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Arnold Spescha, der «Uomo unviversale», wird 70 Jahre alt

Der Kanton Graubünden ehrte ihn 2007 mit dem Kulturpreis für seinen Einsatz für die romanische Sprache und die Blas-musik: Morgen kann der vielseitige Lehrer, Forscher, Dichter und Musiker Arnold Spescha seinen 70. Geburtstag feiern.

Südostschweiz
12.06.11 - 02:00 Uhr

Von Urs Dierauer*

Chur. – Dem Nachzügler, der am Freitag, 13. Juni 1941, im surselvischen Dorf Panix als sechstes Kind des Gemeindepräsidenten, Primarlehrers, Organisten, Mistrals und Bauern Giachen Gieri Spescha, einer eigentlichen Respektsperson, und der mütterlich gütigen Barla Antonia Spescha zur Welt kam, gab man den Namen Arnold. Arnold, ein alter deutscher Vorname, der aus den Gliedern arn (Adler) und walt (walten, herrschen) zusammengesetzt ist, bedeutet etwa «der, welcher wie ein Adler herrscht».

Er wuchs in jenem Haus auf, wo 1799 der fast 70-jährige General Suworow nach seinem Marsch über den Panixerpass abgestiegen war. Arnold schrieb seine erste Arbeit noch im Lehrerseminar über ihn; im Jubiläumsjahr 1999 besuchte Arnold St. Petersburg und das dortige Suworow-Museum. Eine fast militärische Willensstärke verbindet ihn mit dem berühmten General. Der Vater vererbte ihm die pädagogische und musikalische Begabung und die natürliche Autorität, die innig geliebte Mutter die warme Menschlichkeit.

Von Wind und Wetter zur Blasmusik

Nach der Sekundarschule in Ilanz besuchte er das Bündner Lehrerseminar in Chur, das er 1962 abschloss, und unterrichtete dann zwei Jahre in Arosa. 1964 bis 1969 studierte er in Zürich, Aix-en-Provence und 1970 in Perugia Französisch, Romanisch und Italienisch. Schon 1969 wurde er als Hauptlehrer für Französisch und Italienisch, später auch Romanisch an die Bündner Kantonsschule in Chur gewählt. 1970 heiratete er Elisabeth Alig, die ebenfalls aus Panix kam und die er von Kindsbeinen an kannte; sie schenkte ihm die drei Kinder Claudio, Flavio und Ursina und unterstützte ihn in seinem arbeitsreichen Leben ganz ausserordentlich. 1972 erhielt Arnold den Doktortitel für seine Arbeit «Wind und Wetter – Die meteorologischen Erscheinungen im Wortschatz einer Bündner Gemeinde (Pigniu/Panix)». Neben Literatur und Musik beschäftigte Arnold also von allem Anfang an intensiv der linguistische Bereich. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit verfasste er die 700 Seiten starke «Grammatica sursilvana» (1989) und das 400-seitige «Vocabulari fundamental sursilvan» (1994). Seine Arbeitskraft schien unendlich zu sein. Arnold widmete sich zugleich von Jugend an intensiv der Musik: Er war Trompeterfeldweibel, zwölf Jahre Dirigent der Churer Stadtmusik und 22 Jahre Präsident der kantonalen Musikkommission. 2001 verfasste er zusammen mit Raimund Alig das Buch «Graubündner Kantonaler Musikverband 1901–2001».

Vor allem aber war Arnold ein begeisterter und begeisternder Lehrer, der mit grossem Fachwissen und pädagogischer Begabung, aber auch mit viel Verständnis und Menschlichkeit unterrichtete. Es ist vielleicht eigenartig, dass der Lieblingsautor des gläubigen Christen der atheistisch-existenzialistische Dichter Albert Camus war. Genau wie Arnolds hochgeschätzter Lehrer, der Dichter Gion Deplazes, war Arnold in seinen letzten acht Schuljahren auch Konrektor der Kantonsschule. Auch dieses Amt übte er höchst pflichtbewusst aus, arbeitete in den Sommerferien mit Kollege Herbert Alder wochenlang die schwierigen Stundenpläne aus; kranke Schüler seiner Abteilung besuchte er im Kantonsspital oder Waldhaus. Es war aber wohl ein Glück für Arnold selbst und seine Familie, dass er 2004 nach 35-jähriger Lehrtätigkeit zurücktrat.

Gedichte, die buchstäblich klingen

Im November 2007 erhielt Arnold den Bündner Kulturpreis in Anerkennung seiner leidenschaftlichen Förderung der romanischen Sprache sowie für seinen grossen Einsatz für die Blasmusik in der Schweiz. Im gleichen Herbst 2007 erschien im Limmat-Verlag Zürich ein doppelsprachiger Gedichtband mit lauter musikalisch inspirierten rätoromanischen Gedichten von Arnold Spescha: «Ei dat ils muments da pass lev – Zeiten leichtfüssigen Schritts», Gedichte rätoromanisch und deutsch. Die 56 Gedichte tragen alle musikalische Titel. Der «Hymne» auf die fünfte Sinfonie von Ludwig van Beethoven kommt eine besondere Bedeutung zu. Diese sogenannte Schicksalssinfonie erlebte Arnold als Jugendlicher wie eine Offenbarung, und seither hat er sie in jeder Stimmung wiedergehört und alle erreichbaren Interpretationen gesammelt. In der «Hymne» vergleicht er sie mit einem Menschen, der ihn das ganze Leben begleitet hat und ihm auch jetzt noch Halt und Stütze gibt, ja sogar die Freude mit ihm teilt. Dass Arnold solche Freude an Beethoven, an der Musik und der Dichtung und am Leben überhaupt noch lange erhalten bleibt, wünschen wir ihm ganz herzlich.

*Urs Dierauer war Kantonsschullehrer in Chur und ist ein Freund Arnold Speschas.

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