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Das Flugzeugdrama an den Heubergen

Heute genau vor 75 Jahren ereignete sich das bis heute schwerste Fliegerunglück der Schweizer Armee. Vier Flugzeuge zerschellten im Nebel an den Felswänden der Heuberge in Muotathal. Sieben Personen starben.

Südostschweiz
Dienstag, 27. August 2013, 02:00 Uhr

Von Ruggero Vercellone

Muotathal. – Es war der Samstag, 27. August 1938. Der Nebel hing über Muotathal. Ein scheinbar ruhiger Endsommertag, der im Verlauf des Nachmittags zu einem tragischen Tag werden sollte.

An jenem Samstag treffen sich kurz vor 15.00 Uhr auf dem Militärflugplatz in Dübendorf fünf junge Piloten zur Einsatzbesprechung. Der jüngste Pilot, Leutnant Oskar Stäuble, ist 24 Jahre alt. Der ranghöchste Offizier, Hauptmann Decio Bacilieri, führt den Einsatz. Der 33-Jährige ist Kommandant der Fliegerstaffel 10 und einer der erfahrensten Piloten seiner Zeit. Zu ihnen gesellen sich drei Beobachter und zwei Mechaniker. Auch sie sind jung und gehören zum Team, das an jenem Samstag ein tragisches Ende finden sollte.

Flug nach Lugano

Ein Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges haben die fünf Piloten einen schönen Auftrag. Sie sollen vom Militärflugplatz Dübendorf nach Lugano fliegen. Dort findet die Einweihung des Flugplatzes statt. Die Staffel der Luftwaffenkompanie 10 soll dem festlichen Anlass eine spektakuläre Note verleihen und zeigen, was die noch junge Schweizer Luftwaffe alles kann.

Ihre Maschinen sind Doppeldecker des Typs Fokker CV-E. Sie haben offene Cockpits und Holzpropeller. Ihre Rümpfe und Flügel sind mit Stoff bespannt. Die Piloten selbst tragen dicke, unförmige Lederkombis, damit sie in der Luft gegen Wind und Wetter geschützt sind.

Im Nebel gefangen

Kommandant Bacilieri wusste, dass er an diesem Tag nicht nur durch stahlblauen Himmel fliegen konnte. Zwar verfügte er über Wetterdaten. Diese waren damals aber längst nicht so detailliert und aussagekräftig, wie sie heute sind. Deshalb entschloss er sich, den Flug durchzuführen.

Um 15.33 Uhr befanden sich die fünf Maschinen in der Luft. Bacilieri führte die Staffel an. Sie flogen in einer keilförmigen Formation Richtung Disentis. Dabei nutzten die Piloten die Zeit für Flug- und Funkübungen. Alles schien reibungslos zu verlaufen. Doch dann bahnte sich das Unheil an.

Im Muotatal gerieten die Flugzeuge kurz vor 16.00 Uhr zwischen zwei Wolkenschichten. Die Piloten, deren Flugzeuge aufgrund der rudimentären Instrumente nicht dafür gemacht waren, in den Wolken zu fliegen, hielten sich in der Formation. Sie wussten, dass sie nur so das Risiko eines Zusammenstosses untereinander minimieren konnten. Bacilieri suchte gemäss damaligen Berichten einen Ausweg, ein Loch, durch das er und seine Kameraden nach oben aus den Wolken gelangen konnten. Es schien aber keinen Ausweg zu geben. Deshalb beschloss der Kommandant, nach Dübendorf zurückzukehren. Er drehte nach rechts ab und liess seine Maschine nach unten sacken, um einen Zusammenstoss mit seinen Kollegen verhindern zu können. Dabei geriet er mitten in eine dicke Wolke und verlor die Orientierung. Seine Maschine schmierte ab, trudelte und streifte mit dem Flügel die Bergflanke der Heuberge. Sein Flugzeug stürzte ab und fing Feuer.

Bacilieri und sein Beobachter Hugo Sommerhalder überlebten den Absturz. Sie erlitten aber schwere Brandwunden. Trotz der Verletzungen machten sich beide auf den Weg ins Tal. Sie schafften es bis zur Klubhütte Druesberg, wo Bacilieri den Flugplatz Dübendorf informierte. Beide wurden anschliessend ins Spital nach Einsiedeln gebracht, wo Bacilieri am 7. September 1938 seinen schweren Brandverletzungen erlag. Sein Beobachter überlebte.

Einem Piloten gelang der Flug

Die anderen vier Piloten verloren sich aus den Augen. Die vier Maschinen versuchten im dichten Nebel die 180-Grad-Umkehrkurve in der Hoffnung auf klaren Himmel. Drei von ihnen gelang das Manöver nicht. Sie zerschellten an den südlichen Hängen des Heubergs. Federico del Grande, Sven Mumenthaler, Carlo Bonetti, Gino Romegialli, Oskar Stäuble und Hans Schlegel hatten keine Überlebenschance. Der Aufprall ihrer Maschinen war zu heftig, wie die späteren Untersuchungen zeigten.

Der Pilot der fünften Maschine, Werner Guldimann, hat mehr Glück. In seiner Maschine sass auch Mechaniker Arthur Favre. Er habe plötzlich gemerkt, dass es dunkler werde, «rechts etwas mehr als links», wie er sich vor 25 Jahren an der Gedenkfeier in Muotathal erinnerte. Er liess sein Flugzeug tauchen und riss das Flugzeug um. Nur 20 Meter von einer Felswand entfernt, schrammte seine Maschine am sicheren Tod vorbei. Eine Sekunde später stach er aus dem Nebel hinaus. Um 17.40 Uhr landeten Guldimann und sein Mechaniker unverletzt in Bellinzona. Erst Stunden später habe er vom Unglück erfahren. Guldimann wurde später Direktor des Eidgenössischen Luftamtes und Professor für Luftrecht an der Universität Bern. Er verstarb 87-jährig im November 2003.

Das bis heute schwerste Unglück in der Geschichte der Schweizer Luftwaffe hatte damals die Schweiz schockiert. Es hatte aber auch Konsequenzen. So wurde damals festgestellt, dass die Piloten zu jung waren und besser geschult werden mussten und dass die Fluggeräte überaltert und vernachlässigt worden waren. Ein Denkmal erinnert in Muotathal noch heute an das Unglück.

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