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Der Name «Rigi» – europaweit kopiert

In Bayern und Tirol, Belgien und Italien – überall taucht der Name «Rigi» auf. Es gibt aber auch die «Bündner Rigi» in der Surselva oder die «Kleine Rigi» im Ägerital. Und im fernen China gleicht die Silhouette des Emei Shan sogar der echten Rigi.

Südostschweiz
Mittwoch, 04. September 2013, 02:00 Uhr

Von Hans Steinegger

Oft kopiert, doch nie erreicht – möchte man gleich beifügen, wenn andernorts in Wort, Schrift und Bild ein markanter einheimischer Berg und die Panoramasicht von dessen Spitze aus mit dem Namen der Rigi am Vierwaldstättersee in Verbindung gebracht wird. Eine kleine und dazu noch unvollständige europaweite Umschau ist in der Tat überraschend wie faszinierend, gereicht doch hier die Kopie dem Unikat zur Ehre. Diese Ehrerweisung wird zurzeit sogar erweitert – bis ins ferne China, dazu partnerschaftlich gestärkt.

Partnerschaft Emei–Rigi

Auf Rigi Kaltbad weist eine Schautafel die Gäste und Wanderer unverwechselbar in Deutsch und Chinesisch darauf hin: «Partnerschaft Emei & Rigi», dazu die beiden Landeswappen und das bekannte Rigi-Logo, ergänzt mit dem neuen Rundsignet «Mount Emei – China». Und über die volle Breite zeigt eine Fotomontage die optisch verwandten Spitzen des Emei Shan und der Rigi – die «chinesische Rigi» und die «Schweizer Rigi». Schon im März 2009 ist man eine Partnerschaft eingegangen mit dem Ziel des Kultur- und Wissensaustausches. Dazu gibt es natürlich auch touristische Ziele, werben doch die Rigi-Bahnen schon seit 2004 mit einem eigenen «Mt-Rigi-Büro» in Peking.

Besonderheiten der «Zwillinge»

Und die «Zwillinge» oder «Schwesterberge» – sind sie es auch wirklich? Tatsächlich sind sich die beiden Berge von der Form her frappant ähnlich. Der Chinese ist zwar mit 3099 Metern deutlich höher als der Schweizer mit seinen 1797 Metern. Und während Rigi Kulm ein 90 Meter hoher Sendemast krönt, sitzt auf dem Emei Shan ein 90 Meter grosser Buddha. Darüber hinaus haben beide Berge längst Geschichte geschrieben: Schon 1481 stellte der Einsiedler Mönch Albrecht von Bonstetten die Rigi als Mittelpunkt Europas vor, und seit dem 18./19. Jahrhundert steht die «Königin der Berge» sogar für die Schönheit der Alpen und den Ursprung des Bergtourismus. Dafür wartet der Emei Shan mit höheren Weihen auf, ist er doch einer der vier heiligen Berge Chinas, auf dem bis zur Kulturrevolution Maos rund 100 Tempel standen. In naher Zukunft kündigt sich bereits eine weitere «Gemeinsamkeit» an: Kann die Idee der Rigi-Bahnen umgesetzt werden, wollen die beiden Tourismus-Partner im kommenden Jahr je einen tonnenschweren Gesteinsbrocken austauschen und diesen werbewirksam auf ihren Bergspitzen platzieren, gewissermassen ein «steinerner» Chinese in der Schweiz bzw. ein Schweizer in China.

Doch viel näher liegen vermeintliche «Verwandtschaften», wie eingangs erwähnt, wenn es um den Namen Rigi selber geht. Wie einige Beispiele zeigen, reichen die auswärts geliehenen Zunamen von markanten Bergformationen über eine Standseilbahn (siehe Box) bis zu Hotels und Familiennamen:

Gottschalkenberg – Kleine Rigi

Vor über 150 Jahren entdeckten die Tourismuspioniere auf 1148 Metern über dem Ägerital einen prächtigen Aussichtspunkt: den Gottschalkenberg – schon 1507 nach dem ersten Besitzer der Alp und Weide, Ueli Gottschalk, so genannt. Es entstand dort 1867 nicht nur das erste Kurhaus, sondern das Gebiet ist rundum bis heute ein beliebtes Ziel für Wanderer geblieben. Ebenso berühmt seine Aussichten – nordwärts sind es der Zürichsee und die St. Galler und Appenzeller Alpen, südwärts die Innerschweizer Gipfel mit der Rigi. Nicht umsonst nannten schon die ersten Touristiker den Gottschalkenberg einfach «Kleine Rigi».

Piz Mundaun – Bündner Rigi

Nicht «Kleine Rigi», sondern gleich «Bündner Rigi» wird in der Surselva der Piz Mundaun südwestlich von Ilanz bezeichnet. Vom 2064 Meter hohen Gipfel geniesst man eine unvergleichliche Rundsicht bis hin zu den Berner und Österreicher Alpen. Ebenso faszinierend sind rundum die kulturellen Unterschiede: Während in den Ortschaften am Nordhang und im südlichen Val Lumnezia (Lugnez) romanisch gesprochen wird, erinnert das deutschsprachige Obersaxen über dem Rheintal an die einstige Besiedlung durch die Walser. Heute ist der Piz Mundaun ein bedeutender Wintersportort und ein ebenso beliebtes Wandergebiet.

Peissenberg – bayerische Rigi

Im oberbayerischen Landkreis Eilheim-Schongau trägt eine der höchsten Erhebungen im Alpenvorland gleich mehrere Namen: Ursprünglich Peissenberg, oft Hohenpeissenberg, offiziell jedoch Hoher Peissenberg. In Anspielung auf die Rigi als Aussichtsberg sei jemand auf die Idee gekommen, den Hügel mit dem prächtigen Panorama einfach «bayerische Rigi» zu nennen. Kommt dazu, dass auf dem Hohen Peissenberg auch eine Wallfahrtskirche, eine Wetterstation, ein meteorologisches Observatorium und eine Rundfunksendeanlage stehen. Zum Wanderwegnetz zählt auch eine Route des Jakobsweges. Und inzwischen hat sich die «Rigi» in den Gemeinden Hohenpeissenberg und Peissenberg sogar auf Einrichtungen übertragen: «Rigi Alm» (Restaurant), «Rigi-Rutschn» (Freibad) oder «Rigi-Center» (Einkaufszentrum).

Hohe Salve – Rigi Tirols

Die Hohe Salve erhebt sich zwischen Kufstein, Wörgl und Kitzbühel im Tirol und bietet auf 1828 Metern Ausblick auf berühmte Berge wie Hohe Tauern, Zillertaler Alpen, Wilder Kaiser, Grossglockner und Grossvenediger. Der kegelförmige Aussichtsberg in den Kitzbüheler Alpen ist deshalb seit Langem auch mit dem Spitznamen «Rigi Tirols» belegt. Wie könnte es anders sein – auch diese «Rigi» ist ein Eldorado für Wanderer, Skifahrer und Gleitschirmflieger. Dazu stehen auf dem Gipfel eine Wallfahrtskirche, ein Restaurant und daneben ein Sendemast …

Hoher Venn – Mont Rigi

Und schliesslich geht es noch nach Belgien, genauer in die Gemeinde Weismes im Hohen Venn. Hier ist es kein Berg, dessen Zuname Bezug zur Schweizer Rigi nimmt, sondern vielmehr ein Ort und ein Hotel, die beide «Mont Rigi» genannt werden. Es war um 1856, als im damals noch gänzlich unbewaldeten Venn die Landstrasse erstellt wurde. So entstand an der Strassengabelung nach Robertville für Menschen und Pferde eine Herberge und Pension. Die Namensgebung soll auf den damals zuständigen Bürgermeister von Weismes zurückgehen, der in seiner Gemeinde einige Orte nach illustren Namen benannte – hier eben nach dem «bekannten Berg am Vierwaldstättersee», wie es heisst. «Mont Rigi» ist heute touristischer Knotenpunkt für Wanderer und Wintersportler im Hohen Venn. Dazu gibt es ein Forstamt und neben dem «Hotel Mont Rigi» eine naturwissenschaftliche Forschungs- und Beobachtungsstation der Universität Lüttich. Letztere hat hier Tradition, wurden doch auf «Mont Rigi» schon Ende des 19. Jahrhunderts verschiedenste Wetterdaten aufgezeichnet.

Die Rigi wie ein Schiff erlebt

Zu guter Letzt taucht der Name Rigi auch rund um die Dolomiten auf, genauer in den Sextener Dolomiten; sie bilden die nordöstlichste Gebirgsgruppe des Südtirols. Wo könnte es auf Zacken, Graten und Alpen prächtigere «rigianische» Panoramaausblicke geben. Andere Spuren mit Rigi-Namen führen natürlich zu unzähligen Gasthäusern, notabene auch etwa in Italien, wo beispielsweise in Tortoreto ein Hotel «Nuovo Righi» heisst. Im Italienischen ist Righi sogar als Geschlechtsname zu finden, der in Deutsch kurzum zu Herrn oder Frau Berg wird.

Doch zurück zur originalen Rigi, dazu mit einem seltenen Vergleich zwischen zwei Schweizer Bergregionen, dem Engadin und eben unserer Rigi vor der Haustür. Die bedeutende Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, die sich oft im Engadin aufhielt und 1942 in Sils gestorben ist, hat um 1932 in ihrem alternativen Reiseführer «Schweiz (Ost und Süd) – Was nicht im ‹Baedeker› steht Folgendes notiert: «Man sagt, ein wenig vorschnell, das Engadin sei das schönste Hochtal der Welt. Solche Urteile sind nun mal anfechtbar und können keine allgemeine Gültigkeit fordern. (…) Es ist ein kühles und reines Bergtal, von südlich intensiver Farbigkeit und einer inneren Ausgewogenheit, welche nicht einmal so sehr harmonisch ist, aber beruhigend und gross in einem: Auf dem Rigi lebt man wie auf einem Schiff, man kann nicht fort – hier ruht man inmitten weiter Möglichkeiten, denn ringsum öffnen sich neue Täler, die Berge sind nicht unüberwindlich, kein starrer Eiswall, sie führen in andere gesegnete Länder …»

Quellen: Reiseführer, Schriften, Prospekte, Infos Rigi Bahnen.

Die italienische Hafenstadt Genua ist landeinwärts von Hügeln umgeben – mit atemberaubender Aussicht auf das Meer, die Dächer der Stadt und den Hafen mit den gigantischen Last- und Kreuzfahrtschiffen. Zehn Aufzüge und drei Standseilbahnen stehen zur Verfügung, um die «Aussichtsterrassen» zu erreichen. Einer der sogenannten Vororte auf 290 Meter über Meer heisst «Righi» – unverkennbar auf die Panoramasicht unserer Rigi anspielend. Diese Plattform ist mit dem längsten Funicolare, das schon vor über 100 Jahren in Betrieb genommen wurde, im Stadtteil Castelletto ab der Haupthaltestelle «Zecca Righi» zu erreichen. (hs)

Die erste Deutung des Namens geht auf das lateinische «Regina Montium», also «Königin der Berge», zurück, 1479 festgehalten vom Einsiedler Mönch Albrecht von Bonstetten. 1807 plädierte der Politiker, Arzt und Literat Karl Zay (1754–1816) aus Arth für «Mons ridigus», was er mit «kalter Berg» übersetzte. Schliesslich räumte der Luzerner Gelehrte und erste wissenschaftliche Namensforscher der Innerschweiz, Josef Leopold Brandstetter, mit den Deutungen aus dem Lateinischen endgültig auf. Er brachte erstmals den Namen mit dem althochdeutschen «riga» in Verbindung, was «Linie, Reihe» bedeutet. Mit den «Rigenen» sind nichts anderes als die deutlich sichtbaren Felsbänder (streifenförmige Gesteinsstruktur) auf der Nord- und Westseite des Rigi Kulm gemeint. Ebenso unbestritten ist unter Fachleuten die Bezeichnung «die» Rigi – auch wenn noch vor wenigen Jahrzehnten in Schriften und teils bis heute in der Umgangssprache «der» Rigi auftaucht. (hs)

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