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Des Herrn Moritzi vergessener Garten

Seit Jahren möchte die Stadt Chur die Gartenanlage auf dem Rosenhügel sanieren. Die was, bitte? Eben. Ein Spaziergang durch einen Park und einige Jahrhunderte vergessener Stadtgeschichte.

Südostschweiz
Sonntag, 10. März 2013, 01:00 Uhr

Von Olivier Berger (Text) und Marco Hartmann (Bilder)

Chur. – «Entblösst und durch das Schwert vom Leben zum Tod», sollte Franz Michael Natter nach dem Willen des Stadtrats werden. «Nach diesem soll sein Haupt auf den Galgen genagelt, und sein Leib zur schaudernden Warnung für jeden Bösewicht auf das Rad geflochten und alsda gelassen werden.» Rau ging es zu und her, im Jahr 1789, auf der Galgen Bühel genannten Richtstätte vor den Toren von Chur.

An diesem Freitagmorgen erinnert auf dem Hügel nichts mehr an die gruselige Vorgeschichte des Orts. Fast meint man, die verspielten Klangwelten von Leoš Janá?ceks Klavierzyklus «Auf verwachsenem Pfade» zu hören, brausten unter- und oberhalb des Hügels nicht Tanklaster und Autos vorbei. Abgesehen davon liegt still und idyllisch da, was schon seit dem Jahr 1855 ganz offiziell Rosenhügel heisst.

Älteste Anlage in der Ostschweiz

Die Autofahrer und Berufschauffeure, die von der Stadt oder der A13 her am Rosenhügel vorbeibrausen, ahnen wohl kaum, dass sich dort die erste öffentliche Parkanlage der Ostschweiz überhaupt verbirgt. Nachdem der Hügel im Jahr 1836 als Richtstätte ausgedient hatte und der Galgen demontiert worden war, diente er zunächst für zwei Jahre als Kiesgrube. Danach geriet das Gelände ausserhalb der noch bestehenden Stadtmauer in Vergessenheit – nicht zum ersten, und schon gar nicht zum letzten Mal in seiner Geschichte, wie ein von der Kunsthistorikerin Ludmila Seifert-Uherkovich im Auftrag des städtischen Bauamts verfasster Bericht belegt.

Vermutlich würden auf dem Hügel heute Ein- und Mehrfamilienhäuser stehen, hätte es Alexander Moritzi nicht gegeben. Moritzi, in Chur geboren, hatte sich als Lehrer versucht und als Botaniker unter anderem das Buch «Die Pflanzen der Schweiz» veröffentlicht, bevor er – in Solothurn entlassen – im Oktober 1847 in die Bündner Heimat zurückkehrte. Im Gepäck hatte der Arbeitslose neben seiner Ehefrau auch das aufklärerische Ideal der Gemeinnützigkeit.

Diesem Ideal folgend überlegte sich der damals 41-Jährige, wie seine Heimatstadt verschönert werden könnte. Im Mai 1848 richtete er sich mit der Feststellung an den Stadtrat, dass «noch Manches geschehen müsse, um sich in dieser Hinsicht neben andere Städte der Schweiz stellen zu dürfen». Potenzial ortete Moritzi vor allem an zwei Stellen: am Plessurquai und auf dem früheren Galgenhügel.

Die Stadt wollte, aber konnte nicht

Nur eine Woche nach Eingang von Moritzis Schreiben drückte ihm der Stadtrat «den ungeteilten Dank für die uneigennützige Absicht und Bereitwilligkeit» für das «von der Behörde beifällig aufgenommene Verschönerungs-Projekt» aus.Allerdings würden die finanziellen Verhältnisse «die unmittelbare Beteiligung» der Stadt an dem Unternehmen «gebieterisch untersagen». Oder anders gesagt: Die Stadt wünschte sich zwar eine Verschönerung des Rosenhügels, Geld wollte sie dafür aber nicht ausgeben.

Der findige Moritzi hatte aber vorgesorgt und den Stadtvätern eine Spendensammlung vorgeschlagen. Diese liess sich gut an und umfasste unter anderem auch den Verkauf von Handarbeiten am Maimarkt im Jahr 1849. Praktisch gleichzeitig konnte vor Ort mit der Bepflanzung begonnen werden. Moritzi hatte eine in der Schweiz bis dahin erst in Zürich und Bern realisierte Mischung aus botanischem Garten und öffentlichem Park vorgeschwebt. Verwirklicht wurde die Idee allerdings nie. Und auch der Name des Areals ist irreführend. Zwar pflanzte der Stadtverein im Jahr 1910 Rosen auf dem Hügel, bereits acht Jahre später existierten diese aber nicht mehr.

Statt zur Lehre und Forschung diente der Rosenhügel von Anfang an als Naherholungsgebiet für die Churerinnen und Churer – andere Parkanlagen gab es damals noch nicht. Eine Attraktion war der im Stile eines englischen Landschaftsgartens gestaltete Park auch für die Feriengäste, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehrt nach Graubünden reisten. 1903 hiess es im Reiseführer von Christian Tarnuzzer, der Rosenhügel sei «ein mit prächtigen Anlagen versehenes, von reinlichen Fusswegen durchzogenes Hügelplateau», zwei Jahre später plante der Stadtverein gar einen – nie gebauten – Aussichtsturm im Park.

Badende Kinder und Tiere

Nur Freude machte die Gartenanlage den Behörden von Anfang an nicht. Schon 1852 musste ein Aufseher angestellt werden, um Verschmutzung und Vandalismus einzudämmen, 1878 beklagte der Stadtrat die «Verwahrlosung des Rosenhügels». 1909 verlangte ein Stadtrat den Bau einer Treppe in den Springbrunnen, weil dort – «wenn auch in unerlaubter Weise» – Menschen und Tiere baden würden.1917 warnte die Stadt davor, dass in dem Becken «Unglücksfälle durch Ertrinken» vorkommen könnten. 1937 wurde der Springbrunnen vorübergehend abgeschaltet – «wegen ständiger Beschädigung und Verunreinigung durch Kinder».

In den vergangenen 50 Jahren hat sich das Aussehen des Parks nicht mehr gross verändert. Und auch die Zeiten, da Bürgerinnen und Bürger sowie Touristen über den Rosenhügel flanierten, sind lange vorbei. Bereits in den Achtzigerjahren beklagten die Medien den desolaten Zustand der einstigen Touristenattraktion.

Die Stadt würde den Rosenhügel gerne aus seinem Dornröschenschlaf wecken – ein entsprechendes Konzept liegt seit einigen Jahren vor. Der entsprechende Kredit wurde vom Gemeinderat allerdings nie bewilligt – mit Hinweis auf die unklare künftige Verkehrsführung vor Ort. Womit sich der Kreis zum Jahr 1848 und den Anfängen irgendwie schliesst.

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