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Das alte Eherecht – eine Glosse

E inführung:

Südostschweiz
16.12.11 - 01:00 Uhr

E inführung:

Vor 40 Jahren ist von den Schweizer Männern das Frauenstimmrecht angenommen worden. 17 Jahre danach wurde das neue Eherecht mit der Gleichstellung von Mann und Frau angenommen. Christoph Blocher und seine SVP haben damals das neue Eherecht zusammen mit anderen Männertreu-Vereinen vehement bekämpft.

Den Paragrafen 160 «Der Ehemann ist das Haupt der Gemeinschaft!» galt es unter allen Umständen zu verteidigen.

Das Familienumfeld von Christoph Blocher hat sich geändert. Er hat nun eine fähige, studierte Tochter, Magdalena Martullo-Blocher, die seit 2004 erfolgreich die Ems-Gruppe leitet.

Mein Regie-Hintergrund:

Entgegen der geschichtlichen Tatsache haben in meiner Glosse Herr Blocher und seine Entourage im Jahr 1988 die Abstimmung gewonnen. Das alte Eherecht aus dem Jahr 1907 ist also immer noch in Kraft.

«Entschuldigen Sie, Herr Martullo, Sie spielen in meiner Glosse eine fiese Rolle!»

Roberto Martullo: «Spielen! Schon gut!»

Vorhang auf:

Christoph Blocher und sein Schwiegersohn Roberto Martullo spazieren auf dem grünen Herrliberg.

Christoph: «Lange nicht gesehen, was gibts Neues?»

Roberto: «Ach, du weisst, laut Paragraf 200 ‘Der Ehemann verwaltet das eheliche Vermögen’ müsste ich mich um die Emser Werke kümmern. Aber das ist mir zu viel. Ich habe die Geschäftsführung einer Treuhandfirma Zuppern oder so ähnlich übergeben.»

Christoph: «Ou, die kenn ich! Meine Tochter könnte den Betrieb aber auch …»

Roberto: «Vielleicht, aber laut Paragraf 167 ‘Mit ausdrücklicher oder stillschweigender Bewilligung des Ehemannes ist die Ehefrau befugt, einen Beruf oder ein Gewerbe auszuüben’ kann ich das verweigern, und das mache ich, denn ich will eine Frau, die zu Hause auf mich wartet und mich verwöhnt!»

Christoph: «Und sie, ist sie so glücklich?»

Roberto: «Ja, gemäss Paragraf 201 ‘Der Ehemann hat die Nutzung am eingebrachten Frauengut’ gehört der Vermögensertrag mir, und ich habe auf meinen Namen in Hintermondingen unserer Familie ein wunderschönes Haus gekauft. Wer soll da nicht glücklich sein?»

Christoph: «Aber warum denn gerade so weit ab vom Schuss?»

Roberto: «Erstens, das ist legal gemäss Paragraf 160 ‘Der Ehemann ist das Haupt der Gemeinschaft. Er bestimmt die eheliche Wohnung’. Zweitens, idyllische Landschaft, Schule und Dorfladen vorhanden. Meine Magadalena bekommt im Dorf alles, was sie braucht, und wenn sie einmal etwas Grösseres braucht, Wanderschuhe oder so, dann kann ich ihr diese mit meinem neuen Auto gerne besorgen. Zudem ist mir Paragraf 163 eingefahren: ‘Ihre Handlungen verpflichten den Ehemann!’ Ich hafte also gesetzlich für Magdalena. In Hintermondingen hat sie praktisch keine Gelegenheit, Geld auszugeben, und so hab ich sie im Griff.»

Christoph: «Will meine Tochter denn gar nicht mehr arbeiten? Immerhin hat sie Ökonomie studiert.»

Roberto: «Schon, aber ich wünsche mir eben eine Frau, die zu Hause ist, die kocht – übrigens ist das auch Gottes Wille. Er hat doch den Frauen extra kleine Füsse gemacht, damit sie besser am Herd stehen können! Ha ha, ha, ha …»

Christoph (lacht nicht): «Ich weiss nicht, meinst du nicht, Magdalena packt so eines schönen Tages die Kinder und geht?»

Roberto: «Alles, was ich mache, ist legal. Will sie einen Pass, müsste ich das bewilligen, und wenn sie geht, dann als schuldige Partei, ich bleibe ja streng innerhalb des gesetzlichen Rahmens.»

Christoph: «Stimmt, und du kennst dich ganz offensichtlich gut aus!»

Roberto: «Ja, wir haben eben viele Diskussionen. Darum liegt das Zivilgesetzbuch auch immer offen auf dem Stubentisch. Du hast bemerkt, ich kenne das Eherecht auswendig, und so kann ich Magadalena immer beweisen, dass alles legal und in Ordnung ist.»

Christoph: «Na, dann prost! Gott sei Dank spielen wir hier nur Theater und du bist ein flotter Schwiegersohn und – zum Glück für meine drei tüchtigen Töchter – hat das Schweizervolk seinerzeit nicht auf mich gehört und das neue Eherecht angenommen. Ich bin ja bekannt, dass ich Fehler zugeben kann, und so bin ich denn heute froh, dass keine meiner Töchter in Hintermondingen versklavt ist.»

Vorhang.

Nachwort:

So gibt es gewiss viele stolze Väter von Töchtern, die als ehemalige Gegner des neuen Eherechts jetzt insgeheim auch so denken und froh sind, dass ihre Töchter heute nicht so behandelt werden, wie sie es bei ihren Ehefrauen für richtig hielten.

Marianne Manzanell ist Kaufmännische Direktorin der Freymatic Ziegeleimaschinen-Fabrik in Felsberg.

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