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Beim Üben am Klavier drängt sich die Erinnerung auf

Gerne wird uns lebenslanges Lernen gepredigt. In ihrem neuen Buch «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte» nimmt sich Hanna Johansen dies zu Herzen und erzählt von einer Frau, die sich im Alter ein neues Ziel setzt.

Südostschweiz
02.09.14 - 02:00 Uhr

Von Beat Mazenauer (sda)

«Ich lerne Klavier spielen», notiert die Erzählerin zu Herbstbeginn am 22. September in ihr Tagebuch. Sie weiss nicht, worauf sie sich einlässt, doch: «Es gefällt mir, das nicht zu wissen.» Ein Klavier ist so etwas wie eine Schreibmaschine, die klingt, doch die Kombination «d-a-s heisst e-c-d, wird aber nicht so geschrieben». Aller Anfang ist schwer, beim Klavierspielen erst recht. Tag für Tag setzt sich die Tagebuchschreiberin an ihr Instrument und absolviert ihre Übungen. Diese erfordern Geduld, doch die Frau muss niemandem irgendwas beweisen. Sie möchte es einfach lernen.

Erinnerung an die Vierzigerjahre

Schon damals in Bremen stand bei den Grosseltern ein Klavier in der Stube. 70 Jahre ist das her, ein ungeliebter Onkel spielte darauf. Ahnte das Mädchen schon, dass er Hauptsturmführer bei der Reiter-SS war? Es gab damals auch ein Akkordeon, und später kam eine Altblockflöte hinzu.

Die Schreiberin wohnte mit ihrer Mutter in der Nähe der Borgward-Werke, die von den Alliierten bombardiert wurden. Der Vater blieb unsichtbar. Er war von der Wehrmacht eingezogen worden und nur selten auf Fronturlaub. Und als er entlassen wurde, lebte er anderswo, bei seinen Eltern. Die Mutter hatte sich von ihm getrennt. So waren Mutter und Tochter einander nah, ohne dass das Kind Genaues wissen wollte. Es lebte in den Tag hinein, mehr unbeschwert als bedrückt, und nur hin und wieder etwas verängstigt. Die Schreiberin denkt sich im Nachhinein, dass sie damals «hätte nachfragen müssen». Jetzt ist es zu spät, die toten Zeugen können nicht mehr befragt werden. Deshalb bleiben Geheimnisse, zum Beispiel über den Vater.

Meditative Stimmung

Hanna Johansen beobachtet akribisch die Lernfortschritte. Während draussen die Tage kürzer werden, die Blumen verblühen, die Blätter fallen und erster Schnee fällt, notiert die Schreiberin, was ihr durch den Kopf geht. Die sich wiederholenden Fingerübungen erzeugen eine meditative Stimmung, die zum Erinnern verführt. Allmählich nimmt dieses überhand. Die Gedanken schweifen ab. Sie durchqueren den Garten, den die Schreibende leidenschaftlich pflegt. Schon in Bremen damals war die Gartenarbeit wichtig, «in der Gärtnerei nebenan», auf Vaters Acker oder im weiten Garten der Grosseltern.

Tag für Tag

Sie notiert tastend und behutsam so, wie sie sich ihrem Klavierspiel hingibt: um Motive kreisend, Tonlagen ausprobierend, im abgewogenen Gleichmass. Entsprechend liest sich auch ihr unaufgeregt berichtendes Tagebuch. Allein, hin und wieder hätte ihm ein kurzes Intermezzo gut getan, ein allegro brillante – und sei es nur ein schnell hingetuschtes.

Was weiss die Erinnerung noch, was stammt aus Recherchen und vom Hörensagen? Die Schreibende vermag es nicht exakt zu sagen. Die Ebenen vermischen sich, eine Fotografie wird durch eine frühkindliche Erinnerung vervollständigt. Am Ende ist es ein amtliches Dokument, das die Vaterfigur schärfer konturiert. Das Mädchen damals hat vieles nicht wissen können.

Hanna Johansen: «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte». Dörlemann-Verlag. 320 Seiten. 33.50 Franken.

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