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Die Merkmale der Tieflohnbezüger

Jung, weiblich, ungebildet: Ein Blick in die Lohnstruktur- erhebung des Bundes zeigt, wer in der Schweiz weniger als 4000 Franken pro Monat verdient – und vom Mindestlohn profitieren würde.

Südostschweiz
Donnerstag, 24. April 2014, 02:00 Uhr

Von Doris Kleck

Bern. – 330 000 Menschen oder rund neun Prozent aller Arbeitnehmer in der Schweiz verdienen weniger als 22 Franken pro Stunde. Bei einer Annahme der Mindestlohninitiative kämen sie in den Genuss einer staatlich verordneten Lohnerhöhung. Wer sind diese 330 000 Arbeitnehmer, und wo arbeiten sie? Ein Bericht des Staatssekretariates für Wirtschaft, basierend auf der Lohnstrukturerhebung 2010, gibt Auskunft. Besonders schlechte Karten haben Kurzaufenthalterinnen unter 25 Jahren ohne Berufsbildung, die in einer chemischen Reinigung mit weniger als fünf Beschäftigten im Tessin arbeiten. Doch der Reihe nach.

• Branchen: Die Gewerkschaften werben für ihre Volksbegehren gerne mit der Situation im Detailhandel. Sie prangern Modemilliardäre an, die ihre vornehmlich weiblichen Angestellten miserabel entlöhnen. Tatsächlich gibt es in keiner anderen Branche derart viele Arbeitsplätze mit einem Stundenlohn unter 22 Franken. Es sind 49 600. Setzt man diese Zahl in Beziehung zur Beschäftigungszahl der gesamten Branche, stellt man fest, dass der Anteil der Tieflohnstellen lediglich bei 14 Prozent liegt. Im Bereich der persönlichen Dienstleistungen (Coiffeur- und Kosmetiksalons, Wäscherei und chemische Reinigung) wird hingegen jede zweite Stelle mit weniger als 22 Franken entlöhnt. Oder anders ausgedrückt: Eine Coiffeuse hat ein höheres Tieflohnrisiko als eine Detailhandelsangestellte.

• Geografie: Nirgends wird Arbeit so schlecht entschädigt wie im Tessin. Bei 19 Prozent der Arbeitsplätze liegt der Lohn unter 22 Franken pro Stunde. Zum Vergleich: In der Ostschweiz liegt der Anteil bei neun Prozent. Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass Stellen mit tiefen Qualifikationsanforderungen im Tessin weiter verbreitet sind als im Rest der Schweiz.

• Betriebsgrösse: Die Mindestlohninitiative würde vor allem kleine und mittlere Firmen treffen. Denn bei Unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten liegt der Anteil der Tieflohnstellen bei 18 Prozent. Die Hälfte aller Tieflohnarbeitsplätze werden von Firmen mit weniger als 50 Angestellten angeboten.

• Beschäftigungsgrad: Teilzeitangestellte verdienen weniger pro Stunde. Ein Drittel aller Tieflohnstellen sind Teilzeitstellen mit einem Beschäftigungsgrad unter 50 Prozent. Jeder sechste Beschäftigte, der weniger als 50 Prozent arbeitet, bekommt weniger als 22 Franken pro Stunde.

• Geschlecht: Die Gewerkschaften sprechen in ihrem Abstimmungskampf nicht umsonst die Frauen an. Fast 70 Prozent der Stellen mit Tieflöhnen sind durch Frauen besetzt. Jede achte erwerbstätige Frau verdient weniger als 22 Franken pro Stunde, bei den Männern ist es nur jeder 20.

• Nationalität: Nur sechs Prozent der Schweizer verdienen weniger als 22 Franken, bei den Ausländern sind es 14 Prozent. Besonders betroffen sind Kurzaufenthalter, die im Gastgewerbe und der Hotellerie tätig sind. 28 Prozent der Tieflohnstellen werden mit Kurzaufenthaltern besetzt.

• Ausbildung: Bildung spielt eine wichtige Rolle bei der Höhe des Salärs. Mehr als jeder fünfte Beschäftigte ohne eine Berufsausbildung verdient weniger als 22 Franken pro Stunde. Mit einer Lehre oder Matur sind es gleich dreimal weniger. Von den Uni- und Fachhochschulabsolventen verdienen nur gerade zwei Prozent weniger als der geforderte Mindestlohn.

• Alter: Tiefe Löhne sind zu Beginn der Berufskarriere weiter verbreitet. Dies zeigt sich, wenn man die Tieflohnbezüger nach Alter aufschlüsselt. 23 Prozent der 15- bis 24-Jährigen gehören zu den Tieflohnbezügern. In der Kategorie der 25- bis 34-Jährigen liegt der Anteil dann nur noch bei neun Prozent.

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