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Die Möbelfabrik Horgenglarus will keine Trendfirma sein

Diesen Sommer öffnen zehn Glarner Firmen ihre Türen und laden Besucher ein, einen Blick in die Produktionsstätten zu werfen. Die Manufaktur Horgenglarus produziert seit 1880 Stühle und Tische, welche sie in die ganze Welt liefert.

Südostschweiz
Dienstag, 13. August 2013, 02:00 Uhr

Von Tina Wintle

Glarus. – Der Eingang der ältesten Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz in Glarus ist eher unscheinbar und bescheiden. Kein pompöser, moderner Eingangsbereich, der Weltklasse und Erfolg demonstrieren soll. Der Besucher fühlt sich vielmehr in eine Welt getaucht, die geprägt ist von Industriegeschichte, von harter Handarbeit und jahrzehntelangem Ein- und Ausgehen der Menschen, die am Standort Glarus seit 1902 in konsequenter Handarbeit Stühle herstellen. Stühle, die ihre Macher und Designer selber überdauert haben.

Zeitloser Industrieschick aus Glarus

Es pass alles sehr gut zusammen – Glarner Industrieschick, in dem zeitlose Stühle auf hundertjährigen Maschinen ohne Schnickschnack entstehen. Und die grosse einfache Industriehalle, die nun als Show-Room dient, und die «eleganten Produkte, die wir hier herstellen, so richtig zur Geltung bringen», wie Geschäftsführer Marco Wenger das Ambiente beschreibt.

Stühle von Horgenglarus hat man ein Leben lang – danach werden sie vererbt. Bei Horgenglarus dauert eine Saison eine Generation lang, heisst es in dem kürzlich erschienenen Buch «The Brander» weiter, welches 29 exklusive Geschichten über Marken und ihre Macher vorstellt. Der Horgenglarus-Standort Glarus taucht hier im gleichen Atemzug – oder eben zwischen den gleichen Buchdeckeln – wie New York, London, Amsterdam oder Buenos Aires auf. Eine einfache Möbelmanufaktur, die Botschafterin für das Glarnerland und für die ganze Schweiz ist, ein Unternehmen, das Schweizer Werte und Kultur vermittelt und diese in die ganze Welt hinausträgt.

Der neue Mann in der Traditions-Firma

Marco Wenger ist seit 2012 der neue Mann an der Spitze von Horgenglarus. Zuvor wurden die Firmen-Geschicke während 13 Jahren von Markus Landolt gelenkt, bevor dieser an die Von Nordeck International Holding AG verkaufte. Marco Wenger, der gelernte Schreiner, Holztechniker und studierte Betriebswirtschafter, kannte Horgenglarus von seiner früheren Tätigkeit im internationalen Möbelhandel, als er mit den Glarner Stühlen Sitzungszimmer, Restaurants und Lounges in der ganzen Welt ausstattete.

«Horgenglarus hat bei Architekten und Designern einen bodenständigen Ruf, das zeitlose Design wird auf der ganzen Welt sehr geschätzt», weiss er. Heute ist ihm vor allem wichtig, dass die 50 Mitarbeiter in der Firma nach definierten Werten zusammenarbeiten: «Diese Werte wollen wir in der Firma leben. Der ganze Betrieb richtet sich nach diesen Werten aus.» Dazu gehört eine offene Kommunikation. «Wir sind alle gleichgestellt – aber in einer anderen Funktion», fasst Marco Wenger diese Wertevorgaben zusammen.

Er will sich als Chef verstehen, der trotz Offenheit und Gleichstellung hohe Ansprüche hat, «jeder Mitarbeiter ist stolz, Teil des Produktes sein zu können». Es ist ihm wichtig, ein Vorgesetzter zu sein, der auch in der Firma präsent ist und als Coach der Angestellten eine zugängliche Ansprechsperson ist. «Nicht nur der Rohstoff unserer Produkte ist nachhaltig, sondern auch der Mensch.»

Handarbeit als Stärke der Möbelmanufaktur

Beim Rundgang durch den Betrieb, vorbei an den Stühlen aus dem Nationalratssaal in Bern, die zurzeit in Revision sind, wird diese Nachhaltigkeit auch am Produkt verdeutlicht. Spezialität des Hauses ist das Biegen von Holz mit Dampf, es macht die Möbel stabil und elegant. Die rohen zugeschnittenen Holzlatten werden bei 100 Grad Celsius während zwei Stunden im Dampf belassen, bevor sie in Form gebracht und danach in der Schablone mehrere Tage in einem speziell geheizten Raum, der «Sauna», getrocknet werden.

Nachdem die Rohlinge trocken sind, werden die Elemente verzapft, verleimt und verschraubt. Lehnen und Sitzflächen werden montiert, Beine auf die passende Höhe gefräst, die Oberflächen geschliffen und danach geölt, geseift oder lackiert.

Das Holz, das hauptsächlich für die Stühle verwendet wird, stammt von 60- bis 100-jährigen Buchen, die im Jura wachsen. Die dortige Bise lässt die Bäume besonders gerade und regelmässig wachsen. Die kalkhaltigen Böden der Region begünstigen dieses Wachstum ebenfalls positiv. «Dass aus einem Baumstamm, der einfach so bedingungslos wächst, etwas so Schönes entstehen kann, fasziniert mich,» wirft Marco Wenger lächelnd ein, während er über das Holz streicht und die gleichmässigen, fast in perfekten Abständen maserierten Jahrringe des Rohholzes hervorhebt.

Die 1880 in Horgen bei Zürich gegründete und 1902 um den Werkstandort Glarus erweiterte Horgenglarus ist die älteste Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz und gehört hinsichtlich Design und Qualität seit 130 Jahren zur Weltspitze. So präsentierte etwa Le Corbusier für seinen «Pavillon de l'Esprit Nouveau» an der «Exposition internationale des Arts décoratifs» in Paris die Stühle aus der Fabrikation von Horgenglarus als repräsentative Beispiele für eine zeitgemässe und zukunftsweisende Auffassung von Wohnkultur.

An dieser innovativen Grundausrichtung hat sich bis heute nichts geändert: Nach wie vor steht die charakteristische Verbindung von Form und Funktion im Mittelpunkt. Das findet Anerkennung: Klassik, Formvollendung, Zeitlosigkeit und hohe Verarbeitungsqualität lauten die Kriterien, nach denen Horgenglarus mit dem Prädikat «Weltklasse – Made in Switzerland» ausgezeichnet worden ist.

Wie viele Stühle braucht der Mensch?

Das Geheimnis des Erfolges sieht Marco Wenger auch in der zurückhaltenden, qualitativ hochstehenden Art des Unternehmens. «Wir sind keine Trendfirma, unsere Produkte halten eben wirklich länger als eine Generation. Die zeitlose Klassik der Produkte ist ein eingeschlagener Weg, der zu uns passt.» Auch schwierige Phasen in einer Unternehmensgeschichte, die es auch bei Horgenglarus gab, liessen sich mit dieser Einstellung überstehen.

Man schaue einmal bei sich zu Hause nach, drehe die alten Stühle um und streiche über die Lehne und Sitzfläche. Wenn sich das alles sehr gut und schön anfühlt und ein Brand-Stempel oder eine Etikette unten an der Sitzfläche angebracht ist, dann könnte es gut sein, dass man der Besitzer eines Horgenglarus-Stuhls ist. Darüber soll man sich freuen, man soll ihn pflegen und den Kindern weitergeben. Denn Stühle kann man nie genug haben.

So hat der neue Chef bei sich zu Hause immerhin 15 Horgenglarus-Stühle stehen. Auch sein Bürostuhl ist ein schlichtes Horgenglarus-Modell: «Ein anderer Stuhl kommt mir nur ungern unter» – es hat eben jeder seine Ansprüche, und jeder ist auf seinem Gebiet eben auch kritisch.

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