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Churs Stadtlaterne wird angezündet

Die Passerelle des Bündner Kunstmuseums in Chur ist ein Merkstück der neueren Schweizer Architektur. Sie fand in den Achtziger Jahren für das damals keimende Thema «Erweitern und Reparieren» eine bis heute gültige Antwort:

Südostschweiz
Donnerstag, 21. November 2013, 01:00 Uhr Baukultur in GraubÜnden

Von Köbi Gantenbein*

Die Passerelle des Bündner Kunstmuseums in Chur ist ein Merkstück der neueren Schweizer Architektur. Sie fand in den Achtziger Jahren für das damals keimende Thema «Erweitern und Reparieren» eine bis heute gültige Antwort: Was zu- und eingefügt wird, soll erstens so sorgfältig und präzise gemacht werden, wie die zu ergänzenden Bauten sind, und zweitens soll das Zugefügte eigensinnig sein, aber nicht die laute Trompete spielen.

Zum Ersten hat Peter Zumthor als Architekt der Arbeitsgemeinschaft Calonder, Ruch und Zumthor die orientalische Märchenwelt studiert, die mit der Villa Planta im 19. Jahrhundert von Ägypten nach Chur gekommen ist. Und er hat die eingebündnerte Moderne betrachtet, die die Gebrüder Sulser dem alten Naturmuseum geschenkt hatten. Seine Aufgabe, die zwei Häuser und Welten zum neuen Bündner Kunstmuseum zu verbinden, löste er mit japanisch inspirierter Architektur, ausgeführt in schönem Zimmermanns- und Schreinerhandwerk.

Holzarchitektur, wie wir sie in japanischen Gärten finden, verbindet Märchen und Vernunft und sie baut eher ein Möbel statt ein Haus. Das erfüllt das zweite Anliegen. Die Passerelle ist keine Brücke, die auf zwei Widerlagern zwischen den zwei alten Bauten ewig steht, sondern sie ist wie ein grosses Stubenmöbel zwischen sie gestellt. Auf Stelzen mit leicht steigendem Boden steht das Möbel als mit Sonnenlicht verspielter Verbindungsgang für die Kunstbesucherinnen und ist zugleich Dach für die Kunstanlieferung. Seinen federleichten und leisen Charme verdankt dieser Bau übrigens auch dem Ingenieur Jürg Conzett und dem Architekten Dieter Jüngling, seinerzeit Zumthors Schüler in Haldenstein.

Gut ist ein Design dann, wenn es mehr kann, als wir unmittelbar von ihm erwarten dürfen. Das gilt auch für diesen Entwurf. Der Direktor des Kunstmuseums kann nämlich an diesen Spätherbsttagen das Licht in der Passerelle anzünden und so eine Stadtlaterne leuchten lassen. Wer seine spätherbstliche Melancholie trösten will, gehe also hin am neblig- düsteren Vorabend und schaue vom gekiesten Vorplatz aus die Churer Stadtlaterne. Und hat er Glück, kann er ein fünfstimmiges Requiem auf dieses Schmuckstück der neueren Architektur leise klingen hören. Denn es steht nur noch wenige Wochen. Dann werden die Bagger für das Erweiterungstürmchen des Kunstmuseums die Passerelle abbrechen und sie wird in der Kehrichtverbrennung von Untervaz Fernwärme spenden. Ein feines, wegleitendes und stadtprägendes Gebäude wird verschwunden sein.

* Köbi Gantenbein ist Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre».

Einmal pro Monat schreiben ausgewählte Autorinnen und Autoren über ein Beispiel zeitgenössischer aktueller Baukultur im Kanton Graubünden.

Infos unter www.suedostschweiz.ch/dossier.

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