründer Steivan Brunies die Anbindung an die Region bereits geschafft haben, gehört zum Konzept dieses Festspiels.

«Laina viva». Premiere: morgen Freitag, 11. Juli, 20.30 Uhr. Wiese beim Sportzentrum, Zernez. Weitere Vorstellungen bis 16. August. Tickets unter www.nationalpark.ch.

… ist in Romanshorn aufgewachsen und hat nach der Matura die Scuola Teatro Dimitri im tessinischen Verscio besucht. Nach einer Weiterbildung im Bereich Sprechtheater in Berlin war der heute 35-Jährige ab 2005 als freischaffender Schauspieler tätig, unter anderem am Theater Konstanz. Zudem realisierte Engeli Tourneen und Gastspiele mit eigenen Inszenierungen. 2012 gründete er mit seiner Frau Rahel Wohlgensinger und vier weiteren Schauspielern die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. Engeli spielt Violine und Schlagzeug in der Irish Folk Band A Little Green. (so)

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